Braunschweig 

Betriebsrat unerwünscht: Chef will bis zur höchsten Instanz

Der Sitz der Wentronic GmbH in der Pillmannstraße: Knapp 200 Mitarbeiter sind für den Distributor in Braunschweig tätig.
Der Sitz der Wentronic GmbH in der Pillmannstraße: Knapp 200 Mitarbeiter sind für den Distributor in Braunschweig tätig.
Foto: Siegfried Denzel
  • Wentronic GmbH Braunschweig: Tauziehen um Betriebsrat.
  • Chef: Mehrzahl der Mitarbeiter will kein solches Gremium.
  • Gewerkschafterin: So etwas wie bei Wentronic noch nie erlebt.

Braunschweig. "Es ist ein ganz schwieriges Unterfangen", sagt Kornelia Jung, Gewerkschaftssekretärin im Ver.di-Bezirk Süd-Ost-Niedersachsen. "Soll in einem Unternehmen erstmals ein Betriebsrat gewählt werden, führt das beim Arbeitgeber selten zu Begeisterungsstürmen."

So wie bei Michael Wendt, dem Geschäftsführer der Wentronic GmbH. "Globale Distribution mit Heimathafen Braunschweig", ist vollmundig auf der Homepage der Firma zu lesen.

Und stolz verweist der Familienbetrieb auf die erst im Juni von der "Allianz für die Region GmbH" verliehene Auszeichnung als "Zukunftgeber" - für besonders ansprechende Arbeitsbedingungen.

Knapp 200 Mitarbeiter in Braunschweig

Doch einen Betriebsrat möchte der 49-Jährige lieber nicht in seinem am Braunschweiger Standort knapp 200 Mitarbeiter zählenden Unternehmen.

"Wir haben nichts gegen einen Betriebsrat", sagt er zwar. "Ich finde aber, dass uns ein Betriebsrat nicht besser macht."

Im Kampf gegen eine solche Mitarbeitervertretung will er notfalls vors Bundesarbeits- beziehungsweise Bundesverfassungsgericht ziehen: "Wir wollen ein Urteil, das uns ermöglicht, das Betriebsverfassungsgesetz zu hinterfragen."

Denn jener Paragraph, der die gerichtliche Bestellung eines Wahlvorstands vorsieht, sofern im Betrieb selbst kein solches Gremium zustande gekommen ist, sei "undemokratisch".

Weiße Stimmzettel abgegeben

Genau das aber soll am 21. August vor dem Arbeitsgericht Braunschweig passieren: Es muss entscheiden, ob es einen Wahlvorstand einsetzt. Denn als es bei Wentronic vor einigen Wochen um die Wahl eines Wahlvorstands gegangen ist, haben die meisten Anwesenden leere Stimmzettel abgegeben.

Druck ausgeübt?

Gewerkschaftssekretärin Jung spricht von 60 Prozent weißer Zettel, zustandegekommen auf Druck der Geschäftsführung. Chef Wendt nennt sogar eine Zahl von 75 Prozent - und wertet dies als klares "Nein" der Belegschaft zu einem Betriebsrat. Dass er Druck auf Mitarbeiter ausgeübt habe, bestreitet Wendt ganz ausdrücklich.

Stattdessen "sind viele Mitarbeiter zu mir gekommen und haben gesagt, dass hier einige wenige ihr eigenes Ding durchziehen" wollen, schildert Wendt. Nach Informationen von news38.de gelten diese Betriebsrats-Befürworter intern sogar als "Störenfriede".

Denn bei Wentronic herrsche eine offene Atmosphäre mit hoher Mitarbeiter-Wertschätzung, und auch für die Qualität der Arbeitsplätze habe das Familienunternehmen viel investiert, versichert Michael Wendt, der gemeinsam mit seinem Bruder Marcus die Geschicke der Firma führt.

Denn: Schlechte Arbeitsbedingungen und "ein autoritärer Chef - da hat ein Unternehmen langfristig keine Chance".

"Fehler im System"

Es sei also gewissermaßen ein "Fehler im System", wenn trotz des gegenteiligen Votums aus der Belegschaft gerichtlich ein Betriebsrat "durchgeboxt" werden solle - mit Hinweis auf das Betriebsverfassungsgesetz. Deshalb sei es Zeit für eine Veränderung - und die könne von Braunschweig ausgehen.

"Wenn sich die Gesellschaft ändert, muss sich auch die Gesetzeslage ändern", sagt Wendt selbstbewusst. "Und irgendjemand muss ja den Anstoß dazu geben."

Gewerkschafterin fassungslos

Dies ist ein Hinweis darauf, dass Wentronic notfalls bis in die letzte Instanz ziehen wird, sollte das Braunschweiger Arbeitsgericht pro Betriebsrats-Wahlvorstand entscheiden. Und dies ist genau jenes, was Gewerkschaftssekretärin Jung befürchtet: "Der Arbeitgeber spielt auf Zeit - und versucht, in der Zwischenzeit in Gesprächen bei den Mitarbeitern Ängste zu schüren."

Schikane gegen Betriebsrats-Befürworter?

Das Ausmaß der Blockadestrategie bei Wentronic sei so groß, "das habe ich bisher noch nicht erlebt - nicht in den zwölf Jahren, in denen ich jetzt dabei bin", beschreibt Kornelia Jung. Wer als betriebsratsfreundlich gelte, werde regelrecht schikaniert - was bis zur fristlosen Kündigung nach jahrzehntelanger Beschäftigung reiche.

Ein ehemaliger Wentronic-Mitarbeiter beschreibt gegenüber news38.de, dass unbotmäßige Angestellte "zum Chef gerufen und dann auf ihr Alter angesprochen werden. Ob sie glauben, dass sie in ihrem Alter noch was anderes finden".

Eine andere Beschäftigte beschreibt die von Geschäftsführer Wendt beschworene offene Atmosphäre als "PR-Gag. Wer den Mund aufmacht, hat verloren".

"Gegen-Betriebsrat"

Unterdessen laufen bei Wentronic die Vorbereitungen für eine Betriebsrats-Alternative - mit dem Segen des Chefs: "Mitarbeiter-Gremium" soll das Ganze heißen - und unter anderem den "Einklang von Mitarbeiter- und Firmeninteressen durch konstruktive Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung" gewährleisten, wie es in einer news38.de vorliegenden Rundmail an die Belegschaft heißt.

Michael Wendt freut sich darüber: "Das scheint ganz gut angenommen zu werden", sieht er eine große Resonanz unter seinen Beschäftigten. Er wolle dieses Gremium nach seiner Bildung "aktiv unterstützen".

Gewerkschafterin in Sorge

Gewerkschaftssekretärin Jung sieht derweil mit Sorge auf den Kalender: Sobald die Wentronic-Führung auch nur das Landesarbeitsgericht als nächste Instanz in Sachen Betriebsratswahl anrufe, "wird's im Jahr 2018 nichts mehr" - und jede Verzögerung spiele der Geschäftsführung in die Hände.