Niedersachsen 

Salzgitter: „Fridays gegen Altersarmut“ in der Region – Bewegung sorgt für heftige Diskussionen!

Nach „Fridays for Future“ gibt es jetzt auch die Bewegung „Fridays gegen Altersarmut“. Und die steht in der Kritik. (Symbolbild)
Nach „Fridays for Future“ gibt es jetzt auch die Bewegung „Fridays gegen Altersarmut“. Und die steht in der Kritik. (Symbolbild)
Foto: dpa/Sebastian Gollnow/armin Weigel

Salzgitter. Es waren nicht viele Menschen, die am Freitagabend zu der „Fridays gegen Altersarmut“-Mahnwache nach Salzgitter kamen. Etwas mehr als zehn Menschen versammelten sich am Bahnhof in Bad. Ihr Ziel: Auf das Thema Altersarmut aufmerksam machen.

Doch die Partei „Die Partei“ aus Salzgitter hat Bedenken bei der Bewegung. Ihr Verdacht: Die Bewegung wird von Rechtsextremen unterwandert. Lars Tietjen vom Kreisverband Salzgitter war auch vor Ort – und sah sich in seinem Verdacht bestätigt.

Salzgitter: Mahnwache von Rechtsextremen unterwandert?

In den vergangenen Wochen hat sich Protest formiert. Immer mehr Menschen haben sich zusammengetan, um unter dem Label „Fridays gegen Altersarmut“ auf eben jenes Problem aufmerksam zu machen: Altersarmut!

Denn immer mehr Rentner sind in Deutschland von Altersarmut bedroht. Während es 2010 noch 14 Prozent der Rentner betraf, stieg der Anteil 2018 bereits auf über 18 Prozent. Tendenz steigend.

Das zeigen auch Zahlen aus Niedersachsen. Demnach würden immer mehr Senioren auf die Grundsicherung des Staates zurückgreifen. Im Juni 2019 bezogen laut des niedersächsischen Sozialministeriums 54.974 Menschen im Alter über 65 Jahren die Grundsicherung, das sind etwa 33,6 Prozent mehr als noch 2009.

„Altersarmut wird in den nächsten 10 bis 15 Jahren noch mal sehr, sehr deutlich zunehmen, weil wir immer mehr Menschen haben, die zu geringen Löhnen arbeiten oder in Teilzeit oder unterbrochene Erwerbsbiografien haben“, erklärt Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Niedersachsen: Altersarmut rückt in den Fokus der Öffentlichkeit

So langsam scheinen sich in der Gesellschaft immer mehr Menschen einig zu sein: Es muss etwas dagegen getan werden. Menschen schließen sich in Gruppen zusammen, um auf Altersarmut aufmerksam zu machen. Unter dem Namen „Fridays gegen Altersarmut“ planen Initiatoren in ganz Deutschland am 24. Januar Mahnwachen. So auch in Salzgitter!

Mahnwache in Salzgitter – „Möchte in Würde altern“

Dort haben sich am Freitag am Bahnhof von Salzgitter-Bad einige Menschen versammelt, um auf das Thema Altersarmut aufmerksam zu machen. Doch ein Gast sorgt für Bedenken bei der Partei „Die Partei“.

Lars Tietjen von „Die Partei“ war vor Ort und wollte sich die angemeldete Mahnwache angucken. Weil er den Verdacht hatte, dass das Ganze von Rechts unterwandert ist. Für ihn habe sich der Verdacht vor Ort bestätigt: Denn der Vorsitzende der Jungen Nationalisten Braunschweig war auch dort.

Und sei, anders als im Vorfeld angekündigt, nicht vom Platz verwiesen worden. Im Gegenteil: Nach Angaben von Lars Tietjen sei er mit „Handschlag und Umarmungen“ begrüßt worden. Doch reicht das aus, um eine Aussage zu konkretisieren? „Die Partei“ immerhin hält an ihrer Warnung vor der Bewegung fest.

Der Organisator der Mahnwache in Salzgitter hingegen betont, dass er lediglich „auf das Thema aufmerksam machen möchte“. Es könne so nicht weitergehen. Er wolle die Politiker wachrütteln. „Ich möchte, dass wir in Würde altern können.“ Der Organisator distanziere sich von jeglicher Instrumentalisierung – egal von welchem politischen Extrem.

Doch was steckt hinter „Fridays gegen Altersarmut“? – eine Bestandsaufnahme

Das ist „Fridays gegen Altersarmut“

  • bundesweite Bewegung
  • analog zur Klimabewegung „Fridays for Future“
  • wollen unter anderem mit Mahnwachen auf das Thema Altersarmut aufmerksam machen

Auffallend ist, dass es bei Facebook verschiedene Gruppen und Seiten gibt, auf denen sich zu dem Thema ausgetauscht wird:

  • „Fridays gegen Altersarmut“ als Seite mit 6.110 Gefällt-Mir-Angaben
  • eine weitere „Fridays gegen Altersarmut“-Gruppe mit 300.297 Mitgliedern
  • eine Gruppe mit 4.180 Mitgliedern
  • ebenfalls eine Gruppe mit 3.662 Mitgliedern

Es herrscht Verwirrung bei vielen Interessierten: Welche Gruppe oder welche Seite ist denn „die Echte“? Viele setzen da wohl auf die Mitgliederzahlen und da sticht vor allem eine Gruppe heraus – die allerdings verschiedenen Medienberichte zufolge auch immer wieder in der Kritik steht.

