Braunschweig 

Ilka Brühl - das Model mit Gesichtsspalte aus Braunschweig: "Wer ist denn bitte schon 'normal'?"

Ilka Brühl aus Braunschweig ist eine Mutmacherin. Sie hat aus ihrem "Manko" das Beste gemacht – und will jetzt anderen Menschen helfen: "Lasst uns gemeinsam unsere Vielfalt feiern!"
Ilka Brühl aus Braunschweig ist eine Mutmacherin. Sie hat aus ihrem "Manko" das Beste gemacht – und will jetzt anderen Menschen helfen: "Lasst uns gemeinsam unsere Vielfalt feiern!"
Foto: privat

Braunschweig. Ilka Brühl aus Braunschweig sieht nicht aus wie jede andere. Sie kommt mit einer Gesichtsspalte zur Welt. Als Kind wird sie gehänselt, sie wird als "Hexe" bezeichnet. In der Schule gibt es für Ilka Brühl drei Gruppen: Die Schönen, die Normalen - und sie selbst.

Ilka Brühl aus Braunschweig

Lange Zeit hat die Gesichtsspalte die 27-Jährige aus Braunschweig gehemmt. Inzwischen aber geht Ilka Brühl sehr offen mit ihrem Aussehen um. Die VW-Ingenieurin lässt sich von professsionellen Fotografen ablichten – früher war das für sie undenkbar.

Wir haben mit Ilka Brühl gesprochen – über ihr Leben, ihre Gedanken und ihre Pläne.

Ilka, du bist mit einer Gesichtsspalte zur Welt gekommen. Was ist das?

"Ja, ich wurde mit einer lateralen Gesichtsspalte geboren. Mein Gesicht war also - krass gesagt - in einem Teil gespalten. Ich habe eine Lippen-Nasen-Spalte, die sich ab dem einen Auge runterzieht. Deshalb sieht es etwas anders aus als das andere."

Wie häufig kommt denn so etwas vor?

"Eigentlich vergleichsweise häufig. Man sagt, so etwa bei jedem eintausendsten Menschen. Dabei ist die Ausprägung sehr unterschiedlich. Manche haben nur eine kleine Hasenscharte. Ich habe einen 'mittelschweren Fall', anderen geht es da viel schlimmer, da ist zum Beispiel der ganze Kiefer gespalten."

Wie kommt es zu so etwas?

"Der Grund dafür ist nicht vollständig erforscht. Es gibt genetische Ursachen, aber bei mir war es wahrscheinlich ein Virusinfekt, den sich meine Mutter während ihrer Schwangerschaft eingefangen hatte. Wenn eine starke Erkältung so einen kleinen Säugling erwischt, kann schon mal etwas durcheinander kommen."

Wie oft wurdest du denn operiert?

"Ich hatte glaub ich fünf Operationen, davon drei als Säugling. Eine davon habe ich in der vierten Klasse selbst angeleiert. Bis dahin war die eine Hälfte meiner Oberlippe doppelt so groß wie die andere. Mein Mund stand also zur Hälfte offen. Das war zwar ein ganz cooler Trick, um Strohhalme in den Mund zu stecken, aber die Lippe sah halt komisch aus."

Die Kindheit und Jugend von Ilka Brühl in Bildern:

Wie haben deine Eltern dich unterstützt?

"Total super! Sie haben immer gesagt, dass sie mich lieben, wie ich bin. Aber dass man auch immer noch etwas machen kann, wenn ich mich so nicht wohlfühle. Bei manchen OPs muss man aber wegen des Wachstums ja auch warten."

Wann hast du denn eigentlich realisiert, dass du anders aussiehst als die meisten anderen?

"Das war wohl im Kindergarten. Da habe ich ein paar schlechte Erinnerungen. Das waren immer vereinzelte Kinder, die mich abgelehnt haben. Wenngleich ja jedes Kind in dem Alter auch Ablehnungen erfährt - jedes auf seine Art. Bei mir hieß es dann zum Beispiel 'Nein, ich will nicht mit der Hexe spielen!' oder so."

