Salzgitter 

Salzgitter: Kulturkampf im Schwimmbecken?

Burkini oder nicht Burkini? Zumindest im Hallenbad Thiede legt man Wert auf mitteleuropäische Bade-Gepflogenheiten (Symbolbild).
Burkini oder nicht Burkini? Zumindest im Hallenbad Thiede legt man Wert auf mitteleuropäische Bade-Gepflogenheiten (Symbolbild).
Foto: Rolf Haid/dpa
  • Kontroverse um "islamische" Badebekleidung.
  • Hallen-Verweis für Burkini-Trägerin in Thiede.
  • Bad-Chef beklagt "extreme Anfeindungen" durch Muslime.

Salzgitter. Es war zwar nur ein vergleichsweise kleiner Zwischenfall im Thieder Bad. Aber insgesamt "sehe ich ganz großes Konfliktpotenzial auf uns zukommen", sagt Helmut Fichtner, der Geschäftsführer der Thieder Bad gGmbH. "Ich habe das Gefühl, dass bestimmte Gruppen versuchen, ihre Religionsausübung bei uns durchzusetzen - und wir uns ihnen anzupassen haben."

Mit "bei uns" meint der Bad-Chef nicht etwa die Gesellschaft an sich, die in Salzgitter inzwischen so multikulturell ist, dass Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU) vor knapp einem Jahr beim Land einen Zuzugsstopp für Flüchtlinge regelrecht ertrotzt hat. Mit "bei uns" meint Helmut Fichtner seinen Verantwortungsbereich, das Hallenfreibad in der Danziger Straße.

So wollte Ende September ein 13-jähriges Mädchen mit zwei Freundinnen schwimmen gehen - allerdings nicht im Badeanzug oder Bikini, sondern in einem Burkini für Muslima.

Der Schwimmhalle verwiesen

Was der Bad-Chef nicht zugelassen hat: Als die 13-Jährige sich weigerte, das - bis auf Gesicht, Füße und Hände - den gesamten Körper bedeckende Gewand gegen ein "unserer Badekultur entsprechende Kleidung" zu tauschen, hat er sie der Schwimmhalle verwiesen.

"Das ist Rassismus!", empört sich ihr Vater Adem Karakaya gegenüber news38.de. Zudem sieht er im Verhalten des Schwimmmeisters die Verletzung der im Grundgesetz garantierten Religionsfreiheit. Eine von ihm angekündigte Strafanzeige bei der Polizei ist nach Informationen von news38.de zwar nicht zustandegekommen. Das generelle gesellschaftliche Problem aber gärt weiter.

Folge des Erdogan-Kurses?

Jenes hat nichts mit Flüchtlingen zu tun. Sondern möglicherweise mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan und seiner Politik des nationalistischen Islam.

Seitdem er vor acht Jahren bei einem umstrittenen Auftritt in Köln die türkische Community in Deutschland vor einer zu starken Integration in ihrer neuen Heimat gewarnt und "Assimilation ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" genannt hat, bemerken Kommunalpolitiker nicht nur in Salzgitter ein immer selbstbewussteres, manche sagen auch provozierendes Auftreten von bis dahin gut integrierten Deutsch-Türken.

Und seit Erdogan der deutschen Kanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr "Nazi-Methoden" vorgeworfen hat, sind auch hierzulande fast regelmäßig Nazi-Vergleiche zu hören.

So berichtet Fichtner, dass er von männlichen Verwandten als Nazi beschimpft und persönlich bedroht worden sei, als er eine Muslima daran hindern wollte, "mit Rollkragenpulli und Leggins ins Wasser zu gehen". In diesem Jahr seien die "Anfeindungen extrem" gewesen.

Kein Respekt vor dem Islam?

Für den Geschäftsführer der gGmbH ist sein Beharren auf mitteleuropäische Bade-Gepflogenheiten jedoch mitnichten "Ausdruck fehlenden Respektes vor dem Islam", wie er beteuert. Sondern habe technisch-hygienische Gründe.

Denn erstens könnten Fussel von Rollkragenpullis beispielsweise die Umwälzpumpen und Filteranlagen verstopfen.

Und zweitens haben er und sein Team bei Burkini-Badenden mehrfach gesehen, dass sich unter dem Gewand "noch Unterwäsche abzeichnet". Das sei unhygienisch und anderen Gästen nicht zuzumuten.

Stammgäste beschweren sich

Überhaupt habe er von Stammgästen schon einige Beschwerden erhalten, verbunden mit einer klaren Botschaft: Dulde er verhüllte Muslima im Badebereich in Thiede, werde man nicht mehr wiederkommen. "Dann hätte ich als Geschäftsführer einer GmbH ein Problem", gibt Fichtner unumwunden zu.

Security greift ein

In den rein kommunalen Bädern in Salzgitter-Bad sowie in Lebenstedt besteht laut Auskunft der Stadtverwaltung zwar kein explizites Burkini-Verbot. Man führe auch keine Statistik, wie zahlreich "islamische" Badebekleidung ist, zumal es keine Beschwerden gebe.

Doch neben der offiziellen Antwort aus dem Rathaus gibt es Schilderungen hinter vorgehaltener Hand: Etwa, dass Security-Mitarbeiter mehr als einmal haben eingreifen müssen, als sich offenbar türkischstämmige junge Männer als Sittenwächter aufgespielt haben sollen. Bikini-Trägerinnen seien schon mal als "Nutte" oder "Hure" beschimpft worden, berichtet ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden will.

Hätten sich andere Badegäste eingemischt, sei ihnen der "Nazi"-Vorwurf entgegengeschleudert worden.

Thema bei Gesellschafterversammlung

Unterdessen kündigt der Thieder Bad-Chef Fichtner an, dass er bei der nächsten Gesellschafterversammlung seiner gGmbH das Problem thematisieren werde. Mit am Tisch sitzen dann auch Vertreter der Stadt, die für ihr Integrationskonzept seit Jahren auch überregional als Vorbild gilt. Erst am Wochenende ist hier die Interkulturelle Woche unter dem Motto "Vielfalt ist besser als Einfalt" zu Ende gegangen.

Helmut Fichtner formuliert das Ziel viel einfacher: "Ich möchte hier Frieden haben."