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Terror-Kinder vor Gericht: Prozess gegen Safias Bruder

Der Prozess um den Bruder von Safia S. beginnt am Montag in Hannover unter Ausschluss der Öffentlichkeit (Archivbild).
Der Prozess um den Bruder von Safia S. beginnt am Montag in Hannover unter Ausschluss der Öffentlichkeit (Archivbild).
Foto: dpa

Er ist kein aus Nahost eingeschleuster Topterrorist und auch kein Vorstadt-Extremist mit schweren Waffen, sondern ein neuer Typus islamistischer Gewalttäter, der den Sicherheitsbehörden Sorge macht: Mit Molotow-Cocktails, wie jeder sie selber herstellen kann, soll Saleh S. (18) von einem Kaufhausdach in Hannover einen islamistisch motivierten Brandanschlag verübt haben.

Von diesem Montag, 8. Mai, an muss er sich vor dem Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten. Mit Saleh steht der ältere Bruder von Safia (16) vor Gericht, die das Oberlandesgericht jüngst erst wegen einer Messerattacke auf einen Polizisten im Auftrag der Terrormiliz Islamischer Staat zu sechs Jahren Haft verurteilte.

Saleh S. habe mit terroristischen Vereinigungen wie dem IS sympathisiert und beabsichtigt, möglichst viele "Ungläubige" zu töten, wirft ihm die Generalstaatsanwaltschaft vor. Durch die Brandsätze wurde indes niemand verletzt. Anders als seine Schwester Safia, die nach Überzeugung des Gerichts direkt von Drahtziehern des IS den Auftrag zu dem Angriff auf einen Beamten im Hauptbahnhof Hannover erhielt, soll Saleh rein aus eigenem Antrieb gehandelt haben.

Das macht ein Verhindern der Tat im Vorfeld bei einem Tätertyp wie ihm besonders schwierig. Saleh sitzt seit Dezember aufgrund eines Unterbringungsbefehls in der Psychiatrie. Der Prozess findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Die Geschichte der Geschwister

Zweimal brach Saleh Richtung Syrien auf und wurde in der Türkei inhaftiert. Vor seiner zweiten Ausreise soll er die Brandsatzattacke verübt haben, nur wenige Wochen, bevor seine ebenfalls radikalisierte Schwester Safia auch in Richtung Syrien aufbrach.

Die Mutter reiste Safia hinterher und holte sie Ende Januar 2016 aus Istanbul zurück nach Niedersachsen. Genau einen Monat später verübte Safia die Messerattacke, die der Polizist schwer verletzt überlebte.

Kontakt zu Pierre Vogel

Saleh und Safia wurden als Kinder eines deutschen Vaters und einer marokkanischen Mutter in Hannover geboren. Die Eltern trennten sich schon früh, die Mutter erzog ihre Kinder nach Darstellung des Vaters streng religiös.

Sie soll beide unter anderem in eine umstrittene Moschee des Deutschsprachigen Islamkreises mitgenommen haben. Auf Youtube sind Videos zu sehen, die Safia als Grundschülerin mit dem Salafistenprediger Pierre Vogel beim Rezitieren des Korans zeigen.

Es drohen zehn Jahre Knast

Auf die Spur von Saleh als möglichem Täter kamen die Fahnder Monate später per Zufall. Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Zusammenhang, die mit Ermittlungen wegen seiner Ausreisen Richtung Syrien in Zusammenhang standen, stießen Fahnder auf etwas, was sie darauf brachte, dass der junge Mann mit dem Kaufhaus-Anschlag in Zusammenhang stehen könnte. Maximal drohen dem ehemaligen Schüler nun zehn Jahre Haft.

Dass radikalisierte Islamisten derart jung sind, wie die Geschwister S. aus Hannover, ist keine Seltenheit. So sind bei der Präventionsstelle gegen islamistische Radikalisierung in Niedersachsen 40 Prozent der Betroffenen 18 Jahre oder jünger, 42 Prozent sind zwischen 19 und 24 Jahren alt, rund ein Viertel sind Frauen.

Die Zahl der Salafisten in Niedersachsen schätzt der Verfassungsschutz aktuell auf 730 bei steigender Tendenz, bundesweit sind es 10.000. Richtung Syrien sind aus Niedersachsen 79 Islamisten ausgereist, die Mehrheit ist zwischen 20 und 30 Jahren alt.