Salzgitter 

Neues Projekt: Wie aus Junkies Kleingärtner werden

Gianluca Calabrese, Vorsitzender des Vereins "SuPer" Salzgitter, in dem entstehenden Vereinsgarten.
Gianluca Calabrese, Vorsitzender des Vereins "SuPer" Salzgitter, in dem entstehenden Vereinsgarten.
Foto: Siegfried Denzel
  • Verein aus Salzgitter will verurteilte Jugendliche beschäftigen.
  • Chef hat eigene Erfahrungen als Süchtiger und Krimineller.
  • Gerichtschef äußert sich gegenüber news38.de.

Salzgitter. Die drei Parzellen in der Kleingartenanlage "Flora" in Lebenstedt wirken so, als könnten sie durchaus mehr als nur eine helfende Hand gebrauchen. Das ist kein Zufall: Gianluca Calabrese (41) hofft auf ganz viele Hände, um aus den insgesamt rund 1.500 Quadratmeter Land "einen Vorzeigegarten zu machen".

Doch es werden wohl keine gewöhnlichen Kleingärtner sein, die hier Gemüsebeete anlegen, Hecken schneiden oder Blumen pflanzen: Wenn, dann werden sie wohl auf "Vermittlung" der Gerichte aus der näheren Umgebung aktiv: "Jeder, der eine Arbeitsauflage bekommt, kann sie hier ableisten" - im Vereinsgarten von "SuPer Salzgitter".

Das sagt das Gericht

Ganz so weit ist's zwar noch nicht, tritt Salzgitters Amtsgerichtsdirektor Eckart Müller-Zitzke gegenüber news38.de etwas auf die Euphoriebremse. "Der Verein hat sich jetzt erst bei uns vorgestellt." Aber generell steht er den Plänen aufgeschlossen gegenüber.

Gerade bei Jugendlichen und Heranwachsenden "ist es manchmal gar nicht so leicht, passende Einrichtungen zu finden", weiß Müller-Zitzke. Deshalb sieht er gute Chancen für "SuPer" und seinen Vorsitzenden Gianluca Calabrese, die erhoffte Zahl helfender Hände zu bekommen.

Vom Saulus zum Paulus

Dabei ist auch Calabrese alles andere als ein gewöhnlicher Kleingärtner - er hat eine Wandlung vom Saulus zum Paulus hinter sich.

Aus dem Ex-Junkie mit 20-jähriger Drogenkarriere und dem Ex-Knacki wegen Drogenhandels, Einbruchs und Betrugs ist ein Vereinschef und Suchtberater geworden: "Ich möchte den Leuten die Augen öffnen, dass sie hier vielleicht die letzte Möglichkeit haben, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu bringen."

Hilfe für ältere Kleingärtner?

Mit "hier" meint er den Vereinsgarten, in dem sich Betroffene erstens wieder an so etwas wie einen Arbeitsrhythmus gewöhnen können - und durch die körperliche Arbeit auch leichter über ihren Suchtdruck hinwegkommen können. Weil sie abgelenkt sind.

Rund 15 Mitglieder zählt der vor zweieinhalb Jahren gegründete Verein, der laut Calabrese eine "niedrigschwellige Anlaufstelle" bietet: Rund-um-die-Uhr-Sorgentelefon, Kooperation mit Schuldnerberater und Anwälten - und "hoffentlich ab Herbst" auch den Einsatz im Vereinsgarten. Der Kleingarten-Verein stehe diesen Plänen offen gegenüber - Berührungsängste gebe es in der "Flora" nicht, versichert Calabrese.

Fernziel sei es nämlich, mit den "Gemeinnützigen" auch jenen älteren Kleingärtnern zu helfen, die ohne Unterstützung ihre Parzelle nicht mehr bewirtschaften könnten; einige haben nach seinen Worten bereits signalisiert, solche Hilfe in Anspruch nehmen zu wollen.

Kontaktladen in Fredenberg

Doch der Garten ist nicht das einzige Projekt, das Calabrese und seine Mitstreiter derzeit vorantreiben: "Wir verhandeln mit einem Vermieter, um in Fredenberg einen Kontaktladen zu eröffnen" - als eine Art

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Bei solchem "Expansionstempo" - der Vereinschef deutet es zumindest an - kommt's schon mal zu Reibereien. So betont er gleich mehrfach: "Wir wollen professionellen Suchtberatungsstellen keine Konkurrenz machen. Wir fühlen uns als Ergänzung."

"Guter Ruf in schlechten Kreisen"

Den dort tätigen Beratern und Pädagogen habe er nämlich eines voraus, sagt der gelernte Koch: die eigene "Karriere" als Süchtiger und Krimineller. Seit acht Jahren sei er nun zwar clean. "Aber ich habe immer noch einen guten Ruf in schlechten Kreisen." Den könne er zugunsten von Abhängigen einsetzen.

So bestätigte er auch die Schilderung von Braunschweiger Szene-Insidern, dass an den "üblichen" Marktplätzen wie dem Bereich Friedrich-Wilhelm-Straße/Bruchstraße minderwertiges Zeug verkauft werde - statt der versprochenen "guten Ware".

Dass er trotz solcher Äußerungen und seinem für die Drogenszene "geschäftsschädigenden Verhaltens" nach eigenen Worten noch nicht bedroht worden ist, hat für den 41-Jährigen unter anderem einen Grund: "Ich verpfeife niemanden."