Harz 

Harz: Weiter Wirbel um umstrittene Statue – „Natürlich darf man nicht verschweigen, dass...“

Im Harz sorgt eine Statue für Kritik.
Im Harz sorgt eine Statue für Kritik.
Foto: imago images / Shotshop

Bad Lauterberg. Wie gehen wir mit Straßennamen, Statuen und Denkmälern um, die noch aus der sogenannten Kolonialzeit stammen? Diese Frage beschäftigt aktuell ganz Deutschland – auch den Harz.

Dort, genauer im Kurpark von Bad Lauterberg, steht seit 1908 eine Statue des deutschen Kolonialisten Hermann von Wissmann. Die Figur im Harz sorgt dabei für Gesprächsstoff in der Region. Während einige die Statue wohl am liebsten komplett verschwinden lassen würden, sucht die örtliche Politik nach einem Kompromiss.

Harz: Wissmann-Statue sorgt für Ärger

Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung wurden in anderen Ländern Statuen von Personen mit rassistischer Vergangenheit gestürzt und Straßen umbenannt, bestes Beispiel: Kolumbus. In Deutschland ist die Debatte um historische Personen und deren Rolle in der Kolonialzeit entfacht. Straßenschilder wurden übermalt oder Statuen mit Farbe beschmiert.

Bismarck, Hindenburg, Lettow-Vorbeck, Lüderitz, von Trotha oder wie in diesem Fall im Harz Hermann von Wissmann – ihre Namen polarisieren. Alle haben in der deutschen Kolonialzeit ihre sowie deutsche Interessen in Afrika mit Blutvergießen durchgesetzt. Die gleiche politische Diskussion trifft auch die Mohren-Apotheken in Deutschland.

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Der ursprünglich für die Bewohner Mauretaniens verwendete Begriff bekam im Mittelalter eine negative und abwertende Konnotation und wird von Schwarzen als rassistisch und diskriminierend empfunden. In Wolfsburg kritisierte die Flüchtlingshilfe der Stadt den Apotheken-Namen. Mehr dazu liest du >>> hier. Es ist nicht der einzig streitbare Name in der Region 38.

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In Braunschweig forderte eine Bürgerinitiative die Umbenennung verschiedener Denkmäler in der Stadt. Dabei geht es unter anderem um Gedenksteine für die ‚Schutztruppe Deutsch-Südwest‘, die für zahlreiche Kriegsverbrechen in der Kolonialzeit verantwortlich gemacht wird. Beim Völkermord an den Herero und Nama war die Truppe an der Ermordung von bis zu 70.000 Menschen beteiligt.

Wer war Wissmann?

Nun erreicht die Diskussion auch den Harz. Hier geht es ganz konkret um die Statue von Hermann von Wissmann, die im Kurpark von Bad Lauterberg steht. Doch warum steht Wissmann überhaupt in der Kritik?

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Hermann von Wissmann:

  • geboren am 4. September 1853, gestorben am 15. Juni 1905
  • Befehlshaber der ersten Kolonialtruppe
  • war verantwortlich für die Niederschlagung des Wiederstandes der ostafrikanischen Küstenbevölkerung
  • er war für grausame Strafexpeditionen bekannt
  • seine Rolle in mehreren Kriegsverbrechen während der Kolonialzeit ist nicht gänzlich geklärt

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Die Seebrücke Harz und der Verein Spurensuche Harzregion haben auf Facebook ein Statement veröffentlich, in dem sie sich ausführlich mit der Rolle Wissmanns in der deutschen Kolonialzeit auseinandergesetzt haben. So heißt es in der Erklärung: „Wissmann überfiel im Zuge der Kolonialisierung Afrikas Dörfer, ließ sie plündern, die Häuser niederbrennen und Äcker zerstören. Wer sich ihm widersetzte, wurde erschossen. Er galt als grausamer Militärdiktator.“

Die örtliche Politik reagiert auf die Wissmann-Thematik mit verhaltenem Einlenken. Gegenüber dem „“ erklärte Bad Lauterbergs Bürgermeister Thomas Gans (SPD), dass er sich von selbst wohl nicht mit der Geschichte Wissmanns auseinandergesetzt hätte. Eine Beseitigung des Denkmals lehne er ab. Gans: „Natürlich darf man nicht verschweigen, dass Wissmann nicht zimperlich war, andererseits hat er große Teile Afrikas kartographiert.“

Der Kompromiss: Eine Hinweistafel an dem Denkmal soll auf die mindestens fragwürdige Rolle Wissmanns hinweisen. Das Denkmal soll dadurch zum Mahnmal umfunktioniert werden. Doch vom Tisch ist der Konflikt damit noch nicht.

Initiativen fordern weiteres Mahnmal

Für die Seebrücke und Seebrücke Harz und die Spurensuche Harzregion reicht ein einfaches Schild nicht aus um die komplexe Thematik angemessen zu behandeln.

Stattdessen fordern sie „ein zusätzliches Mahnmal für die gefolterten und getöteten Afrikaner, das neben dem Denkmal Wissmanns steht“. Auch Wissmanns Lieblingsspruch („Ich finde oder ich mache mir einen Weg“) soll von der Statue entfernt werden, ebenso das Zusatzschild „Afrikaforscher“. Dies sei „eine absolute Verniedlichung seines Wirkens.“

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Beim Blick über den Rand Niedersachsens wird deutlich: Auch andere Städte kämpfen mit der Wissmann-Problematik. In Berlin-Neukölln wurde im Sommer 2019 die Umbenennung der Wissmannstraße in Berlin beschlossen. In Hannover (2009) und Stuttgart (2009) gab es ebenfalls Umbenennungen. Ob sich im Harz beide Konfliktparteien noch einig werden, steht hingegen in den Sternen. (dav)