Lässt sich „Fridays gegen Altersarmut“ vor den rechten Karren spannen?

Denn viele Menschen könnten sich nicht mit der Gruppe identizifieren. Immer wieder wird der Vorwurf laut, Rechtsgesinnte würden die Gruppe unterwandern. Hetze und Hass seien dort an der Tagesordnung. Ins Visier geraten ist dabei auch einer der Administratoren der wohl größten „Fridays gegen Alterarmut“-Gruppe bei Facebook.

Er agiert mit drei Namen und immer demselben Profilbild. Seine Begründung: „Facebook hat ohne jegliche Begründung oder Regelverstoß meine Administratorenrechte für mein Hauptprofil eingeschränkt.“

Die „Frankfurter Rundschau“ hat eben jene Profile genauer unter die Lupe genommen. Ein Detail sei bei dem immer gleichen Bild demnach ins Auge gestochen: Ein sogenannter Thor-Hammer an einer Kette.

Ein Symbol des germanischen Donnergottes Thor, das bei den Germanen als Symbol der Stärke und Tatkraft galt, heutzutage jedoch auch durch Rechtsextreme als Symbol für „kämpferisch“ und „völkische Verbindenheit“ instrumentalisiert wird.

--------------------------------------

Mehr Themen auf news38.de

Braunschweig: Stadt verleiht Preis an Familie – daraufhin rastet Jörg Kachelmann aus

„Das perfekte Dinner“ (VOX) kommt nach Wolfsburg – eine Sache ist besonders auffällig

VW bringt Offroad-Hammer auf den Markt – doch die Sache hat einen krassen Haken

----------------------------------------

Differenzen innerhalb der „Fridays gegen Altersarmut“-Bewegung?

Im Gegensatz dazu steht beispielsweise die Facebook-Seite „Fridays gegen Altersarmut“ mit 6.110 Abonnenten. Diese hat sich klar positioniert und in einer Klarstellung veröffentlicht, dass sie nicht mit der Gruppe in Verbindung stehen möchte. Der Grund: Der besagte Administrator „wird polizeilich gesucht wegen einer Vielzahl von Straftaten“, machen die Initiatoren gegenüber news38.de deutlich.

Das kann die Staatsanwaltschaft Leipzig auf Nachfrage von news38.de jedoch nicht bestätigen. Demnach habe die Staatsanwaltschaft Leipzig ein Ermittlungsverfahren wegen des Tatvorwurfes des Betruges gegen den Administrator geführt – es jedoch im August 2019 eingestellt. Eine Straftat habe nicht mit hinreichender Sicherheit nachgewiesen werden können.

Problematisch sind diejenigen, die die Bewegung promoten

Ein weiteres Problem in Zusammenhang mit den Mahnwachen seien die Gruppen, die diese promoten würden. Wie die „Frankfurter Rundschau“ berichtet, würden beispielsweise „Hagida“ und die „deutsche Mitte“ für die Gruppe werben.

„Hagida“ gilt laut „Spiegel“ als Pegida-Ableger in Hannover – und als islamkritisch. Auf der Facebook-Seite von „Hagida Hannover“ wird auch der Aufruf zur Mahnwache am 24. Januar in Hannover geteilt.

+++Niedersachsen: Völlig irre! Mit diesen Geschwindigkeiten waren Raser hier unterwegs+++

„Omas gegen Rechts“ warnen vor der Gruppe

Das Bündnis „Omas gegen Rechts“ geht noch einen Schritt weiter und argumentiert damit, dass es in der größten Gruppe nichts außer Forderungen und rechter Hetze gebe. Konkrete Ziele würden nicht genannt. Ebenso würde Kritik nicht geduldet werden. Wer widerspricht, der fliege raus.

Auch die Mitgliederzahl steht in der Kritik. So gibt beispielsweise das Bündnis „Omas gegen Rechts“ zu bedenken, dass die große Gruppe dafür wirbt, ganze Freundeslisten einfach der Gruppe hinzuzufügen. Das sei ein gängiges Mittel, um schnell eine Vielzahl von Anhängern zu generieren.

Stutzig geworden ist wegen all dieser Aspekte auch Sandra Hanslicek aus Menden. Sie hatte dort die Organisation der Mahnwache für den 24. Januar übernommen – und sie am Ende doch abgesagt. Ihr seien in den letzten Wochen die rechtsradikalen Tendenzen der großen Gruppe bewusst geworden. Gegenüber der hat sie betont, dass die nicht mit Rechten in einen Topf geworfen werden möchte. Gegen Altersarmut wolle sie weiterhin vorgehen, nur eben nicht in Zusammenhang mit der Gruppe.

