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Innerdeutsche Grenze: Forscher legen "Totenbuch" vor

Die ehemalige innerdeutsche Grenze zwischen Schöningen und Hötensleben: Als Denkmal hält sie die Erinnerung an die deutsch-deutsche Teilung aufrecht.
Die ehemalige innerdeutsche Grenze zwischen Schöningen und Hötensleben: Als Denkmal hält sie die Erinnerung an die deutsch-deutsche Teilung aufrecht.
Foto: Siegfried Denzel

Berlin/Helmstedt/Schöningen. Erschossen, ertrunken, von Minen zerfetzt: Fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist jetzt das Schicksal der Todesopfer an der deutsch-deutschen Grenze dokumentiert. Wissenschaftler der Freien Universität Berlin haben in fünfjährigen Recherchen erstmals belegbare Zahlen zu den Toten an der einstigen deutsch-deutschen Grenze vorgelegt.

Insgesamt 327 Menschen aus Ost und West fielen demnach der DDR-Abschottungspolitik zum Opfer, die weitaus meisten jünger als 35 Jahre. "Diese Grenze war, wenn der Zynismus erlaubt ist, noch brutaler als die Berliner Mauer", sagte Projektleiter Professor Klaus Schroeder.

"Menschen, die auf Bodenminen traten, sind zerfetzt worden, zum Teil sind sie im Unterholz nicht gesehen worden, Monate später wurden sie skelettiert als Leichen gefunden."

Zahl der Mauertoten schon länger klar

Die Zahl der Mauertoten in Berlin war schon in einem Vorgängerprojekt bis 2009 erforscht worden: Mindestens 139 Menschen kamen dort bei Fluchtversuchen ums Leben. Mit der neuen Untersuchung sei jetzt die Aufarbeitung der Todesfälle an der knapp 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze abgeschlossen, hieß es.

Die Ergebnisse geben den Opfern wieder Namen und Gesicht, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). "Das sind wir den Menschen schuldig, die für Freiheit und Selbstentfaltung ihr Leben ließen."

Bauer aus Niedersachsen ältestes Opfer

Insgesamt sind die Wissenschaftler in akribischer Arbeit fast 1.500 Verdachtsfällen seit der Gründung der DDR bis zur Grenzöffnung 1989 nachgegangen. Ihr "Totenbuch" dokumentiert erschütternd die 327 belegbaren Schicksale.

Ältestes Opfer war ein 81-jähriger Bauer aus Niedersachsen, der 1967 irrtümlich in ein Minenfeld geriet. "Landminen rissen ihm beide Beine ab. Sein Todeskampf dauerte mehr als drei Stunden", schreiben die Forscher. "Er verblutete unter den Augen eines DDR-Regimentsarztes, der sich nicht in den verminten Grenzstreifen wagte."