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Was ein Gefangener in Angst mit der RAF-Fahndung zu tun hat

Die RAF gab 1998 ihre Auflösung bekannt, doch bis heute beschäftigt ihr Erbe die deutschen Sicherheitsbehörden. Nach den Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette wird nach wie vor gefahndet.

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Nach dem Geldtransporter-Überfall in Cremlingen: Er ist Linksextremist, lebte versteckt und hat Angst - Wie ein Gefangener nach einem Tötungsdelikt zur Hoffnung für RAF-Fahnder wurde.

Verden/Neapel.  Erst wollte Andreas Krebs nur weg aus Deutschland, nach Süditalien, „wo Europa nicht existiert”. Das jedenfalls hatten seine Freunde aus dem von Linksextremisten besetzten Haus in der Rigaer Straße in Berlin damals gemeint.

Einen Toten und eine Flucht später ist Andreas Krebs froh, dass er in Deutschland wegen einer Lappalie im Gefängnis sitzt. Fahren ohne Führerschein - im Mai diesen Jahres kommt er raus. „Meine Angst ist unwahrscheinlich groß, nach Italien ausgeliefert zu werden”, sagt er.

Er hat dort vor einigen Jahren mit Messerstichen einen Bekannten tödlich verletzt. Er wurde verhaftet - und konnte fliehen. Die Familie des Opfers hat sein Gesicht an Hauswände und Lichtmasten plakatiert und ihm im Internet gedroht. Andreas Krebs fürchtet, dass ihm bei einer Auslieferung mehr droht als nur lange Haft.

Informationen gegen Nicht-Auslieferung

Es könnte sein, dass sich LKA-Beamte bei der Jagd nach drei Ex-Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) seine Angst nun zunutze machen wollen.

Im Raum steht ein angebliches Angebot: Informationen zu den flüchtigen Terroristen Ernst-Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg gegen Nicht-Auslieferung nach Italien. Vielleicht könnte Andreas Krebs den Behörden helfen. Vielleicht würden die Behörden ihm dann helfen.

Kontakt zur Anwältin vor Abfahrt blockiert

Der 12. Oktober 2017 beginnt für Andreas Krebs, wie die Tage in der JVA Volkstedt bei Eisleben in Sachsen-Anhalt eben beginnen, Wecken um 6 Uhr, Lebendkontrolle, Medikamentenempfang, Duschen.

Was danach passiert, ist zum Gegenstand einer Kleinen Anfrage im Landtag von Sachsen-Anhalt geworden und zeigt, dass die Behörden bei der Suche nach den drei früheren RAF-Terroristen wenig unversucht lassen.

Als Krebs die Information bekommt, dass er gleich von Kriminalbeamten aus Niedersachsen abgeholt wird, will er seine Anwältin anrufen. Das geht aber nicht, das Telefon funktioniert nicht. Es kann nicht funktionieren.

In Schutzweste in Bus gesetzt

„Auf Ersuchen des Landeskriminalamts Niedersachsen wurde das Telefonkonto gesperrt”, erklärt das Justizministerium auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Eva von Angern. Das habe seinem und dem Schutz der begleitenden Beamten gedient.

Der Gefangene wird in einen von zwei Bussen mit abgedunkelten Scheiben gesetzt, nachdem er zuvor eine Schutzweste anziehen muss, erzählt Krebs. Krebs hört den Satz: „Zur Sicherheit, nicht dass seine Freunde draußen stehen.“ Was sich gerade abspielt, heißt im Behördendeutsch Ausantwortung: Der Gefangene wird der Zuständigkeit einer anderen Behörde überlassen.

Krebs tauchte zweimal unter

Krebs, heute 46, ist Linksextremist. „Daraus habe ich nie einen Hehl gemacht”, sagt er im Telefonat aus dem Gefängnis heraus dieser Redaktion. Krebs lebte bei den Linken in der Rigaer Straße 94. Bewohner rechnet der Verfassungsschutz „zum harten Kern der militanten autonomen Szene Berlins”, wie es 2016 in einer Antwort des Senats auf eine Anfrage hieß. Er trat in politischen Hungerstreik, verfasste Pamphlete gegen die deutsche Justiz.

