Braunschweig 

Braunschweig: Einzigartige Mini-Matratze soll Frühchen beim Überlebenskampf helfen

TK Presse & Politik
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  • Emotionale Seite der Digitalisierung.
  • Hightech-Matratze im Inkubator.
  • Mutter-Kind-Simulation in Braunschweig.

Braunschweig. Sie bringt ein kleines Stück Menschlichkeit zurück in eine hochtechnische Welt: Am Klinikum Braunschweig gibt es neuerdings eine einzigartige "Frühchen-Matratze". Die bionische Gelmatratze soll eine emotionale und zeitliche Lücke schließen und zu früh geborenen Babys helfen, sich positiv zu entwickeln.

Bewegung, Atmung und Herzschlag werden aufs Baby übertragen

Dank einer neuen Technik - versteckt in einer leuchtenden Schildkröte - können die Eltern ihren Herzschlag, ihren Atem sowie ihre Stimmen aufzeichnen, indem sie die Schildkröte anstatt ihr Baby auf ihre Brust legen.

Diese für ein Baby unfassbar wichtigen Reize werden dann auf die Matratze des Frühchens im Inkubator übertragen. Entweder live oder aufgezeichnet. Das Baby soll spüren und denken, es liege auf einem echten Bauch. Die 50 Zentimeter kleine Matratze überwindet also Zeit und Raum.

Es sei zwar immer am besten, wenn die Eltern wirklich da seien, sagte Neonatologe Jost Wigand Richter am Donnerstag: "Sie haben die höchste Kompetenz für ihr Baby, das ist angeboren."

Eltern können nicht immer da sein

Aber Eltern könnten nicht 24 Stunden mit ihrem Neugeborenen kuscheln: "Umso wichtiger sind positive, beruhigende Reize in einem Inkubator, der manchmal laut und sicher ungemütlich ist", so der Frühchen-Experte. Frühgeborene seien wie Vögelchen, die aus dem Nest gefallen sind.

Auch Mutter soll gutes Gefühl haben

Auch Lydia Schneider, Leiterin der Kinder-Intensivstation, betonte, wie wichtig Hautkontakt für Neugeborene sei, insbesondere für Frühchen. "Das schafft Urvertrauen und nimmt den Kleinen die Angst - denn mit der Geburt ändert sich ja auf einmal alles", sagte Schneider.

Die Matratze gebe aber auch der Mutter ein gutes Gefühl: "Auch wenn ich als Mama nicht da bin - ich bin ja trotzdem da."

Babybe-Matratze wird in Braunschweig getestet

Entwickelt wurde "Babybe" von einem Stuttgarter Start-up-Unternehmen. Bei einem ersten Besuch einer Frühchenstation sei eigentlich alles da gewesen - überall Kabel, Schläuche und Technik, sagte Babybe-Chef Maximilian Blendinger. "Das einzige, was nicht da war, waren die Eltern dieses kleinen Wesens."

Diese emotionale Distanz wolle sein Team mit der Matratze überbrücken: "Wir wollen Menschen helfen, eine Familie zu werden", so Blendinger.

Klinikum Braunschweig will emotionale Lücke schließen

Auch Klinik-Chef Thomas Bartkiewicz will die emotionale Lücke schließen. Er freue sich, die Matratze als erstes Krankenhaus in Niedersachsen einsetzen und im Stationsalltag erproben zu dürfen, so Bartkiewicz.

Inken Holldorf, Leiterin der Techniker Krankenkasse in Niedersachsen, sprach von einer "beeindruckenden Innovation und einem guten Beispiel dafür, dass die Digitalisierung echten Nutzen für die Versorgung stiftet".

Multizentrische wissenschaftliche Studie startet

Im Rahmen einer Studie soll "Babybe" ab sofort getestet werden, jeweils vier bis sechs Wochen lang sollen die Frühchen nachts auf der Matratze schlafen. Tagsüber sollen bestenfalls Mama und Papa für das Kleine da sein.

Bundesweit sollen zehn Kliniken bei der Studie mitmachen, in Braunschweig sollen 24 Babys in den Genuss der Gelmatratze kommen – die einen mehr, die anderen weniger. So wolle man nach zwei Jahren etwa die Atmungs- und Gewichtsentwicklung und den neurologischen Fortschritt vergleichen.

Im Jahr 2017 kamen in Niedersachsen 835 Babys zu früh zur Welt. Sie alle wogen unter 1.500 Gramm. In Braunschweig werden im Schnitt 50 Frühchen im Jahr geboren.