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„Stern TV“: AfD-Chef greift im TV zu beliebter Strategie – ausgerechnet ER grätscht dazwischen

Bei „Stern TV“ kam AfD_Bundessprecher Jörg Meuthen mit einer beliebten Taktik nicht durch.
Bei „Stern TV“ kam AfD_Bundessprecher Jörg Meuthen mit einer beliebten Taktik nicht durch.
Foto: dpa

Köln. Es waren sehr politische Momente am Mittwochabend bei „Stern TV“ bei RTL. Zu Gast war ein Mensch mit einer ganz besonderen Lebensgeschichte: Niklas Frank. Der 80-Jährige ist der Sohn von Hans Frank, der als „Schlächter von Polen“ in die Geschichte einging.

Der 1900 in Karlsruhe geborene Hans Frank war der Anwalt von Adolf Hitler und später hochrangiger Funktionär der NSDAP. Er verantwortete unter anderem die Vernichtungslager auf polnischem Boden, darunter auch Auschwitz.

„Stern TV“: Sohn von NS-Kriegsverbrecher in großer Sorge

Im Alter von 46 Jahren wurde Hans Frank im Zuge der Nürnberger Prozesse zum Tode verurteilt und erhängt. Niklas Frank schämt sich heute für seinen Vater und sagt im Gespräch mit „Stern TV“: „Er hat es verdient.“

Der mittlerweile 80-jährige Frank hat nun eine Sorge - dass die AfD der geistige Wiedergänger der Nazi-Partei NSDAP ist. Seinem Vater würden die Äußerungen von führenden AfD-Politikern sicher gefallen, glaubt Frank: „Die Richtung, in die Deutschland marschiert, würde ihm gefallen.“

Niklas Frank konfrontiert AfD-Anhänger

Niklas Frank trifft bei „Stern TV“ auf AfD-Spitzenpolitiker

Im Rahmen von „Stern TV“ trifft Frank im Studio schließlich auf AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen. Der 58-Jährige gilt als gemäßigter AfD-Politiker und versucht, Frank davon zu überzeugen, dass seine Partei keine Gefahr für die deutsche Demokratie darstellt.

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Doch schon zu Beginn wird klar, dass die Diskussion rau wird. „Können Sie im Ansatz verstehen, dass er die Rhetorik seines Vaters darin wiedererkennt“, fragt Moderator Steffen Hallaschka den AfD-Bundessprecher in Bezug auf die Sprache der AfD. „Nein“, meint Meuthen ganz klar und erntet damit Lacher im Publikum. Zunächst geht es vor allem um ein Zitat von AfD-Bundessprecher Alexander Gauland:

  • „Wir werden sie jagen. Wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen. Und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“

Niklas Frank lässt Meuthen mit beliebter Strategie nicht durchkommen

Meuthen reagiert, indem er darauf hinweist, dass auch FDP-Chef Lindner mal zur Jagd auf die Regierung der damaligen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft geblasen hätte und auch Sigmar Gabriel mal zu einer Jagd aufgerufen hätte.

Damit bedient Meuthen sich einer bei Politikern beliebten Strategie, die im englischsprachigen Raum als „Whataboutism“ bekannt ist: Sprich: Wenn man mit einer möglichen Verfehlungen konfrontiert wird, reagiert man, indem man auf die angeblichen Verfehlungen anderer hinweist.

„Einen Mist mit dem anderen rechtfertigen, kann ja nicht die Lösung sein“, meint Steffen Hallaschka, dem diese Strategie offenbar bestens vertraut ist. Doch vor allem Niklas Frank grätscht dazwischen: „Was sie jetzt wieder machen, ist das typische Wegmachen mit anderen Vergleichen.“

Meuthen erntet Buh-Rufe aus dem Publikum

Heftig wird die Diskussionsrede dann aber, als es um Aussagen des umstrittenen Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke geht. Den hatte dem „Wall Street Journal“ 2017 mit folgenden Worten zitiert:

  • „Wissen Sie, das große Problem ist, dass man Hitler als das absolut Böse darstellt.“

Als Meuthen rät, in Bezug auf Höcke-Zitate doch lieber Höcke einzuladen, platzt Niklas Frank der Kragen: „Aber warum weichen Sie wieder aus? Sie weichen dauernd aus.“ Das Publikum reagiert auf Meuthens ausweichende Antworten mittlerweile mit lauten Buh-Rufen. „Sie sind Bundessprecher. Sie sind das bürgerliche Aushängeschild einer Partei, die dabei ist, sämtliche demokratischen Grundsätze auszuhebeln“, wirft Frank Meuthen vor.

„Sie reden viel über die Vertreter anderer Parteien“

Als Meuthen wieder auf Zitate von FDP-Chef Christian Lindner eingehen will, reagiert Hallaschka genervt: „Sie reden viel über die Vertreter anderer Parteien. Aber ich würde Sie gerne bitten, heute mal über die Aussagen ihrer Partei zu reden.“

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Zum letzten Schlagabtausch kommt es in Bezug auf eine Aussage von Alexander Gauland. Es ging dabei um ein Interview der SPD-Politikerin Aydan Özoguz, die 2017 behauptet hatte, dass es jenseits der Sprache keine spezifisch deutsche Kultur gebe. Gauland reagierte, indem er im Rahmen einer Rede sagte:

  • „Das sagt eine Deutschtürkin. Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch, Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen können.“

„Sie machen aus Menschen Müll“ wirft Frank Meuthen und dessen Partei vor. Der reagiert, indem er die Aussage als zu drastisch darstellt und sagt, dass Sigmar Gabriel mal etwas Ähnliches gesagt habe. Das laut buhende Studiopublikum hat Meuthen zu diesem Zeitpunkt offensichtlich verloren.

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Hallaschka wirft Meuthen anschließend vor, seine vorsichtige Distanzierung sei scheinheilig. Denn als Reaktion auf Gaulands Aussage hatte Meuthen bei einer Rede in Nürnberg gesagt:

  • „Allerdings, lieber Alexander Gauland, habe ich so meine Zweifel, ob man den Anatolen diese Gesellschaft zumuten kann [...]. Überhaupt, ihre Bescheidenheit, nur diese eine Person entsorgen zu wollen, erscheint mir hier ausnahmsweise unangebracht.“

„Unser Ziel ist es, die ganze Regierung Merkel rückstandsfrei zu entsorgen“, fuhr Meuthen fort. Auch damals wies Meuthen darauf hin, dass er nur ein Zitat Sigmar Gabriels benutze, der 2012 in Bezug auf die schwarz-gelbe Bundesregierung genau das gesagt hatte. Allerdings sprach Gabriel nicht über einzelne Personen und einen rassistischen Hintergrund hatten die Aussagen auch nicht.

„Warum reden Sie über Frau Merkel, wenn wir Sie zu ihrer Wortwahl befragen“

„Es geht um eine politische Entsorgung. Nicht um Müll“, versucht Meuthen klarzustellen. Doch Frank grätscht wieder dazwischen: „Was ist denn eine politische Entsorgung in Anatolien?“

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Darauf antwortet Meuthen nicht und sagt stattdessen, dass er meine, man müsse die Bundesregierung „umfassend aus der politischen Verantwortung entlassen.“ „Warum reden Sie über Frau Merkel, wenn wir Sie zu ihrer Wortwahl befragen“, will Hallaschka wissen.

Die Wortwahl sei „sehr kräftig“, aber man würde sie im „politischen Gebrauch schon mal an den Tag legen“ sagt Meuthen, der die Formulierung erst kurz zuvor noch als zu drastisch dargestellt hatte.

Am Ende des Gesprächs ist klar, dass Niklas Frank und Jörg Meuthen definitiv nicht mehr zueinander finden werden. Der 80-Jährige ist von dem Gespräch enttäuscht: „Der hat nicht wirklich geantwortet.“ (fel)