Und Krebs ist zweimal untergetaucht, einmal nach einer Haftstrafe im Jahr 2014 und dann nochmal im Januar 2017 nach seiner Flucht aus Italien. Die Polizei fragt sich nun: Wie gut ist Krebs in der linksextremen Szene vernetzt? Wer hat ihm geholfen, als er im Untergrund lebte? Und: Hat Krebs Informationen über die untergetauchten Ex-Mitglieder der RAF?

Über das, was am 12. Oktober in der JVA Volkstedt passiert, gibt es nur die Schilderung des Gefangenen Krebs. Unserer Redaktion hat er sie bei Telefonaten aus dem Gefängnis erzählt, in einem Beitrag für die Gefangenengewerkschaft mit der Überschrift „staatliche Parallelgesellschaften” hat er sie veröffentlicht. Staatsanwälte und Polizisten wollen sich auf Nachfrage dieser Redaktion nicht äußern.

„RAF-Rentner” als Räuber gesucht

Die Männer, die mit Krebs durch das Tor der JVA fahren, sind Polizisten des LKA Niedersachsen und des LKA Brandenburg - und sie sind im Einsatz auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft Verden in Niedersachsen. Diese Behörde führt die Ermittlungen gegen die letzten drei abgetauchten Ex-Mitglieder der RAF führen: Ernst-Volker Staub, 63, Burkhard Garweg, 49, und Daniela Klette, 59 .

40 Jahre ist der „Deutsche Herbst“ her: die Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, seine Ermordung, dann die Geiselnahme in der Lufthansa-Maschine „Landshut“. Andreas Baader und Ulrike Meinhof gehörten zur sogenannten ersten Generation der Terrorgruppe.

Staub, Garweg und Klette waren Teil der dritten Generation, bis sich die RAF 1998 auflöste. Über diese letzte Generation linker Terroristen wissen die Ermittler bis heute wenig. Kaum eine Tat ist aufgeklärt. Dazu zählen mutmaßlich zehn Morde, darunter die an Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts, an Gerold von Braunmühl, dem Vertrauten von Bundesaußenminister Genscher 1986 oder das Attentat auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen 1989.

Mindestens neun Raubüberfälle

Letztes Opfer der dritten RAF-Generation ist der GSG-9-Kommissar Michael Newrzella. Ihn erschießt Wolfgang Grams im Juni 1993 in Bad Kleinen, bevor er beim Feuergefecht selbst sein Leben verliert. Danach endet die Mordserie. Nur wenige Mitglieder des letzten RAF-Kapitels sind der Polizei überhaupt bekannt.

Die Ermittler legen Staub, Garweg und Klette mindestens neun Raubüberfälle in Norddeutschland zur Last. Zuletzt schlugen die drei offenbar 2016 nahe Braunschweig zu. Mit Panzerfaust und Automatikgewehr überfielen zwei Männer und eine Frau einen Geldtransporter und ein Geschäft. Die Polizei glaubt, dass es die drei waren.

Doch das Trio ist seit Jahren abgetaucht. „Die sind wie vom Erdboden verschluckt, hochprofessionell“, sagen Kriminalbeamte, die mit den Ermittlungen betraut sind. Weiß der inhaftierte Andreas Krebs mehr?

Staatsanwaltschaft blockt Fragen ab

Krebs zufolge stellen sich die Polizisten im Bus mit den abgedunkelten Scheiben nach einigen Kilometern Fahrt vor – und er wundert sich: Beamte mehrerer Landeskriminalämter, um ihn, wie zunächst erklärt, zu einem Termin nach Berlin zu bringen?

