Braunschweig 

Kurvenmutti Christel: Eintracht ist ihr Leben

Christel Neumann ist in Braunschweig besser bekannt als "Kurvenmutti".
Christel Neumann ist in Braunschweig besser bekannt als "Kurvenmutti".
Foto: Karoline Steinbock

Braunschweig. In Braunschweig ist Christel Neumann (72) bekannt wie ein bunter Hund - und als "Kurvenmutti" nicht nur Eintracht-Fans ein Begriff. Selbst wenn sie nur zum Bäcker geht, wird sie mit einem fröhlichen "Das ist doch die Kurvenmutti aus dem Stadion" begrüßt.

"Eintracht ist mein Leben"

Die Rentnerin, einst Jugendherbergs-Mutti in Braunlage, ist schon seit Jahrzehnten Eintracht-Fan - wie lange genau, kann sie gar nicht mehr sagen. "Man geht einmal ins Stadion und ist infiziert." Auch wie es überhaupt zu dem Namen "Kurvenmutti" kam, daran erinnert sich Christel schon gar nicht mehr. Zwar hat sie im Stadion ihren festen Platz im Fanblock, doch seit zwei, drei Jahren ist sie meist im Innenraum und sammelt dort die Plastikbecher für einen guten Zweck. "Ich weiß gar nicht mehr genau, wer sich das mal ausgedacht hat", erzählt die 72-Jährige. "Die Kleinen aus dem Stadion kommen immer runter zu mir. Dann muss ich sie immer abklatschen, und so ist das irgendwie gekommen."

Der Zweitliga-Club ist aus ihrem Leben nicht mehr wegzudenken. "Eintracht ist mein Leben. Es ist wie eine große, besondere Familie." Jeden Tag ist die Rentnerin im Stadion am Helfen. "Ich bin jeden Tag von 8 bis 17 Uhr dort", sagt Christel. "Was soll ich denn zu Hause allein? Meine Enkelkinder sind in Berlin, und im Stadion hab' ich immer was zu tun. Wenn nicht, suche ich mir einfach etwas." Mittlerweile hat Christel sogar einen Generalschlüssel für das Eintracht-Stadion. So muss sie nie vor verschlossenen Türen stehen.

"Der Trainer wird das schon machen"

Die Saison 2016/2017 ist für alle Eintracht-Fans etwas ganz Besonderes. Es ist die 50. Saison, nachdem die Braunschweiger Fußballer überraschend Deutsche Meister wurden. In der Jubiläumssaison freilich sind die Ziele kleiner: Wenn Eintracht wieder um den Aufstieg in die erste Liga mitspielen könnte, wäre das schon ein großer Erfolg.

Welche Chancen sie für Eintracht in der kommenden Saison sieht, mag Christel aber gar nicht so richtig sagen. Für sie leistet die Eintracht aber gute Arbeit. "Wie das mit den neuen Spielern wird, muss man sehen. Da muss man sich Zeit lassen, aber der Trainer wird das schon machen". Da gibt sich Christel zuversichtlich. Auch den Wechsel von Marc Pfitzner sieht sie eher gelassen. "Er hat früh bei Eintracht angefangen und sucht nun eine neue Herausforderung. Das muss man verstehen."

Nur das Wort "Aufstieg" mag sie nicht in den Mund nehmen. "Das sagen nur die, die keine Ahnung haben." Hat sie sonst Wünsche für die kommende Saison? "Beim Spiel gegen Hannover 96 wünsche ich mir, dass die Fans nicht wie letztes Mal am Bahnhof festgehalten werden. Ohne Klatschen und Singen gibt es im Stadion gar kein richtiges Derby-Gefühl."

Eintracht ist mehr als nur Fußball

Neben dem Fußball engagiert Christel sich auch noch für gute Zwecke. Eintracht, das ist für die 72-Jährige eben mehr als nur Fußball. Während der Heimspiele sammelt sie die Becher im Innenraum, bei Auswärtsspielen verkauft sie in den Fanbussen oder Sonderzügen Frikadellen oder geschmierte Brote, oder sie geht mit einer Sammelbüchse herum.

So konnte die 72-Jährige zum Beispiel seit mehreren Jahren die Dauerkarte für einen taubstummen Eintracht-Fan finanzieren. Die Eintracht-Fangemeinde ist für Christel sowieso etwas Einmaliges. Wenn ein Fan nach Hilfe fragt, dann bekomme er die auch. "Wenn ein Eintracht-Fan in Not ist, dann helfen die anderen immer". Gemeinsam habe man schon viel Gutes getan - "doch viele Eintracht-Fans helfen lieber im Stillen".

"Ich brauche den Trubel, sonst würde ich mir einsam vorkommen"

Jeder, der Kummer und Sorgen hat, kann sich an die 72-Jährige wenden. "Das kennen die Fans schon gar nicht mehr anders". Vor allem junge Menschen kommen oft auf Christel zu. "Immer mehr Jugendliche fragen mich, ob ich nicht mal mit ihren Eltern reden kann", sagt sie. Diese Anerkennung ist für die 72- Jährige etwas Besonderes. "Diese Achtung und Respekt muss man sich erst erarbeiten".

Doch auch Abseits des Stadions bekommt Christel als Kurvenmutti viel Aufmerksamkeit. Bei der "Sportschau", "mein Nachmittag" oder "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" war die Braunschweigerin schon im Fernsehen zu sehen. Doch auch auf der Kinoleinwand in Florian Quartz' "Der 12. Mann" und auf der Bühne des Staatstheaters Braunschweig in dem Stück "Eintracht ist unser Leben" hat sie mitgewirkt.

Sogar bei YouTube ist sie vertreten. Wird ihr der ganze Trubel nicht irgendwann zu viel? "Ich brauche den Trubel, sonst würde ich mir einsam vorkommen", sagt sie. "Ich bin da auch ein bisschen stolz drauf".

Das Video