Braunschweig 

Braunschweig: Top-Virologin warnt bei Markus Lanz – „Private Feiern machen mir Bauchschmerzen“

Melanie Brinkmann, Expertin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, sprach bei Markus Lanz über die weltweite Suche nach einem Corona-Impfstoff und über die neuesten Erkenntnisse zur Herdenimmunität.
Melanie Brinkmann, Expertin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, sprach bei Markus Lanz über die weltweite Suche nach einem Corona-Impfstoff und über die neuesten Erkenntnisse zur Herdenimmunität.
Foto: imago images / teutopress

Hamburg/Braunschweig. Melanie Brinkmann verbreitet etwas Hoffnung – und warnt gleichzeitig vor Leichtsinn. Bei „Markus Lanz“ im ZDF spricht die Top-Virologin aus Braunschweig über die Corona-Pandemie.

Eine Impfung werde kommen. Auch bessere Therapien gegen das Coronavirus werde es eines Tages geben, so die Infektionsbiologin des Helmholtz-Zentrums in Braunschweig.

Virologin aus Braunschweig bei Markus Lanz: „Wahnsinnig spannende Zeit“

„Das Coronavirus ist jetzt auch nichts, was uns in zehn Jahren so beschäftigt, wie es uns jetzt beschäftigt. Für mich ist das ein absehbarer Zeitraum“, sagt Brinkmann am Mittwochabend.

Mit Blick auf die Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs gegen Covid-19 spricht sie von einer „wahnsinnig spannenden Zeit. Es sei sehr gut, dass es so viele Forschungs-Ansätze gibt. „Hoffentlich sind es am Ende mehrere gute Impfstoffe. Darauf wird es denke ich hinauslaufen.“

Langfristig sieht die Virologin auch verschiedene Impfstoffe, etwa für jüngere und für ältere Menschen. „Aber das ist noch ein bisschen weit gedacht. Wir wollen jetzt erstmal diese Pandemie in den Griff bekommen – und das tun wir auch schon mit einem Impfstoff, der noch nicht so fein justiert ist.“

+++ Corona: Hannoveraner Flughafen-Chef appelliert: Aus für Tests wäre „Tod der Reisebranche“ +++

Die große Frage sei ja, so Markus Lanz, wie viele Menschen sich überhaupt impfen lassen müssten, damit eine Art Herden-Immunität erreicht wäre. Es gebe Mathematiker, die von lediglich 20 Prozent sprächen.

Herden-Immunität durch Impfstoff – oder natürliche Infektionen

Melanie Brinkmann zufolge könne man eine Herden-Immunität durch einen Impfstoff erreichen – oder durch natürliche Infektionen. Letzteres sei das schlechtere Szenario, welches uns vor größere Probleme stellen würde.

„Wenn ich es in kürzester Zeit durchrauschen lasse, habe ich wahnsinnig viele Todesopfer. Das haben wir gesehen, zum Beispiel in Italien. Das ist also kein gangbarer Weg“, sagt sie. „Das wollen wir nicht, wir würden hier tausende Tote haben.“

Wenn man das Virus langsam durchziehen ließe, dauerte es ein paar Jahrzehnte, bis eine Herden-Immunität erreicht wäre. „Und dann ist der Erste, der die Krankheit schon durchgemacht hat, vielleicht schon gar nicht mehr immun. Auch das ist also keine Option.“

„Je mehr Menschen geimpft sind, desto besser“

Nur die Impfung sei ein sicherer Weg. „Der Mensch wird nicht krank. Es ist etwas Kontrolliertes.“ Wie viele Menschen diese Immunität haben müssten, könne sie nicht beantworten. „Je mehr Menschen geimpft sind, desto besser. Dadurch lässt sich die Pandemie deutlich besser bremsen.“

Ein Impfstoff müsse eine genauso gute Immun-Antwort wie das eigentliche Virus hervorrufen, aber uns natürlich sicherer sein und uns nicht krank machen. „Die Hoffnung ist, dass er das besser kann und lange hält – aber wie lange, das kann jetzt glaub ich noch keiner sagen.“

---------------

Mehr von uns:

---------------

Hohe Fallzahlen, aber wenig Tote

Auch auf die Frage von Markus Lanz, warum die Corona-Fallzahlen in Deutschland einerseits wieder steigen, es aber andererseits vergleichsweise wenig schwere Verläufe gibt, hat die Braunschweiger Virologin eine Antwort.

Das liege vorwiegend daran, dass zuletzt überwiegend jüngere Menschen positiv auf das Virus getestet worden seien. Zumal hier ja auch derzeit wegen der Reiserückkehrer viel getestet würde. „Jetzt wird es, denke ich, wieder eine Weile dauern, bis die junge Bevölkerung die Infektion wieder in die ältere Bevölkerung eintragen kann.“

Wie gut sind unsere Hygienekonzepte?

Daher müsse man auch abwarten, wie gut die Hygienekonzepte für ältere Bevölkerungsgruppen sind – „wie gut können wir die Menschen in Altenheimen oder Krankenhäusern tatsächlich schützen?“ Definitiv könnten wir das inzwischen deutlich besser als noch zum Ausbruch der Covid-19-Pandemie.

--------------

Die Gäste bei Markus Lanz am 26. August 2020:

  • Boris Palmer, Politiker
  • Eva Quadbeck, Journalistin
  • Melanie Brinkmann, Virologin
  • Kester Schlenz, Autor

--------------

Allerdings müsse man sich halt jetzt und in Richtung Herbst noch einmal ein bisschen zusammenreißen. „Übrigens fällt mir das genauso schwer. Im Urlaub habe ich als Mensch auch mal zwei Wochen durchgeatmet und nicht über dieses Thema geredet.“ Also, eine Woche habe sie es geschafft, gibt sie zu.

Virologin aus Braunschweig fordert klare Prioritäten

„Gerade diese privaten Feiern machen mir Bauchschmerzen, weil es dort in kürzester Zeit zu einer hohen Zahl an Infektionen kommen kann, die dann weitergetragen werden können.“ Daher müsse es jetzt klare Prioritäten geben: Wirtschaft und Bildung müssten funktionieren.

Kinder müssten zur Schule und Eltern zur Arbeit geben können, das sei ja alles ein Kreislauf. „Ich kann Familienfeiern mit 120 Leuten nicht verstehen. Da muss man jetzt einfach noch mal ein bisschen drauf verzichten“, sagt sie – im Wissen, sich damit auch Feinde zu machen.

+++ Kreis Gifhorn: Mann erleidet schweren Schicksalsschlag – doch jetzt wird er zum Internet-Star +++

„Ich setze nach wie vor auf die Vernunft“, sagt die Virologin aus Braunschweig. Auch der 16-Jährige, der einen Ausbildungsplatz bekommen wolle, müsse Prioritäten setzen.