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Krankenpfleger Niels H.: 84 weitere Morde?

ARCHIV - Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel, während er am 12.02.2015 auf der Anklagebank des Landgerichts in Oldenburg (Niedersachsen) sitzt. (zu dpa "Krankenhaus-Mordserie: Wie viele Patienten tötete Niels H.?" vom 27.08.2017) Foto: Ingo Wagner/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. versteckt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel, während er am 12.02.2015 auf der Anklagebank des Landgerichts in Oldenburg (Niedersachsen) sitzt. (zu dpa "Krankenhaus-Mordserie: Wie viele Patienten tötete Niels H.?" vom 27.08.2017) Foto: Ingo Wagner/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Foto: Ingo Wagner / dpa

Oldenburg. Der Serienmörder arbeitete Seite an Seite mit Ärzten und Pflegern, jahrelang. 84 weitere Patienten soll der Krankenhauspfleger Niels H. an zwei niedersächsischen Kliniken zu Tode gespritzt haben, zusätzlich zu zwei Morden, wegen denen er bereits verurteilt wurde.

Ein Muster bei der Auswahl der Opfer hatte er nicht: mal waren es Männer, mal Frauen, mal junge Menschen, mal alte. Wahllos schien er zuzuschlagen, wenn sich die Gelegenheit bot - und das war oft. Seine Opfer waren ihm auf der Intensivstation hilflos ausgeliefert. Und obwohl Kollegen Verdacht schöpften, stoppte ihn lange Zeit niemand. So konnte Niels H. die wohl größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte begehen.

Sprachlosigkeit angesichts des Grauens

Niels H. sitzt bereits wegen sechs Taten lebenslang in Haft. 2015 wurde er wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Doch das ganze Ausmaß seiner Verbrechen an den Kliniken in Delmenhorst und Oldenburg kommt erst nach und nach ans Licht. Seit drei Jahren versucht eine Sonderkommission (Soko) der Polizei, die Taten aufzuklären. Hunderte Patientenakten wurden ausgewertet, mehr als 130 Leichen ausgegraben und auf Rückstände von todbringenden Medikamenten untersucht. Was die Ermittler dabei herausfanden, bringt selbst die erfahrenen Profis an den Rand der Sprachlosigkeit.

"Das ist eine Situation, die einfach unfassbar ist", sagt Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme, als er die Ergebnisse am Montag vorstellt. "Es ist uns allen sehr, sehr schwer gefallen, die Gefühle zurückzustellen."

Patienten mehrfach vergiftet

Die Ermittler gehen davon aus, dass Niels H. erstmals im Februar 2000 einen Patienten am Klinikum Oldenburg ermordete. Jahrelang trieb er danach mit seinen Opfern ein tödliches Spiel: Er spritzte ihnen eine Medikamenten-Überdosis, die Herzversagen oder einen Kreislaufkollaps auslöste. Dann belebte er die Patienten wieder - weil es ihm einen Kick gab und weil er vor seinen Kollegen als Held dastehen wollte, wie er später vor Gericht aussagt. Viele Patienten kamen dabei um.

Manche Patienten vergiftete er auch mehrmals. Einmal hätten während einer Nachtschicht von Niels H. am Klinikum Oldenburg fünf Patienten 14 Mal reanimiert werden müssen, sagt Soko-Leiter Arne Schmidt. Die Vorgesetzten ahnten damals nicht nur, dass etwas nicht stimmte. Es gab nach Angaben der Ermittler auch konkrete Beweise: Laut einer Klinik-Statistik stiegen im Jahr 2001 die Sterbefälle auf der Intensivstation um 58 Prozent, als der Pfleger im Dienst war.

Wie konnte das geschehen?

Wieso das Oldenburger Klinikum nicht die Polizei informiert hat, können die Ermittler nicht nachvollziehen. "Dann wären die vielen Todesfälle in Delmenhorst nicht beklagbar gewesen", sagt Schmidt. Stattdessen wechselte Niels H. 2003 mit einem guten Arbeitszeugnis nach Delmenhorst. "Nur sieben Tage nach Dienstantritt hat er dort seinen ersten Mord begangen." Und auch dort schauten die Verantwortlichen weg. Erst als ihn im Juni 2005 eine Krankenschwester auf frischer Tat ertappte, nahm das Morden ein Ende.

In ein paar Monaten will die Staatsanwaltschaft erneut Anklage gegen Niels H. erheben. Bis dahin könnte sich die Zahl der Taten, die ihm zugeschrieben werden, noch erhöhen. Bei 41 Patienten steht das Ergebnis der toxikologischen Untersuchung aus. Konsequenzen für Niels H. hätte ein neuer Prozess aber wohl nicht, da er bereits zur Höchststrafe verurteilt ist. "Mehr kann am Ende nicht dabei herauskommen", sagte der Oldenburger Oberstaatsanwalt Thomas Sander. Eine möglichst komplette Aufklärung sei man aber den Angehörigen schuldig.

Einige von ihnen haben jetzt endlich Gewissheit. Doch lange nicht alle: Einige Taten von Niels H. werden die Ermittler heute vermutlich nicht mehr aufklären können.

Das ist bisher passiert

Ermittler legen dem Ex-Krankenpfleger Niels H. eine ganze Mordserie zu Last. Wegen sechs Taten ist er bereits verurteilt worden. Das ganze Ausmaß seiner Verbrechen zeigte sich jedoch erst nach und nach. Eine Chronologie der Ereignisse:

1999-2002: Niels H. arbeitet im Klinikum Oldenburg.

2003-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst.

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll.

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.

Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt das Landgericht Oldenburg den Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann, der Prozess beginnt im September.

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach.

Januar 2015: Niels H. gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.

Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.

Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, dass Niels H. für mindestes 33 Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Niels H. habe gestanden, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben.

August 2017: Die Polizei will Details zu den Ermittlungen und dem weiteren Verfahren gegen Niels H. nennen.