Helmstedt 

Mauerfall: Trabi-Chaos und Dankesbriefe – ein Pannenhelfer aus Helmstedt packt aus

Manfred Klein, ehemaliger Inhaber eines Autohauses mit Autowerkstatt, sitzt in einem ADAC-Bergungsfahrzeug.
Manfred Klein, ehemaliger Inhaber eines Autohauses mit Autowerkstatt, sitzt in einem ADAC-Bergungsfahrzeug.
Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa
  • Vor 30 Jahren war der Grenzübergang in Helmstedt das Nadelöhr in den Westen.
  • Tausende Trabis und Wartburgs stauten sich hier.
  • Ein Pannenhelfer war damals im Dauereinsatz auf den Straßen.
  • Er hat berührende Geschichten zu erzählen.

Mariental. Rund um den Grenzübergang bei Helmstedt ist es in den Tagen nach dem Mauerfall zu stundenlangen Staus und chaotischen Szenen auf den Straßen gekommen. Und Manfred Klein war mittendrin...

Als Pannenhelfer schleppte er für den Automobilclub ADAC tagelang Trabis und Wartburgs ab und versuchte, die Autos in seiner Werkstatt in Mariental im Landkreis Helmstedt wieder in Schuss zu bringen.

Mauerfall: Pannenhelfer erinnert sich

Von seinen Erinnerungen an diese Novemberwochen vor 30 Jahren erzählt der heute 64-Jährige im Interview...

Haben Sie in den ersten Tagen nach der Grenzöffnung eigentlich geschlafen?

Wenig geschlafen. Wir wussten ja nicht mal einen Tag vorher, dass nachts die Grenze aufgeht. Und dann haben wir auf einmal viel zu tun gehabt: Hier knatterten dann jeden Tag die Trabants durch.

Auf den Straßen war das dann wie bei einem Volksfest, Leute fielen sich in die Arme. Und da ging dann natürlich nichts mehr, der Verkehr staute sich in beide Richtungen.

Sie waren als Pannenhelfer auf den Straßen rund um Helmstedt unterwegs und haben tagelang Trabis und Wartburgs abgeschleppt - wieso blieben die eigentlich liegen?

Die Hauptursachen waren ganz unterschiedlich. Mal war es eine ganz banale Reifenpanne, mal waren es die Radlager, weil die Leute die Dinger auch überladen hatten. Jeder wollte mit, nicht jeder hatte ein Auto. Dann haben die da fünf Mann in den Trabant reingepackt und sind rübergefahren.

Die Autos sind auch teils überhitzt, weil die Leute auch längere Strecken gefahren sind und an der Grenze auch noch im Stau standen. In den ersten Tagen war das grauenhaft, wir konnten die nur wieder zurück an die Grenze schleppen.

Wir selber durften ja gar nicht rein. Nach kurzer Zeit haben wir uns dann mit Teilen aus dem Osten versorgt, so dass wir die Karren auch in unserer Werkstatt wieder in Gang gekriegt haben.

Wie schwierig war es, die Autos wieder fahrtüchtig zu machen?

Das waren ja einfach zu reparierende Autos. Das war kein Hightech, da brauchte man keine Elektronik oder sonst irgendwas. Da sieht man schnell, dass die Probleme leicht zu beheben sind. Und die Leute kannten auch ihre Autos und haben die teilweise selber repariert, die brauchten nur die Teile.

Wie kann man sich die Szenen in ihrer Werkstatt vorstellen?

Hier stand alles voll mit Trabis und Wartburgs. Teils sind die Leute nachts angekommen und wir konnten nicht gleich helfen, einige haben dann in ihren Autos in der Werkstatt geschlafen. Und wenn die Werkstatt dann voll war, haben wir Verlängerungskabel und Heizlüfter gehabt.

Es war ja Winter und die Trabis waren schlecht beheizt. Teilweise haben die dann auch so abenteuerliche Konstruktionen gebaut, die haben irgendwas da im Auto verbrannt und haben so einen kleinen Ofen da drin gehabt. Da war schon viel Improvisation dabei.

Wie lief das finanziell? Viele hatten anfangs ja nur Ostmark.

Die Leute konnten die Teile für die Reparatur teilweise nicht bezahlen. Dann sind die nach Hause gefahren, haben das Teil besorgt und haben es uns wieder zurückgeschickt. Ein paar Leute haben uns auch Ostgeld dagelassen, damit sind wir dann selber rübergefahren und haben gekauft, was man halt so gebrauchen kann.

Ein Hammer ist ein Hammer und ein Besen ist ein Besen, da gibt's keinen Ost-Besen und keinen West-Besen. Solche Verschleißteile haben wir uns dann da geholt und hier eingelagert, so dass wir die nächsten fünf Jahre davon nichts brauchten.

Welches Erlebnis aus dieser Zeit berührt Sie denn heute noch?

Dass die Leute uns Karten geschickt haben, wenn sie daheim angekommen sind, dass sie uns Dankesbriefe geschickt haben. Da habe ich noch einen ganzen Ordner davon zuhause. Die haben sich auch teils bei den Mitarbeitern direkt bedankt, haben sich die Namen gemerkt.

Das hat es danach nie wieder gegeben, und bis heute haben wir nie wieder solche Briefe gekriegt. Das war schon eine besondere Zeit und ein besonderes Gefühl.

Können Sie denn heute noch Trabis sehen?

Ich sehe einen Trabi immer noch gerne. Es gibt ja auch Liebhaber und der eine oder andere knattert hier immer noch rum. Und man erinnert sich eben gerne an die Zeit. Mein Sohn hat dann auch kurz nach der Grenzöffnung seine Frau auf der anderen Seite kennengelernt, wir haben also so eine Ost-West-Ehe in der Familie.

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Tja, und die haben jetzt zusammen sechs Kinder. Das findet man ja heute im Westen gar nicht mehr, dass jemand so eine Großfamilie gründet.