Mahnwachen auch in Braunschweig, Salzgitter und Schöningen

Dennoch gibt es auch Menschen, die hinter dieser Idee stehen und ganz klar sagen: Es gibt keine Sympathie mit Rechts! So auch Regina. Sie ist ebenfalls Mitglied in der „Fridays gegen Altersarmut“-Gruppe mit über 300.000 Mitgliedern. Und sie ist die Initiatorin der Mahnwache in Braunschweig .

„Fridays gegen Altersarmut“-Mahnwachen der Region

  • Braunschweig, Kohlmarkt, 17 bis 19 Uhr
  • Salzgitter-Bad, Bahnhofsvorplatz, 17 bis 19 Uhr
  • Schöningen, An der Kirchenmauer, 14 bis 18 Uhr

+++Niedersachsen: Fieses Städte-Ranking – gleich vier Vertreter unter den hässlichsten Städten Deutschlands!+++

Für die 62-Jährige ist es selbstverständlich, etwas zu tun. „Ich bin kein Weggucker, ich muss was tun", betont sie im Gespräch mit news38.de. Altersarmut sei ein Thema, das ihr nahegeht. Sie sehe häufiger ältere Menschen, die wirklich Pfandflaschen sammeln oder in Mülleimern nach essen suchen würden. Für sie steht fest: „Ich möchte was bewegen“.

Braunschweigerin: „Ich bin kein Weggucker, ich muss was tun!“

Als Regina dann vor einigen Wochen auf die Gruppe aufmerksam wurde, begann sie, zu recherchieren. Gibt es in Braunschweig auch eine Mahnwache, zu der sie gehen kann, um ein Zeichen zu setzen? Fehlanzeige. Also habe sie kurzerhand beschlossen, das selbst in Angriff zu nehmen.

Mitglieder der Gruppe „Fridays gegen Altersarmut“ hätten ihr geholfen mit den Formalitäten. Und dann konnte sie den Termin auch schon bekanntgeben. „Ich bekomme gutes Feedback“, freut sich die 62-Jährige. Doch Anfeindungen seien auch dabei.

Vorwürfe, dass sie sich vor den rechten Karren spannen lassen würde, werden laut. Doch da hält sie strikt dagegen: „Ich unterstütze nichts Rechtes, es geht einfach um das Thema Altersarmut“, erklärt sie. Und auch in der Gruppe hätte Rechtes keinen Platz. Die einzigen Beiträge, die gelöscht würden, seien jene, in denen es schlechte Stimmungsmache gebe.

---------------------------------------

Das könnte dich auch interessieren

Hund geht auf Einbrecher los – die greifen zu einer ungewöhnlichen Gegenattacke

„Das perfekte Dinner“ (Vox) in Gifhorn: Manu sichert sich den Sieg – und überrascht mit DIESER rührenden Geste

Niedersachsen: Tausende Tiere ersticken bei Feuer im Stall – nur eins überlebt

-------------------------------------------

„Wir lassen uns nicht instrumentalisieren, wir sind unparteiisch“

„Wir lasen uns nicht instrumentalisieren, wir sind unparteiisch“, sagt Regina. Das wird auch in den Richtlinien der Facebook-Gruppe betont. Gemeinsam hätte die Gruppe einen 10-Punkte-Plan mit Forderungen erarbeitet. Am 24. Januar wollen sie erstmal in bislang 210 Städten in Deutschland mit Mahnwachen auf sich und das Problem der Altersarmut aufmerksam machen. Auch für den Februar sind weitere Veranstaltungen geplant.

Dass eine solche Mahnwache für den 24. Januar angemeldet wurde, kann auch die Stadt Braunschweig auf Nachfrage von news38.de bestätigen. Zu dem Vorwurf der rechten Instrumentalisierung hingegen habe die Stadt keine Kenntnisse.

Und auch David Janzen vom Bündnis gegen Rechts sieht derzeit in Bezug auf die Veranstaltung in Braunschweig kein Problem. „Bisher ist der Aufruf für Braunschweig auch kaum außerhalb der Fridays gegen Altersarmut-Gruppe verbreitet worden. Ich denke, das wird eher klein.“

Weiter erklärt er gegenüber news38.de: „Ob das dann auch Rechte anzieht, muss man mal abwarten und beobachten. Grundsätzlich geht das ja bundesweit schon ein bisschen in die Richtung.“

Die Polizei Braunschweig sieht für die Stadt übrigens keinerlei Hinweise, dass die Mahnwache in eine rechtsextreme Richtung gehen könnte.

+++Niedersachsen: Polizei greift im Kampf gegen Kinderpornographie nun zu DIESER Maßnahme+++

Forderungen: Keine Altersarmut mehr

Regina rechnet bei der Mahnwache in Braunschweig etwa mir 40 bis 50 Teilnehmern. Das zumindest sei bislang die Rückmeldung gewesen. Und selbst wenn es weniger sein sollten, sei das nicht schlimm. Immerhin sei es ein Anfang. Und wenn doch jemand aus der rechtsradikalen Szene auftauchen sollte? „Dann zeige ich klare Kante und schicke sie weg“, sagt Regina selbstbewusst. (mit dpa)