Salzgitter 

Salzgitter AG: Unruhe bei Mitarbeitern wegen Corona – Konzern erklärt: „Unsere Möglichkeiten sind begrenzt“

Wie in vielen Unternehmen herrscht auch bei Mitarbeitern der Salzgitter AG aktuell Unsicherheit... (Archivbild)
Wie in vielen Unternehmen herrscht auch bei Mitarbeitern der Salzgitter AG aktuell Unsicherheit... (Archivbild)
Foto: Rudolf Karliczek

Salzgitter. Bei der Salzgitter AG gibt es aktuell Unruhe in der Belegschaft. Mehrere Mitarbeiter haben sich an News38 gewandt, weil sie sich in der Corona-Krise angeblich nicht wertgeschätzt und nicht mehr sicher fühlen.

Auch der Betriebsrat und die Vertrauenskörperleitung übten zuletzt in einem internen Schreiben, das News38 vorliegt, Kritik an der Chefetage des Stahlkochers. Der Vorstand der Salzgitter AG müsse der Belegschaft klar sagen, wie die Corona-Pandemie im Betrieb bekämpft werden solle – und wie die Mitarbeiter dabei gewissenhaft und solidarisch unterstützt werden könnten.

Salzgitter AG: Schreiben des Betriebsrats

„Dies vermissen wir seit Tagen! Stattdessen müssen wir mit Erschrecken feststellen, dass bei einfachen Entscheidungen [...] keine einheitliche Vorgehensweise zu erkennen ist“, heißt es in dem Schreiben. „Wir fordern den Vorstand unmissverständlich auf, alles Erdenkliche zu tun, um der Fürsorgepflicht gegenüber den Menschen, die hier arbeiten, nachzukommen.“

News38 erreichten daneben mehrere Aussagen aus der Belegschaft der Salzgitter AG. „Hier wird fleißig weitergearbeitet als ob nichts wäre“, schrieb uns ein Mitarbeiter. Ein anderer ist misstrauisch, befürchtet, mit bereits infizierten Kollegen zusammen zu arbeiten.

News38 hat bei Salzgitter nachgefragt. Sprecher Bernhard Kleinermann erklärt das Vorgehen des Konzerns im Interview.

Ist es bisher bei dem einen Corona-Fall in Ihrem Betrieb geblieben? Oder wie viele Fälle gibt es inzwischen?

„Es gibt derzeit zwei Infizierte am Konzern-Standort Salzgitter. Die Kontaktpersonen sind identifiziert und separiert worden. Nach meinen Informationen handelt es sich um etwa 200 Personen am Standort Salzgitter. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir künftig nicht zu jedem Einzelfall Stellung nehmen können und wollen.In allen Verdachtsfällen werden sofort alle behördlichen und auch von unserer eigenen Arbeitsmedizin vorgegebenen Maßnahmen konsequent eingeleitet und nachverfolgt.

Inwiefern hat die Salzgitter AG auf die Covid-19-Gefahr reagiert bzw. wie will der Konzern reagieren – und wann?

„Die zur Eindämmung der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie von der Bundesregierung, dem Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen risikominimierenden Vorkehrungen und Richtlinien zum Schutz der Mitarbeiter und deren Familien sowie Kunden, Lieferanten und Dienstleister wurden umgehend implementiert und werden strikt umgesetzt.

Wir haben unsere Mitarbeiter über Aushänge, das Konzern-Intranet sowie mündlich mit Verhaltens- und Hygieneempfehlungen versorgt. Außerdem steht das Merkblatt des Landesgesundheitsamtes zur Verfügung.

Wir verfügen über eine gut ausgestattete arbeitsmedizinische Einrichtung mit mehreren Ärzten auf dem Gelände der Salzgitter Flachstahl, die über das IFSG-Mail Infosystem* mit den Gesundheitsbehörden in direktem Kontakt steht und auch Teil eines arbeitsmedizinischen Netzwerkes der Unternehmen in der Region ist.