Wie bist du damit umgegangen?

"Ich war da gar nicht sauer, sondern eher verwirrt, weil ich das gar nicht kannte. Ich kannte mich ja nur so und wurde von meiner Familie ja auch immer ganz normal behandelt. Daher war das ganz neu, dass es Menschen gibt, die mich so darstellen, als sei ich anders."

Du hast mal gesagt, deine Gesichtsspalte habe lange "Macht" über dich gehabt. Wie meinst du das?

"Bis über 20 hinaus war ich total schüchtern und habe mich total darüber definiert. Wenn ich in den Raum gekommen bin, haben mir die anderen gar nicht so das Gefühl gegeben, dass ich anders bin. Aber ich selbst habe zum Beispiel in der Schule immer gedacht 'Ich werde immer eine von den Uncoolen sein. Da sind die Hübschen, da sind die Normalen – und da bin ich.' Ich hab es mir selbst unnötig schwer gemacht."

Dann kam ja der Wandel. Im Jahr 2014. Wie kam es dazu?

"Das war eher ein Zufall. Ich habe die Fotografin Ines Rehberger kennengelernt. Für mich war das nie so ein 'Ich mach jetzt Fotos, weil ich mich schön finde', sondern eher ein 'Ich liebe ihre Fotos und ich möchte sie unbedingt kennenlernen. Dafür würde ich mich auch fotografieren lassen.' Da habe ich also eine Art Opfer gebracht."

Wie war denn das erste Shooting?

"Es hat mir total gefallen, der ganze Tag war schön. Ich hatte es immer gehasst, dass man Bilder von mir macht. Ich habe das immer verbunden mit dem Schulfotografen, der abdrückt und alle sind hübsch – nur ich gucke wieder komisch. Ines' Bilder mochte ich, wobei ich sie selbst nie irgendwo hochgeladen hätte. Das hat sie dann gemacht.

Ilka Brühl - das Model aus Braunschweig:

Inzwischen habe ich schon mit knapp 30 Fotografen zusammengeabeitet. In ganz Deutschland."

Du bist eine Kämpferin. Wofür kämpfst du und wen sprichst du alles an?

"Ich kämpfe vor allem für Leute, die noch nicht genug Kraft haben, um das selber zu tun.

Ich will Leuten, die sich selbst anders sehen, Mut machen, das sein zu lassen. Man muss an den Punkt kommen und sich fragen: Wer ist denn bitte schon 'normal'? Die vermeintlich makellosen Menschen haben doch auch ihre Konflikte, vielleicht innere. Das was ich habe, sagt ja überhaupt nichts darüber aus, ob ich das Potenzial habe, glücklich zu sein.

Ich habe gemerkt, wie viel leichter das Leben ist, wenn man sich nicht mehr darauf fokussiert, was gerade nicht so cool ist. Man muss eher schauen, was kann ich denn noch alles mit dem Leben, das ich habe, noch machen? Das ist wahnsinnig viel – und das möchte ich anderen Menschen auch vermitteln."

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Die allermeisten Reaktionen auf dich sind positiv, wie gehst du mit den wenigen doofen Kommentaren um?

"Ich ignoriere die einfach. Ich lösche sie zwar nicht, weil ich nicht so tun will, als gäbe es sie nicht. Aber ich gehe da nicht drauf ein. Das sind Leute, die selbst unzufrieden sind. Einer hat zum Beispiel geschrieben "E.T. hat seine Mutter gefunden." Antworten bringt da nichts, weil dann der nächste Bullshit-Kommentar kommt. Dafür bin ich mir zu schade. Ich bin ja nicht der Lückenbüßer für unzufriedene Leute."

Hier findest du Ilka Brühl

Was sind denn noch Ziele und Träume von dir?

Mein Traum ist es, so frei zu leben, wie es mich glücklich macht. Also sehr selbstbestimmt. Allgemein wünsche ich mir, dass ich noch mehr Leute erreiche und ihnen Mut machen kann, sich so zu akzeptieren, wie sie sind.