Salzgitter 

Neues Kontakt-Café für Drogensüchtige in Salzgitter zieht Bilanz: "Salzgitter hat ein Drogenproblem"

Die neue Anlaufstelle für Suchtkranke und Obdachlose in Lebenstedt wird gut angenommen.
Die neue Anlaufstelle für Suchtkranke und Obdachlose in Lebenstedt wird gut angenommen.
Foto: Rudolf Karliczek

Salzgitter. Das neue Kontakt-Café für Drogensüchtige hat offenbar einen Nerv getroffen. Schon mehr als 70 Menschen haben die Hilfe des Suchthilfe-Vereins "SuPer-Salzgitter" nach dessen Angaben in Anspruch genommen.

Vor allem seien die Räume in der Reppnerschen Straße 39 eine Treffmöglichkeit für Drogenabhängige und Obdachlose. Es gebe auch Duschen, sagt Gianluca Calabrese. Was es aber nicht gibt: Drogen. "Das ist ja kein rechtsfreier Raum hier."

Der Vereinsvorsitzende ist stolz, wie breit das Angebot inzwischen ist: "Wir beraten Menschen, die Hilfe brauchen - zum Beispiel bei Ärger mit der Polizei, Schulden oder bei der Wohnungssuche", sagt er im Gespräch mit news38.de.

Eltern kommen manchmal mit

Aber klar: Wichtig sei den Menschen auch, dass sie in dem Café hygienisches Besteck bekommen, so Calabrese. Zum Beispiel Spritzen. "Wer Suchtmittel mitbringt, kriegt Hausverbot", stellt Calabrese klar. Konsum sei strengstens untersagt. Es kämen vor allem Leute im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Auch Frauen. Und manche kämen sogar mit ihren Eltern.

Calabrese war selbst mal abhängig

"Wir bieten Anonymität. Das schätzen die Leute hier. Dass sie hier offen reden können und nichts nach außen dringt", so Calabrese. Er war selbst drogenabhängig. 20 Jahre lang. Und er saß wegen Betrugs und mehrerer Einbrüche drei Jahre im Knast. Die Zeit hat ihn geprägt.

Sieben Tage am Stück wach

Kumpel und Vereinsmitglied Patrick Wassmann erinnert sich: "Das war sehr krass, ihn in seiner Abhängigkeit zu erleben. Ich habe gesehen, wie Gianluca sieben Tage am Stück wach war." Seitdem er aus dem Gefängnis raus sei, sei er ein ganz anderer Mensch: "Total ruhig und lieb."

"Salzgitter hat ein Drogenproblem"

Calabrese will aus seiner Biografie etwas machen. "Salzgitter hat ein Drogenproblem", sagt er. Er wolle nicht nur ehrenamtlich helfen, sondern auch den Politikern zeigen, dass es diese Probleme gibt - und dass selbst die seiner Meinung nach gut arbeitetenden offiziellen Anlaufstellen für Abhängige trotzdem noch Hilfe bräuchten. "Bisher waren leider kaum Politiker hier, um sich unsere Angebote anzusehen. Da wünsche ich mir schon mehr Interesse."

Örtliche Suchtberatungsstellen seien kein Allheilmittel, jeder Abhängige brauche eine Auswahlmöglichkeit. "Manche entscheiden sich für gewisse Leitlinien, aber andere entscheiden sich halt auch für ein Leben mit Drogen - das muss man auch mal klar sagen."

Drogen werden akzeptiert

Für diese drogenakzeptierende Haltung kassiert Calabrese auch Kritik, die er so kontert: "Jeder hat das Recht auf Selbstbestimmung - und das nehmen wir ihm auch nicht ab. Wir akzeptieren jeden. Jeder Mensch ist gleich, egal ob er Drogen konsumiert oder nicht. Das Wichtigste ist die Wahrung der Menschenrechte."

Schicksale im Klinikum

Die Drogenstatistik spreche Bände, zumal auch junge Menschen gestorben seien. Es gebe in Salzgitter auch Menschen, die im Koma liegen und niemand wisse, was sie konsumiert haben. "Da wissen die Eltern nicht, ob und wann sie die Maschinen abstellen lassen sollen." Klar ist aber auch: Calabrese will den Abhängigen heraus aus der Sucht helfen - und sich nicht darin bestärken.

Einer, der es raus aus seiner Sucht geschafft hat, ist Lukas. Der 22-Jährige war schnell in einen Abwärtsstrudel geraten und hatte sich dann betäubt. Erst mit Cannabis, dann auch mit Pilzen, Amphetaminen, Extasy und Koks.

Endlich mal nüchterne Leute

"Irgendwann brauchte ich die Drogen zum Wachwerden und dann zum Klarkommen. Das ist einfach so ein Dahinleben, von einer Welle zur nächsten", erinnert er sich. Dann habe er Gianluca kennengelernt und dessen Hilfe angenommen. "Ich hab früher kaum nüchterne Leute gesehen - hier schon. Das war sehr wichtig."

"Heute bin ich clean, ich rauche nur noch Zigaretten", sagt Lukas. Fast ein halbes Jahr habe er gebraucht, um sich zu entgiften. Warum er denn noch hier im Café sei, fragen wir ihn. "Aus purer Dankbarkeit", sagt der junge Mann. "Ich bin mit fettem blauen Auge davon gekommen." Bleibt zu hoffen, dass noch viele Lukas' Weg finden und gehen...