Die Kantinen auf dem Werksgelände in Salzgitter sind seit Donnerstag, 19. März, geschlossen und in anderen Kantinen wurden die Tische vereinzelt und Verhaltensmaßnahmen ausgegeben. Die Kantine in der Hauptverwaltung gibt nur noch Essen zur Mitnahme aus.“

*das IFSG-Mail Infosystem dient dem unverzüglichen Informationsaustausch des Gesundheitsamtes mit der niedergelassenen Ärzteschaft, Kliniken und Apotheken

Ist Kurzarbeit ein Thema, wie etwa bei Thyssenkrupp?

„Ja, Kurzarbeit wird sich in den betroffenen Betrieben voraussichtlich nicht vermeiden lassen. Die Modalitäten werden derzeit verhandelt. In den kommenden Tagen werden wir dazu Stellung nehmen.“

Wie (un)denkbar ist eine zeitweise Aussetzung der Produktion à la VW?

„Oberste Priorität hat für uns natürlich die Gesunderhaltung unserer Mitarbeitenden und von deren Angehörigen. Wir müssen aber auch gemeinsam dafür sorgen, dass unser Unternehmen mit seinen vielfältigen Geschäftsaktivitäten im Rahmen der Möglichkeiten weiterläuft und die technischen und wirtschaftlichen Schäden auf ein unvermeidbares Minimum begrenzt werden.

Bedingt durch den spezifischen Charakter unserer Produktionsanlagen, die man nicht nach Belieben aus- und anschalten kann, sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Alle Entscheidungen, die wir treffen, müssen einer sorgfältigen Güterabwägung unterzogen werden. Denn wir sollten auch schon heute an die Zeit nach der Corona-Krise denken.“

Warum gab es seitens der Salzgitter AG öffentlich und proaktiv noch keinerlei Reaktion zur Corona-Krise?

„Wir konzentrieren uns derzeit auf die vielfältigen Aspekte der Gefahrenabwehr innerhalb des Unternehmens. Es wird demnächst ein Statement geben, wenn alle arbeitsrechtlichen Aspekte des Umgangs mit dieser Situation geklärt sind.“

Inwiefern stimmt der Vorwurf, dass die gesamte operative Ebene aus dem Home Office arbeitet, während im Werk die volle Produktion stattfindet?

„Das ist nicht zutreffend! Arbeit vom Home Office ist aus technischen und organisatorischen Gründen nur in einer relativ begrenzten Anzahl von Mitarbeitenden machbar. Wir sind mit Hochdruck dabei, die technischen Kapazitäten so schnell wie möglich zu erweitern. Für alle zwingend notwendigen Abwesenheiten, bei den Home Office nicht möglich ist, werden im Individualfall andere Lösungen gefunden und angewendet.“

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Außerdem lautet ein Vorwurf: „Die Vorsorge der AG ist beschränkt auf die Vermeidung persönlicher Kontakte und Abstand halten. Es gibt keine regelmäßige Reinigung/Desinfektion und auch der Werksarzt ist nicht an der Überwachung beteiligt.“ – was ist da dran?

„Das ist nicht zutreffend. Die zur Eindämmung der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie von der Bundesregierung, dem Robert-Koch-Institut und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen risikominimierenden Vorkehrungen und Richtlinien zum Schutz der Mitarbeiter und deren Familien sowie Kunden, Lieferanten und Dienstleister wurden umgehend implementiert und werden strikt umgesetzt.

Wir verfügen über eine gut ausgestattete arbeitsmedizinische Einrichtung mit mehreren Ärzten auf dem Gelände der Salzgitter Flachstahl, die über das IFSG-Mail Infosystem mit den Gesundheitsbehörden in direktem Kontakt steht und auch Teil eines arbeitsmedizinischen Netzwerkes der Unternehmen in der Region ist.

Die ausgegebenen Handlungsanweisungen und Vorschriften entsprechen exakt den Empfehlungen der Gesundheitsbehörden und stehen im Einklang mit den fachlichen Einschätzungen und Empfehlungen unserer eigenen Mediziner.“