Niedersachsen 

Verena Bahlsen: Keks-Konzern-Erbin sorgt mit dieser Aussage für Riesen-Shitstorm

Verena Bahlsen: „Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.“
Verena Bahlsen: „Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt.“
Foto: dpa
  • Verena Bahlsen sorgt für Eklat
  • Konzern-Erbin prahlt mit Reichtum
  • Dann macht sie alles noch viel schlimmer

Hannover. Wer in diesen Tagen an dem monumentalen Steingebäude an der Podbielskistraße in Hannover vorbeigeht, hört vielleicht einen sorgenvollen Seufzer aus einem offenen Fenster dringen.

Bahlsen hat hier seinen Hauptsitz. Und aktuell hat der Kekshersteller mit dem wohl größten Shitstorm seiner Firmengeschichte zu kämpfen.

Verena Bahlsen: Hashtag "Bahlsenboykott"

Der Hashtag #bahlsenboykott ist auf dem besten Weg, bei Twitter zu trenden.

Gründe dafür sind die höchstumstrittenen Aussagen von Bahlsen-Erbin Verena Bahlsen, die jetzt mal mehr, mal weniger sachlich diskutiert werden.

Die 26-Jährige Konzern-Erbin hatte bei der Online-Marketing-Konferenz OMR für einen dicken Eklat gesorgt. Verena Bahlsen hielt dort am 8. Mai einen Vortrag: Bahlsen hat ein hauseigenes Start-Up gegründet, ein Berliner Restaurant namens "Hermann's" - in Anlehnung an den Leibniz-Butterkeks-Erfinder Hermann Bahlsen.

Verena Bahlsen: "Will mir Segeljachten kaufen"

Es geht bei dem Start-up um "Ideen für eine gute Zukunft des Essens", wie auf englisch auf der Internetseite von Bahlsens Restaurant geschrieben steht.

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Bahlsen:

  • 1889 gegründet
  • Hermann Bahlsen gibt seinen berühmten Butterkeksen 1891 den Namen "Leibniz"
  • 1905: Erste Fließbandproduktion in Europa
  • Das Geschäft floriert in den 30er Jahren
  • 1940 arbeiten rund 200 Zwangsarbeiter bei Bahlsen
  • In den 1970ern entwickelt sich Bahlsen zum internationalen Unternehmen

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Darüber redet allerdings niemand. Stattdessen reden alle über diese Sätze, die sie bei ihrem Vortrag sagt: "Ich bin Kapitalist. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meinen Dividenden und sowas."

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Niemand müsse sich schämen, weil er "richtig geilen Scheiß" entwickle und Geld verdiene, sagt Bahlsen: Denn Wirtschaft habe den Zweck, die Gesellschaft voranzubringen.

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Zwangsarbeiter bei Bahlsen

Manches davon mag vielleicht ironisch gemeint gewesen sein, und vermutlich sollte die Sache mit den Jachten eine Spitze in Richtung Juso-Chef Kevin Kühnert sein, der auch bei der Konferenz war. Kritiker merkten aber schnell an, dass die Massen an ererbtem Geld, über die Verena Bahlsen verfüge, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil mit dem Blut und Schweiß von Zwangsarbeitern verdient wurden.

Die Firma Bahlsen hat im Nationalsozialismus große wirtschaftliche Erfolge gefeiert. Rund 200 Zwangsarbeiter, vorwiegend Frauen aus Polen und der Ukraine, mussten für den Keksproduzenten schuften.

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Verena Bahlsen hätte jetzt ein bisschen zurückrudern können. Aber sie hat sich für das Gegenteil entschieden. In einem Interview mit der "Bild" sagte sie: "Das war vor meiner Zeit und wir haben die Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie die Deutschen und sie gut behandelt."

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Viele werfen ihr nun Geschichtsverfälschung und Verharmlosung des NS-Regimes vor. Der in Hildesheim geborene US-Wissenschaftler Guy Stern etwa sagte gegenüber der Deutschen Presse-Agentur: "Das schwerwiegende Wort dabei ist nicht ,arbeiten', das schwerwiegende Wort dabei ist ,Zwang'. Das ist eine psychologische Erniedrigung - das sind Fesseln, die jemandem auferlegt werden."

"Vergewaltigung eines Menschen"

Stern warb dafür, dass Bahlsen überlebende Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, die während des Zweiten Weltkriegs dort zur Arbeit gezwungen wurden. "Die kamen zumeist aus Polen, die haben kein Loblied zu singen", erklärte er und meinte: "Von der hohen Warte einer Erbin kann man vielleicht so sprechen."

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Auch wenn die Zwangsarbeiterinnen nicht unbedingt wie Sklaven gehalten oder oft geschlagen wurden, sagte der Literaturhistoriker: "Es ist eine Vergewaltigung eines Menschen." Stern - dessen Familie im Holocaust getötet wurde - sprach am Dienstag im niedersächsischen Landtag als Zeitzeuge.

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Der Historiker Michael Wolffsohn nannte die Aussagen von Verena Bahlsen "Stammtisch-Schnoddrigkeit". Sie seien geschichts- und geschäftsmoralisch unerträglich "und eines bundesdeutschen Unternehmens unwürdig".

Und Bahlsen? Bislang gab es noch keine offizielle Stellungnahme. (mit dpa)