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AfD-Anhänger in Talk-Show: „Ich habe eine Waffe dabei“

So wählen die Promis bei der Bundestagswahl

So wählen die Promis bei der Bundestagswahl

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Bei Sandra Maischberger heizte ein Gast die Diskussion um die Bundestagswahl besonders an. Er verkündete: „Ich habe eine Waffe dabei.“

Berlin.  Sähe Martin Schulz nur ein bisschen mehr so aus wie der Schauspieler Clemens Schick, der sich an diesem Abend für die Sozialdemokraten bei Maischberger stark macht, dann hätte die SPD am Sonntag wahrscheinlich eine echte Chance. So aber bleibt nur, dem Schauspieler (u.a. „James Bond 007: Casino Royale“) in seine herrlich blauen, sehr verschieden großen Augen zu blicken, und dort orakelnd nach dem Wahlausgang zu forschen. Klar sagt Schick im klangvoll betonten Schauspielerduktus: Die Demokratie muss sich wehren gegen die „populistischen Parolen von rechts“.

Aber wer ist noch mal die Demokratie? Zu der gehört doch irgendwie auch Schicks Gegenüber, Hans-Hermann Gockel (ehemaliger Sat.1-Fernsehmoderator), der offen die AfD unterstützt, ungefähr mit der selben Begründung, mit der man auch die SPD wählen kann. Die AfD, so Gockel, sei nämlich „Anwalt der Bürger“ – selbstverständlich nicht Anwältin, gegendert wird nicht, wo kämen wir hin? Und Merkel müsse endlich abgelöst werden. Das findet die SPD auch.

Maischberger fragt die Wahljury: Wer verliert, wer regiert?

An und für sich ist es eine gute Idee der Maischberger-Redaktion, prominente Wähler und Wählerinnen einzuladen, die jeweils Parteimitglied sind oder zumindest offen eine Partei unterstützen. Motto des Abends: „Die Wahljury: Wer verliert, wer regiert?“ Da wären etwa Uschi Glas, von der seit langem bekannt ist, dass sie ein großer Fan der Kanzlerin ist. Es bleibt abzuwarten, ob sie die Rolle von Angela Merkel in einem Biopic annehmen wird.

Neben den erwähnten Schick und Gockel sitzen des weiteren im Studio der Politikwissenschaftler Christoph Butterwege, Fürsprecher der Linken, der Anfang des Jahres als parteiloser Kandidat im Namen der Linken ins Rennen um die Bundespräsidentenwahl geschickt worden war. Außerdem Tayfun Bademsoy (Schauspieler), der heute mal nicht zu Erdogan sprechen muss, sondern als langjähriger Grünen-Wähler bei Maischberger sitzt. Ebenfalls zugegen ist der Liberale Helmut Markwort, der einmal „Focus“-Chefredakteur war.

Das Grundgesetz als „Waffe“ im Jackett

Zu Beginn sollen die Gäste jeweils ihre Mitdiskutanten von den größeren Vorzügen ihrer Partei überzeugen. Am irrwitzigsten kommt das Paar Bademsoy-Gockel daher. Gockel, ganz im Duktus der AfD aufgehend, will Bademsoy von der AfD überzeugen, damit dieser sich wieder ohne Waffe aus dem Haus trauen könne. „Ich habe auch heute Abend eine Waffe im Studio dabei“, so Gockel --und zog eine Mini-Ausgabe des Grundgesetzes aus der Jacketttasche. Und: „Ich hoffe, dass das Grundgesetz weiter Gültigkeit behält und in Deutschland nicht die Scharia eingeführt wird.“ Das ließ Björn Höckes Deutschlandfahne bei „Günther Jauch“ grüßen.

Auch etwas von der drohenden Scharia führt Gockel ins Feld. Oh Gott, denkt sich da wahrscheinlich Bademsoy, der direkt neben dem bewaffneten Besorgten sitzt und nur grinst. Er sei das beste Beispiel für gelungene Integration und werde Gockel auch nicht mit einer Waffe bedrohen, kontert Bademsoy.

