Salzgitter 

Schulz: Erdogan ist ein "Feind der Türkei"

Ausgesprochen kämpferisch zeigte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schultz bei seinem Auftritt in Salzgitter-Bad.
Ausgesprochen kämpferisch zeigte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schultz bei seinem Auftritt in Salzgitter-Bad.
Foto: Siegfried Denzel
  • SPD-Wahlkampfveranstaltung auf dem Markt in Salzgitter-Bad.
  • Kanzlerkandidat attackiert türkischen Staatschef scharf.
  • Treuebekenntnis zum Diesel-Antrieb.

Salzgitter. Ob dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Ohren geklungen haben? Er hätte allen Grund gehabt: Denn bei einem Wahlkampfauftritt am Montagabend auf dem Marktplatz von Salzgitter-Bad redete der SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz Tacheles: Erdogan sei ein "Feind der Türkei", wetterte er. Denn: "Feinde der Türkei sind Leute, die die Demokratie abwickeln." Oder "unschuldige Leute wie Deniz Yücel, Mesale Tolu oder Peter Steudtner ins Gefängnis werfen".

Damit konterte Schulz Erdogans Eingreifen in den Bundestagswahlkampf vor gut einer Woche: Da hatte der türkische Präsident vor allem den Deutsch-Türken mit einem Appell an ihre "Ehre" nahegelegt, am 24. September weder für CDU, SPD noch für Grüne zu stimmen - denn deren Politiker seien "Feinde der Türkei".

Ein "dreistes Stück", kommentierte der Kanzlerkandidat und forderte unter dem Applaus seiner mehreren hundert Zuhörer Erdogan "von hier, von Salzgitter-Bad aus" auf: "Lassen sie die Leute heute noch frei!"

Schulz und Gabriel im Rollentausch

Dass die beiden Journalisten Yücel und Tolu sowie der Menschenrechtsaktivist Steudtner aber trotz seines Auftritts auf dem gut gefüllten Marktplatz in Bad weiter in türkischen Gefängnissen schmoren werden, dürfte Schulz freilich bewusst sein.

Immerhin hatte sein Freund - dieses Wort gebrauchte er am Montagabend gleich mehrfach - Sigmar Gabriel (SPD) in seiner Eigenschaft als Außenminister erst vor wenigen Tagen den Unmut Erdogans nach seinem Freilassungs-Appell zu spüren bekommen: "Wer sind Sie, dass Sie so mit dem Präsidenten der Republik Türkei sprechen?", hatte der Staatschef den deutschen Vizekanzler abgekanzelt.

Worauf Gabriel mit einer persönlichen "Reisewarnung" konterte. Auf die Frage, ob er deutschen Urlaubern Reisen in die Türkei empfehlen würde, hatte er vor vier Tagen gesagt: "Man kann das nicht mit gutem Gewissen machen zurzeit."

Das sind die Streitpunkte im deutsch-türkischen Verhältnis
Das sind die Streitpunkte im deutsch-türkischen Verhältnis

"Frau Merkel ist eine gute Kanzlerin..."

In Salzgitter-Bad indes war Sigmar Gabriel als erster Redner des Abends für die versöhnlicheren Töne zuständig. Jovial, gut gelaunt und im Plauderton riss er ein paar politische Witzchen. Beispiel: "Frau Merkel ist eine gute Kanzlerin, wenn die SPD auf sie aufpasst".

Für ihn war es ein typisches Heimspiel: Immerhin ist Gabriel der Abgeordnete, der in knapp vier Wochen im Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel sein Direktmandat verteidigen will.

Alles nur geklaut?

Gabriel ärgerte sich lediglich über die von der CDU-Chefin am Samstag in Braunschweig losgelassene Drohung gegen Unternehmen, notfalls mit einer schärferen Frauenquote für mehr Chancengleichheit der Geschlechter zu sorgen. Das sei eine Idee, die Merkel von der bisherigen Familienministerin und jetzigen mecklenburg-vorpommerschen Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) geklaut habe.

Gegen Diesel-Fahrverbote

Trotzdem war die Rollenverteilung des Abends klar: Gabriel betont locker, Schulz im Angriffsmodus. Abteilung Attacke gegen soziale Ungerechtigkeit - und indirekt auch Abteilung Attacke auf die eigene Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Ohne sie beim Namen zu nennen, wies er ihre Drohung mit Fahrverboten für Diesel-Fahrzeuge zurück - und wiederholte plötzlich Worte, die vor wenigen Tagen ausgerechnet CSU-Chef Horst Seehofer gebraucht hatte: Es sei "unverantwortlich zu sagen, wir schaffen die Dieseltechnologie ab". Denn: "Fahrverbote treffen die hart arbeitende Mitte dieses Landes". Deshalb müssten schnelle Soft- und wenn nötig Hardware-Nachrüstungen der Dieselmotoren her.

Und mit Blick auf Salzgitter als Standort des wichtigsten VW-Motorenwerks sowie der Salzgitter AG als zweitgrößtem deutschen Stahlproduzenten fügte Schulz hinzu: "Die Automobil- und die Stahlindustrie brauchen Verlässlichkeit."