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Kundus: Schwerer Talibanangriff auf nordafghanische Stadt

Mitarbeiter des teilweise zerstörten Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen im nordafghanischen Kundus arbeiten am 3. Oktober 2015 in einem provisorischen Operationssaal im intakten Teil des Krankenhauses.
Mitarbeiter des teilweise zerstörten Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen im nordafghanischen Kundus arbeiten am 3. Oktober 2015 in einem provisorischen Operationssaal im intakten Teil des Krankenhauses.
Foto: dpa
  • Die Symbolik wiegt schwer: Ein Jahr nachdem die Taliban die nordafghanische Provinzhauptstadt Kundus für fast zwei Wochen in ihrer Gewalt hatten, versuchen sie erneut, sie zu stürmen.
  • Und das kurz vor einer großen Geberkonferenz für Afghanistan in Brüssel.

Kabul. Die radikalislamischen Taliban haben in der Nacht zum Montag einen schweren Angriff auf die Hauptstadt der nordafghanischen Provinz Kundus begonnen und haben sich mit Sicherheitskräften Kämpfe am Stadtrand geliefert. Das bestätigte am Montag ein Provinzratsmitglied, Amruddin Wali. Gefechte seien in den Gegenden von Sakhil and Kahwakhana etwa 200 Meter von der Stadtgrenze entfernt im Gange. Auf beiden Seiten habe es Opfer gegeben.

Der Angriff kommt fast genau ein Jahr nachdem die Taliban die Provinzhauptstadt zum ersten Mal erobert hatten. Ende September und Anfang Oktober 2015 hatten sie Kundus-Stadt fast zwei Wochen lang in ihrer Gewalt - es war der erste große territoriale Gewinn der Islamisten seit Beginn der internationalen Intervention in 2001 und ein Schock für ausländische und die afghanische Regierung.

In einigen Tagen beginnt die 11. internationale Geberkonferenz für Afghanistan in Brüssel. Die Frage, wie den Menschen im Land geholfen werden kann, während die Gewalt zunimmt, steht auf der Agenda.

"Die Taliban sind draußen vor dem Haus"

Ein Polizeisprecher, Mahfosullah Akbari, sagte, der Angriff habe von vier Seiten aus gegen zwei Uhr morgens begonnen. Er wies Medien-Berichte über Talibankämpfer in der Stadtmitte zurück. Sie seien nahe der Stadt und hätten sich dort in Privathäusern verschanzt. Spezialkräfte seien nun im Einsatz, und es gebe Luftunterstützung. Die Taliban seien auf der Flucht.

Ein Bewohner des Stadtzentrums, Mohammad Omid, sagte, alle Läden und Märkte seien geschlossen, die Menschen blieben zuhause. Ein Anwohner, der näher an den Gefechten lebt und namentlich nicht genannt werden wollte, sagte: "Meine Familie und ich sind in einem Keller nur einen Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Taliban sind draußen vor unserem Haus und auf den Dächern der Nachbarn. Wir hören Schüsse und Jets und Helikopter. Wir haben Angst rauszugehen."

Talibansprecher Sabiullah Mudschahid ließ per Twitter verlauten, Kämpfer hätten bisher "vier Sicherheitsposten überrannt". Die Angaben der Taliban sind jedoch oft übertrieben.

Kundus seit Monaten umzingelt

Die Provinzhauptstadt ist seit Monaten von Aufständischen umzingelt. Die Taliban halten Gegenden in fast allen der sechs Bezirke der Provinz. Im Juli hatten die Hauptstädte von Kala-e Sal und Dascht-e Artschi erobert. Sicherheitskräfte haben sie seitdem teilweise wieder zurückerobert.

In Kundus war bis Ende 2013 auch die Bundeswehr stationiert. Seit März berät wieder eine kleine Gruppe deutscher Soldaten die afghanische Armee, um einen erneuten Fall der Provinz zu verhindern. Kundus ist mit der Nordprovinz Baghlan sowie den Südprovinzen Helmand und Urusgan Hauptziel der Talibanoffensiven in 2016.

In Helmand war in den vergangenen Tagen die Provinzhauptstadt Laschkargar wieder unter schweren Druck geraten. Sicherheitskräfte kämpften nur wenige Kilometer von der Stadtgrenze entfernt mit Taliban. Anfang September hatten Taliban die Hauptstadt von Urusgan, Tirin Kot, angegriffen und waren kurz in die Stadt vorgedrungen.