Welt 

"Verwerflich, aber nicht strafbar": Freispruch für Arzt

Der angeklagte Arzt Aiman O. (M) mit seinen Verteidigern Steffen Stern (r) und Jürgen Hoppe
Der angeklagte Arzt Aiman O. (M) mit seinen Verteidigern Steffen Stern (r) und Jürgen Hoppe
Foto: dpa

Leipzig/Göttingen/Braunschweig. Der Bundesgerichtshof (BGH) hat den Freispruch eines Arztes im Göttinger Transplantations-Skandal bestätigt. Der 5. Strafsenat des BGH in Leipzig verwarf am Mittwoch die Revision der Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen ein Urteil des Landgerichts Göttingen.

Die Anklagebehörde hatte eine Verurteilung des angesehenen Transplantationsmediziners wegen versuchten Totschlags gefordert. Durch Manipulationen medizinischer Daten hatte der Arzt seine Patienten auf den Wartelisten für eine Spenderleber nach oben gebracht.

"Katastrophe für deutsche Medizin"

Schon das Göttinger Gericht hatte die Manipulationen als moralisch verwerflich gebrandmarkt. Auch der Vorsitzende Richter des 5. Strafsenats, Günther Sander, sagte: "Ein solches Verhalten findet der Senat unerträglich." Da nach dem Göttinger Fall ähnliche Mauscheleien an anderen Transplantationszentren bekannt wurden, habe man den Eindruck, "einen systematischen Missbrauch zu erleben", sagte Sander. "Das empfinden wir als Katastrophe für die deutsche Medizin."

Reform angestoßen?

Strafrechtlich sei der Göttinger Mediziner aber nicht zu belangen. Er habe nicht mit einem Tötungs- oder Körperverletzungsvorsatz gehandelt. Nach den zutreffenden Feststellungen des Landgerichts habe der Arzt gewusst, dass andere, auf der Warteliste überholte Patienten, wegen eines "Überangebots an Spenderlebern" dennoch ein Organ angeboten bekommen würden. Der Angeklagte habe "begründet darauf vertraut", dass diese Menschen nicht sterben würden, sagte Sander.

Der Verteidiger des Göttinger Arztes, Steffen Stern, hob außerdem hervor, dass der 5. Strafsenat auf große rechtliche Defizite im deutschen Transplantationswesen hingewiesen habe. Die Kammer habe praktisch eine Reform angestoßen.