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Putsch gescheitert - Erdogan nimmt Rache - Lynchjustiz an Soldaten?

Putschisten ergeben sich - sie werden abgeführt. Staatschef Erdogan nannte sie "Terroristen".
Putschisten ergeben sich - sie werden abgeführt. Staatschef Erdogan nannte sie "Terroristen".
Foto: CNNTürk

Ankara/Istanbul. Update 17.30 Uhr: Während Staatschef Erdogan während der Sondersitzung des Parlaments mit Applaus begrüßt wird, mehren sich Berichte über Lynchjustiz an Putschisten. Auf einem Video, das offenbar auf einer der Bosporus-Brücken in Istanbul aufgenommen worden ist, ist ein blutüberströmt am Boden liegender Uniformierter zu sehen. Derjenige, der das Video aufnimmt, sagt auf Türkisch: "Vier haben wir umgebracht, jetzt sind wir beim fünften!" Schüsse sind zu hören. Das Video wurde via Twitter verbreitet. Die dem Militär nahestehende Zeitung "Sözcü" berichtete, ein aufgebrachter Mob habe einem Soldaten in Istanbul die Kehle durchgeschnitten.

Update 14.30 Uhr: Laut Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu hat die Regierung nach dem gescheiterten Militärputsch landesweit 2.745 Richter abgesetzt. Zudem seien fünf Mitglieder des Hohen Rats der Richter und Staatsanwälte in Ankara vom Dienst entbunden und einige von ihnen festgesetzt worden.

Update 12.50 Uhr: Acht Putschisten sind mit einem Hubschrauber in die nordgriechische Stadt Alexandroupolis geflüchtet und haben dort politisches Asyl beantragt. Sie wurden wegen illegalen Grenzübertritts festgenommen. Die türkische Regierung verlangt die Auslieferung und droht dem Nato-Partner Griechenland andernfalls mit "ernsthaften Konsequenzen". Unterdessen kündigt Ministerpräsident Binali Yildirim die Verhängung der Todesstrafe gegen die führenden Putsch-Offiziere an. Bislang sind fast 3.000 Soldaten festgenommen worden.

Update 12.10 Uhr: Inzwischen ist von 265 Toten und mehr als 1.200 Verletzten die Rede. In sozialen Medien sind Aufnahmen zu sehen, wie Erdogan-Anhänger in Istanbul auf entwaffnet am Boden liegende Soldaten eintreten und einschlagen. Nach unbestätigten Angaben sind mindestens vier Putschisten bei Racheaktionen getötet worden.

Update 10.15 Uhr: Der zum kommissarischen Militärchef ernannte General Ümit Dündar spricht von 194 Toten beim Putschversuch - 104 Putschisten und 47 Zivilisten seien getötet worden.

Update 8.41 Uhr: Nach Angaben der Regierung sind fast 1.600 Putsch-Soldaten festgenommen worden. Es werden weiterhin Gefechte zwischen Erdogan-treuen und Putsch-Einheiten gemeldet. Erdogan bezeichnet die Putschisten als "Terroristen". Die Zahl der Toten steigt: Jetzt ist von "etwa 100" Getöteten die Rede.

Bei dem Putschversuch in der Türkei sind mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Es gab zudem Hunderte Festnahmen. Die Regierung bezeichnete den Versuch von Teilen des Militärs, die Macht an sich zu reißen, am Samstagmorgen als gescheitert. In der Nähe des Präsidentenpalastes in Ankara gebe es aber noch Probleme, sagte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Atatürk-Flughafen in Istanbul.

Bomben aufs Parlament?

In der Nähe des Palastes sollen Kampfjets Bomben abgeworfen haben. Über Opfer und Schäden gab es zunächst keine näheren Angaben. Ministerpräsident Binali Yildirim rief das Parlament für Samstag zu einer Sondersitzung zusammen. "Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle", sagte er. 754 Militärangehörige wurden nach Angaben des Justizministeriums festgenommen. Der Fernsehsender NTV berichtete über die Absetzung von fünf Generälen und 29 weiteren hohen Militärs. Angeblich sind in Ankara 16 Putschisten getötet worden.

Verbleib von bisherigem Generalstabschef unklar

General Ümit Dündar werde kommissarisch neuer Militärchef, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Wo sich der bisherige Leiter des Generalstabs, Hulusi Akar, aufhielt, war zunächst unklar. In der Nacht hatte der Ministerpräsident noch gesagt, Akar habe die Kontrolle und gehöre nicht zu den Putschisten. Ein Putschisten-General wurde nach Angaben Yildirims getötet.

"Militär wird radikal gesäubert"

Erdogan gab sich siegessicher. "Die Türkei wird nicht vom Militär regiert", sagte er und befahl, von Putschisten gekaperte Kampfjets abzuschießen. Das Militär werde "radikal gesäubert".

Polizisten führen Soldaten ab

In den Straßen von Ankara und der Metropole Istanbul waren in der Nacht Panzer aufgefahren. Menschen rannten in Panik davon, als Schüsse abgegeben wurden und Kampfjets im Tiefflug über die Innenstädte rasten. Einige kletterten auf Panzer und stellten sich Soldaten in den Weg, wie Fernsehbilder zeigten. In Istanbul ergaben sich Soldaten an der Bosporus-Brücke, in der Nähe des Taksim-Platzes führten Polizisten Soldaten in Handschellen ab.

EU-Ratspräsident Donald Tusk äußerte sich besorgt: "Die Lage scheint unter Kontrolle, aber die Situation ist weit von einer Stabilisierung entfernt."