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Hanau: Er wurde für tot erklärt – jetzt meldet sich vermeintliches Opfer mit wichtiger Nachricht

Die Angehörigen trauern in Hanau um zehn Tote, die von einem Attentäter erschossen wurden.
Die Angehörigen trauern in Hanau um zehn Tote, die von einem Attentäter erschossen wurden.
Foto: dpa

Hanau. Ferhat. Gökhan. Hamza. Said Nessar. Mercedes. Sedat. Kaloyan. Fatih. Vili.

Sie hatten gemeinsam, dass sie oder ihre Eltern einst nach Deutschland kamen. Nach Hanau, in diese multikulturelle Stadt unweit von Frankfurt. Jetzt sind sie tot. Getötet von Tobias Rathjen, dem Attentäter von Hanau, der am Mittwochabend neun Menschen, dann seine Mutter Gabriele, schließlich sich selbst tötete.

Hanau: Gesichter und Namen der Opfer sollen nicht vergessen werden

Der Attentäter handelte angetrieben von einer „zutiefst rassistischen Gesinnung“, wie es der Generalbundesanwalt nannte und seine wirren Manifeste und Videoaufnahmen deutlich machten.

Er hat dafür gesorgt, dass sein Bild und sein Name unweigerlich verbunden bleiben mit dieser Wahnsinnstat. Seine Opfer, die er hinterhältig erschoss, konnten keinen Einfluss nehmen, wie man sich an sie erinnert.

Freunde und Angehörige haben unter dem Hashtag #Saytheirnames (Sagt ihre Namen) aufgerufen, ihre Gesichter und Namen nicht zu vergessen. Die neun Todesopfer von Hanau, acht Männer und eine Frau, waren zwischen 21 und 44 Jahren alt.

Namen

Sie haben die deutsche, die türkische, die bulgarische oder die rumänische Staatsangehörigkeit, kommen aus Bosnien-Herzegowina und Afghanistan. Das hat das Landeskriminalamt am Freitag mitgeteilt.

Einige von ihnen sind Mitglieder eines kurdischen Vereins. Laut des stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Mehmet Tanriverdi, haben fünf der Opfer kurdische Wurzeln. „Sie sind deutsche Staatsangehörige“, sagte er.

Sedat besaß Shishabar, Mercedes war zweifache Mutter

Da ist Sedat, der Besitzer der Shishabar "Midnight", in der die ersten Schüsse fallen. Und Hamza, das jüngste Opfer, das ganz in der Nähe des Täters wohnte. Seine Familie suchte während des Bosnienkriegs in Deutschland Schutz. Er wurde nur 21 Jahre alt.

Mercedes, die im Kiosk neben der "Arena Bar" gearbeitet hat und an diesem Abend sich nur schnell eine Pizza holen wollte. „Meine Schwester war ein toller Mensch“, sagte ihre jüngere Schwester Melissa zu "Bild". Die Romani-Mutter hinterlässt zwei Kinder. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, erklärte: „Der Zentralrat und alle Sinti und Roma in Deutschland trauern mit den Angehörigen um die ermordete junge Frau, die Mutter von zwei Kindern. Wir trauern um sie und um alle Opfer dieses rechtsterroristischen Anschlags.“

Opfer

Auch Gökhan (37) musste sterben. Er sorgte sich um seinen Vater, weil der an Krebs leidet. Jetzt muss er seinen Sohn zu Grabe tragen.

Ferhat (22) war Kurde, ging in Hanau zur Schule: sein Opa kam 1979 nach Deutschland. „Er hat hier Straßen gebaut, die Ferhats Mörder vielleicht in der Nacht gefahren ist“, schreiben Freunde in den sozialen Medien. Sein Vater sagte der "Bild". „Wir sind am Ende mit unseren Kräften.“

Fatih war erst vor kurzem aus Regensburg nach Hanau gekommen und wollte sich hier selbstständig machen.

Vili wollte Informatik studieren

Vili, 23, kam vor sieben Jahren aus Rumänien nach Deutschland, pflegte seine Mutter und wollte Informatik studieren. Said Nessar, der Mann mit den afghanischen Wurzeln, posiert in Instagram stolz mit seinem Mercedes. Und Kaloyan aus Bulgarien.

Zuletzt starb Gabriele Rathjen (72) an jenem 19. Februar. Erschossen von ihrem eigenen Sohn.

opfer

Bilal G.: „Ich lebe“

Unter den Verletzten sind laut LKA je zwei Menschen mit deutscher und türkischer Staatsangehörigkeit und einer mit deutsch-afghanischer Zugehörigkeit. Unter ihnen ist Bilal G., über den im Netz kursierte, dass er gestorben sei. „Ich lebe“, sagt er und will, dass es alle wissen.

Auch Muhammed B. lebt. Er liegt angeschossen im Krankenhaus und schildert im türkischen Fernsehen von den entsetzlichen Momenten. „Er hat den ersten, den er sah, in den Kopf geschossen. Er fiel zu Boden. Dann kam er zu uns und hat auf uns geschossen“, sagt er aus dem Krankenbett. Er konnte sich hinter einer Wand verstecken. Er wurde an der Schulter getroffen und muss mitansehen, wie um ihn herum seine Freunde sterben. Einer sagte noch: „Bruder, ich spüre meine Zunge nicht mehr. Ich kann nicht atmen.“ Dann war Stille.