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Baby auf Airport-Toilette umgebracht: Haft für die Mutter

Die 28-jährige Angeklagte kommt in den Gerichtssaal.
Die 28-jährige Angeklagte kommt in den Gerichtssaal.
Foto: dpa

Köln.  Er war 49 Zentimeter groß und gut drei Kilo schwer. Ein Junge, geboren nachts auf einer unhygienischen Toilette am Flughafen Köln/Bonn, voll lebensfähig. Seine Mutter, gerade mit ihrem Freund aus Gran Canaria gelandet, erstickte ihn Minuten nach der Geburt noch auf dem WC. Das Kölner Landgericht verurteilte die 28-jährige Studentin am Freitag wegen Totschlags zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe.

Der Tat geht ein ebenfalls schwer begreifbares Drama voraus. Der Vorsitzende Richter Peter Koerfers nennt den Fall "unfassbar". In ihm spielt der Lebensgefährte der Angeklagten eine unrühmliche Rolle.

Zwei Schwangerschaftsabbrüche hat die Frau schon hinter sich, als sie 2016 erneut ungewollt ein Kind von ihrem Partner erwartet. Nach der zweiten Abtreibung habe sie zwar Schuldgefühle gehabt, schildert der Richter.

Rückreise trotz geplatzter Fruchtblase

Aber sie will weiterhin nicht Mutter werden. Ihr Freund drängt wieder zum Abbruch. Die schmächtige Frau geht nicht zum Arzt, hält alles geheim, verdrängt. Im Internet liest sie viel über Abtreibungen, auch solche "mit roher Gewalt".

Um einem weiteren Konflikt mit ihrem Freund aus dem Weg gehen, behauptet sie, einen Abbruch mit Medikamenten herbeizuführen. Ihr Partner wird argwöhnischer, hakt aber nie wirklich nach, wie aus der Urteilsbegründung herauszuhören ist.

Auf der Rückreise von Gran Canaria am 19. November 2016 platzt die Fruchtblase, die Frau steigt trotzdem in den Flieger, ruft keine Hilfe, steuert am Kölner Flughafen die nächste Toilette an und bringt den Säugling zur Welt. Ihr Freund holt das Gepäck, wartet dann vor der WC-Tür. Airport-Videos zeigen: "Er hat seelenruhig gewartet." Und: "Er machte sich auch offensichtlich keine Sorgen", so der Richter.

Fataler Entschluss

Im WC spielt sich derweil die tödliche Tragödie ab. Kurz nach 23.50 Uhr die Sturzgeburt. Die verzweifelte Mutter verhindert, dass ihr Kind in die Kloschüssel fällt. Es ist bläulich.

Aber: "Sie bemerkt den Herzschlag", betont Koerfers. "Spontan fasst sie den Entschluss der Tötung. Vorsätzlich erstickt sie das Neugeborene." Die Frau bittet ihren Freund via Handy um Schere und Handtuch. Sie schneidet die Nabelschnur durch, wickelt die Leiche ein, verwischt auf dem WC die Spuren der Geburt. Das alles dauert etwa eine Stunde.

Notoperation rettet Frau

Dann bricht sie zusammen. Eine Notoperation - die Plazenta wird entfernt - rettet ihr Leben. Die Klinik informiert die Polizei. Die Leiche des Säuglings wird in der Wohnung in Siegen gefunden. Der biologische Vater soll den kleinen Körper dorthin gebracht haben, ohne es zu wissen. In einem Beutel, den die 28-Jährige ihm am Airport übergeben hatte.

Die Angeklagte, die wie ein kleines Mädchen aussieht, schmiegt sich bei der Urteilsverkündung an ihre Verteidigerin, weint. Sie muss erst mal nicht ins Gefängnis, darf unter Auflagen bei ihrem Vater wohnen. Kontakt zu ihrem Freund ist ihr untersagt. Wenn das Urteil rechtskräftig wird, muss sie die Haft antreten. Ihre Verteidigung kündigt aber sofort an, in Revision zu gehen.