Braunschweig 

Braunschweig: Todes-Raser verurteilt! – „Das hätte das Opfer nicht gewollt“

Am Dienstag ist am Landgericht Braunschweig das Urteil gegen den Todes-Raser gefallen.
Am Dienstag ist am Landgericht Braunschweig das Urteil gegen den Todes-Raser gefallen.
Foto: Peter Steffen/dpa

Braunschweig. Im Prozess um eine Verfolgungsfahrt mit tödlichem Ende in Braunschweig ist am Dienstag das Urteil am Landgericht gefallen.

Der 38-jährige Angeklagte muss für sieben Jahre ins Gefängnis – wegen eines verbotenen Kraftfahrzeugrennens in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Darüber hinaus wird ihm nach verbüßter Haft für fünf Jahre die Fahrerlaubnis entzogen.

Urteil gegen Todes-Raser in Braunschweig

Der Todes-Raser nahm das Urteil gefasst, aber mit Tränen in den Augen entgegen. Im Saal befanden sich auch die Familie sowie Freunde des bei dem Unfall getöteten 33-Jährigen. „Sie können froh sein, dass Ihnen hier kein Hass entgegenschlägt – aber das hätte das Opfer wohl auch nicht gewollt“, so Richter Ralf-Michael Polomski.

Der 38-Jährige saß relativ regungslos im Saal. Nur einmal suchte er den Blick zur Mutter des Getöteten. Sie hatte seine Entschuldigung zuvor schon abgelehnt.

„Verhängnisvoller Tag im August“

Der Richter sprach von einem „verhängnisvollen Tag im August“, an dem sich zwei junge Männer begegnet wären. „Die beiden hätten sich auch in einem Sportstudio begegnen können – aber jetzt ist einer von ihnen tot.“

„Das war sehr knapp, das sage ich Ihnen!“

Die Kammer hat sich mit dem Urteil schwer getan, Fälle wie dieser werden bundesweit sehr unterschiedlich bewertet. In Braunschweig wurde letztlich im Zweifel für den Angeklagten entschieden.

„Das ist ein echter Grenzfall. Das war sehr knapp, das sage ich Ihnen“, sagte Polomski zum Angeklagten. Seine „Wahnsinnsfahrt“ bliebe aber unverzeihbar. Milde habe er nicht erwarten können. Das Urteil sei ein ganz klares Zeichen.

Einen Tötungsvorsatz erkannte das Gericht nicht. Es sei keine Amokfahrt gewesen, auch wenn sie sicherlich an Amok grenze. Die entscheidende Frage für die Kammer: „War das hier wirklich eine Flucht um jeden Preis, auch um den Preis eines Menschenlebens?“

Nein, so das Urteil. Ziel des 38-Jährigen sei es nicht gewesen, jemanden vorsätzlich zu schädigen. Das zeige unter anderem das schnelle und heftige Abbremsen. Die Bremsspur war 122 Meter lang. 299 Meter hätte er nach einem Gutachten gebraucht, um den schlimmen Unfall zu verhindern.

„Jetzt werde ich meines Lebens nicht mehr froh“

Auch eine Aussage des Rasers kommt ihm laut Gericht zu Gute. „Ist hier jemand zu Tode gekommen? Das wollte ich nicht! Jetzt werde ich meines Lebens nicht mehr froh“, hatte der BMW-Fahrer nur Minuten nach dem Unfall gesagt. Mit einem gebrochenen Bein neben seinem brennenden 280 PS-Auto liegend.

Hinzu kommen laut Gericht seine Lebensumstände. Zwar sei er zuvor schon mehrfach negativ auf der Straße aufgefallen, aber: „Die Kammer sieht keine Anhaltspunkte dafür, dass Ihnen ein Menschenleben nichts wert ist. Und Sie sind nicht vorbestraft“, so Polomski .

Urteil entspricht Forderung der Staatsanwaltschaft

Mit dem Urteil liegt das Gericht nah bei der Forderung der Staatsanwaltschaft: Die hatte unter anderem wegen Körperverletzung mit Todesfolge sechs Jahre und elf Monate Haft für den Mann aus Sachsen-Anhalt gefordert.

Vertreter der Nebenklage beantragten eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes. Die Verteidigung plädierte für viereinhalb Jahre Haft.

„Sie fuhren wie bei Cobra 11!“

Was war passiert? Der BMW-Fahrer war im vergangenen August auf der A2 und A39 vor der Polizei geflüchtet – gegen ihn lag ein Fahrverbot vor. Und er hatte vor der Fahrt Drogen genommen.

Los ging die 17,5 Kilometer lange Flucht auf dem Parkplatz Essehof, wo der Verurteilte die Polizei foppen wollte und Gas gab. Er raste im Slalom mit bis zu 240 km/h über sämtliche Fahrspuren und brachte so die anderen Autofahrer in Lebensgefahr. „Sie fuhren wie bei Cobra 11“, hieß es während des Prozesses.

Zur Katastrophe kam es dann an der Abfahrt Braunschweig-Südstadt. Auf der Salzdahlumer Straße krachte der 38-jährige Angeklagte in zwei an einer roten Ampel wartende Autos. Der Richter bezeichnete das Abfahren mit 207 km/h als „Blindflug“. „So ein ichbezogenes, rücksichtsloses Verhalten erleben wir hier selten“, sagte Polomski.

Mann hat keine Überlebenschance

Ein 33 Jahre alter Fahrer eines der beiden Autos kam dabei ums Leben. Seine Kopfverletzungen waren zu schwer. Ein völlig unbeteiligtes Zufallsopfer. „Diese Tat hätte jeden treffen können, auch ein Kind im Alter Ihrer Tochter, stellen Sie sich das mal vor“, so der Richter während seiner Urteilsbegründung.

Ein weiterer Autofahrer erlitt schwere Verletzungen und innere Blutungen – er leidet bis heute an den Unfallfolgen. Er habe sein Leben bei dem heftigen Aufprall noch einmal in Millisekunden an sich vorbeiziehen sehen, hatte der 43-Jährige zuvor gesagt. Auch er verfolgte das Urteil am Dienstag im Gerichtssaal.

„Wie nach einem Bombeneinschlag“

„Für die Einsatzkräfte war es ein Bild des Grauens. Die Unfallstelle sah aus wie nach einem Bombeneinschlag. Anfangs war nicht mal zu sehen, wie viele Autos hier beteiligt waren“, so der Richter.

Eine Mitschuld bei der Polizei sieht das Gericht nicht. Nach der Katastrophe waren kritische Stimmen laut geworden, nach denen die beiden Polizeibeamten den Mann lieber hätten flüchten lassen sollen, um einen Unfall zu verhindern. „Wir sehen kein Fehlverhalten, die Polizei hat im Rahmen ihres Ermessens gehandelt“, befand das Gericht.

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Gegen das Urteil ist Revision möglich. Diese muss binnen einer Woche beantragt werden. (ck/mb)