Harz 

Harz: Baby Greta hat nur drei Finger an der Hand – Mutter plagen Vorwürfe

Bad Harzburg. Dieser Satz wird Michaela Radke aus Bad Harzburg im Harz wohl ihr Leben lang prägen: „Unsere Greta hat eine Glückshand.“ Es traf sie völlig aus dem Nichts.

Darauf hatte sie niemand vorbereitet, niemand hatte etwas gemerkt. „Ich habe erst sehr dolle geweint“, berichtet Michaela Radke. „Aber später habe ich gewusst: Wir schaffen das.“

Harz: Greta aus Bad Harzburg hat eine Fehlbildung an der Hand

Greta ist neun Monate alt. Am 2. Januar dieses Jahres kam sie zusammen mit ihrem Bruder als erstes Zwillingspärchen 2019 im Klinikum Goslar im Harz zur Welt. Die Schwangerschaft ist völlig normal verlaufen, berichtet ihre Mutter. Nichts hatte darauf hingewiesen, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte.

Michaela Radke erinnert sich: „Ich habe im Kreißsaal gelegen und nur ganz kurz die Gesichter der Zwillinge gesehen, bevor sie zur Untersuchung gebracht wurden. Da ist mir immer noch nichts Merkwürdiges aufgefallen.“

Der Schock kam erst später, als sie das erste Mal zu ihren Kindern auf die Station durfte. „Mein Mann hat mir dann von Gretas Hand erzählt“, sagt Michaela Radke. Die „Glückshand“ ihrer kleinen Tochter, sie hat nur drei Finger.

Baby mit nur drei Fingern geboren – niemand weiß, warum

Gretas rechter Arm ist einen Zentimeter kürzer, als er sein sollte. Der Daumen, Mittelfinger und Ringfinger sind ganz normal gewachsen. Der Zeigefinger und der kleine Finger aber fehlen.

Michaela Radke ist verzweifelt. Sie macht sich selbst Vorwürfe. „Habe ich während der Schwangerschaft etwas falsch gemacht? Etwas falsches gegessen, falsche Medikamente eingenommen?“

Für ihre Familie beginnt eine wahre Ärzte-Odysee. Sie fahren zunächst nach Hildesheim ins Krankenhaus, aber die Ärzte finden dort keine Erklärung für die Fehlbildung. Weiter geht es nach Hamburg in eine Spezial-Klinik für Handchirurgie. Doch auch hier kann keine eindeutige Diagnose gestellt werden.

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Ein genetischer Defekt wird zunächst vermutet. „Aber bei niemand anderem in der Familie tauchen solche Fehlbildungen auf“, sagt Michaela Radke. Auch nicht bei Gretas Zwillingsbruder Theo.

In den Medien ist immer wieder vom sogenannten Amnion-Bändchen oder Amniotisches-Band-Syndrom die Rede. Dabei bilden sich während der Schwangerschaft Bänder oder Schnürringe, die Körperteile des ungeborenen Kindes, wie zum Beispiel Finger, abschnüren können. Doch solche Fehlbildungen sind in der Regel auf Ultraschallbildern zu erkennen. Und Gretas Ultraschallbilder waren alle unauffällig.

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Mutter: „Gebe nicht auf, bis ich eine Antwort gefunden habe“

Michaela Radke findet sich zunächst mit der Erklärung ab, es müsse wohl eine Laune der Natur gewesen sein. Doch es lässt ihr keine Ruhe. „Ich möchte meinem Kind später erklären können, was passiert ist“, sagt sie. „Ich möchte, dass sie weiß, Mama hat alles versucht, um eine Antwort zu finden.“

Sie sammelt alle Informationen, Zeitungsartikel, Hinweise zu ähnlichen Fällen, die sie finden kann. Mitte September kommt ein Fall aus Gelsenkirchen an die Öffentlichkeit. Drei Babys wurden dort zwischen Mitte Juni und Anfang September mit fehlgebildeten Händen geboren.

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Die Mutter aus dem Harz will nicht länger warten. Sie beschließt, an die Öffentlichkeit zu gehen und die Geschichte von Greta zu erzählen. Sie hofft, dass nun, je mehr Fälle bekannt werden, ein größeres Interesse daran besteht, eine Diagnose zu finden. „Diese Fälle müssen endlich alle erfasst werden“, sagt Michaela Radke.

Sie gründet auch eine Facebook-Gruppe, in der sie andere Mütter trifft, die ähnliche Erfahrungen wie sie gemacht haben. „Ich will den anderen Müttern natürlich keine Angst machen“, sagt sie. „Im Gegenteil: Ich will ihnen Mut machen!“ Sie erlebt jeden Tag, dass Greta auch mit nur drei Fingern an der Hand alles schaffen kann, was sie sich in den Kopf setzt.

Die „Glückshand“ ist für die Familie ganz normal geworden. „Greta zeigt uns jeden Tag, dass alles ganz normal ist“, erzählt ihre Mutter. Und ihre Geschwister nehmen manchmal Gretas Hand und sagen: „Jetzt bringt sie uns auch Glück.“