Der Leidenschaftliche

Es ist wie immer eine Freude, dem Politikwissenschaftler mit Spezialgebiet Armut, Christoph Butterwegge, zuzusehen. Es gibt nicht viele Wissenschaftler, die mit so großer Leidenschaft diskutieren, die sich nicht mit einem Markwort als Gegenüber abgeben wollen, der stets mit verschränkten Armen und der Nase über alle und alles erhoben dasitzt. Prof. Butterwegge feuert in Richtung des Stoikers: mit Zahlen und Fakten und Händen, die dabei gestikulieren, als würden sie einen Medizinball vor der Brust halten.

Vor allem glänzt Butterwegge gegen Gockel, weil er sich von dessen verwirrenden Verschwörungstheorien nicht aus der Ruhe bringen lässt. Er erklärt, wie Gockels Ressentiments funktionieren, ihm sei es ernst damit, betont er. Gleichzeitig nutzt er ein Beispiel, dass ihn selbst als etwas rückständig dastehen lässt – vielleicht Kalkül, um Gockel irgendwo auf halber Strecke abzuholen.

Gockel war wohl noch nie in Nordafrika

„Ich denke etwa, dass Frauen nicht gut Autofahren können. Wenn nun vor dem Restaurant, in dem ich esse, eine Frau einparkt und dabei einen Laternenpfahl rammt, dann denke ich: ‘Natürlich, ist ja auch eine Frau, die können eben einfach nicht fahren.’ Wäre im Auto ein Mann gesessen, hätte ich mir einfach nichts dabei gedacht. So funktionieren Vorurteile. Uns fällt nur auf, was in unser Weltbild passt.“

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Das Traurige ist: Herr Gockel sitzt wie viele andere AfD-Wähler im Zug ins postfaktische Zeitalter, ihn erreicht sichtlich keine Erläuterung über die Entstehung von Vorurteilen mehr. Gockel beachtet Butterwegge gar nicht und spricht über Bielefeld: „Wenn ich in Nordrhein-Westfalen durch Innenstädte gehe, habe ich das Gefühl, dass ich in Nordafrika bin.“ Gockel war wohl einfach noch nie in Nordafrika. Die Scheren im Kopf und wie sie funktionieren – in dieser Maischberger-Sendung wird dies gut sichtbar.

Mut gegen Angst gegen Gefühllosigkeit

Dem SPD-Mitglied Clemens Schick hört man gerne zu. Etwa, wenn er erklärt, auf welches Selbstverständnis die Menschen in Deutschland sich stützen: „Wenn man das Grundgesetz aus dem Jacket als Waffe holt. Paragraf 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nicht die Würde des Deutschen oder des Europäers. Die Würde des Menschen. Wir können stolz sein auf dieses Grundgesetz. Das infrage zu stellen schadet Deutschland mehr, als Menschen, die mit gutem Grund aus ihrer Heimat fliehen.“

Natürlich wird auch über das Thema Flüchtlingspolitik im September 2015 gesprochen: der Startschuss der sogenannten Flüchtlingskrise. Uschi Glass at its best: „Als Chef mussta auch amal Mut zusprechen.“

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Noch tritt kein Roboter bei der Bundestagswahl an

Und ausgerechnet Herrn Gockel, dessen Wunschpartei das Gefühl der diffusen Angst so hervorragend zu bedienen weiß, sagt: „Eine Kanzlerin sollte keine Emotionen zeigen. Und bitte schön geradlinig handeln.“ Geradlinigkeit heißt in diesem Fall offenbar, nicht verfassungskonform zu handeln.

Man darf sich das auf der Zunge zergehen lassen. Herr Gockel möchte offenbar gerne einen automatisierten Androiden in Regierungsverantwortung. Man kann also froh sein, dass bislang noch keine zur Bundestagswahl am Sonntag zugelassen sind.