Laut Krebs geht die Fahrt gar nicht nach Berlin zur Generalstaatsanwalt, sie führt nach einem Halt in Magdeburg mit einer Zigarettenpause durch ländliche Gegenden in Sachsen-Anhalt und Brandenburg – an Orte, zu denen Krebs etwas sagen soll.

Vermuten die RAF-Ermittler die Ex-Terroristen doch nicht in Südeuropa, sondern in Ostdeutschland? Gerüchte darüber gibt es schon länger.

Nach Flucht im Untergrund gelebt

Krebs erzählt am Telefon, einer der Beamten sei irgendwann mit dem Grund für die ungewöhnliche Fahrt herausgerückt: Man wisse, dass Krebs vor einigen Monaten Kontakt zu zwei der gesuchten Ex-RAF-Leute gehabt habe. Es war die Zeit, in der Krebs nach der Flucht aus Italien sieben Monate im Untergrund lebte. Er hatte Unterstützer.

Ein Handy im Gefängnis hätten ihm die RAF-Ermittler in Aussicht gestellt, sagt Krebs. Von einer Belohnung hätten sie gesprochen, 80.000 Euro sind ausgesetzt für Hinweise zur Ergreifung – für jeden der drei Ex-RAFler.

Die Beamten wissen, dass Krebs mit seiner Anwältin dafür kämpft, nicht nach Italien ausgeliefert zu werden, dass er Angst hat. Da ließe sich etwas machen, habe ihm einer der Beamten im Bus gesagt.

Hat ihn die Polizei unter Druck gesetzt?

Die Haft in Italien als Druckmittel? So erzählt Krebs es. Polizisten hingegen sagen, solche Druckmittel kämen nicht zum Einsatz. Da seien ihnen klare Grenzen in den Dienstvorschriften vorgegeben.

Krebs sagt, er habe das Angebot nicht ernst genommen und sei nicht darauf eingegangen. Er lässt auch offen, ob er den Ermittlern bei der Suche nach dem Trio helfen kann.

Wenn jemand im Untergrund lebe und Unterstützer habe, sei es klar, dass die Polizei Verbindungen zu anderen Abgetauchten vermute. „Da werden Leute hellhörig“, sagt Krebs heute. Wer ihm geholfen habe, könne auch andere unterstützt haben.

Alter Brief: „Justizapparat in die Luft sprengen”

Und es gibt nicht wenige Anknüpfungspunkte: Krebs gehört zur linksextremen Szene. Die DNA von Staub, Garweg und Klette wurde gefunden, nachdem RAF-Terroristen 1993 die JVA Weiterstadt in die Luft gesprengt hatten. Krebs hat einmal geschrieben, man müsse den ganzen Justizapparat in die Luft sprengen. „Das war geschrieben nach einem Vorfall im Knast in einem emotionalen Moment, das würde ich nie tun”, sagt er am Telefon dazu.

Das sagt er auch, wenn es um die Rigaer Straße 94 geht. Ist Krebs militant? Er verneint das nicht. Man könne ideologisch der gleichen Auffassung, aber bei der Wahl der Mittel unterschiedlicher Meinung sein. „Ich würde nie von einem Dach Steine schmeißen, aber das sind meine Freunde.” Und das sind die Menschen, bei denen er untertaucht, als er am 31. August 2014 nach einer Haftstrafe wieder frei kommt.

„Breite Unterstützung in fast allen großen Städten”

Insgesamt 16 Jahre Haft hat er zu diesem Zeitpunkt verbüßt. Die erste Strafe, weil er im Suff einen Mann gefesselt und mit einer Waffe bedroht hat, erpresserischer Menschenraub. Danach Verurteilungen wegen Betrugs, so sagt er.

Keine politischen Straftaten. Aber Krebs ist politisch, saß in Hungerstreik für andere Gefangene, ist einer der Mitgründer der Gefangenengewerkschaft GGBO. In Freiheit hält er Vorträge zum Leben im Gefängnis, es gibt Soli-Veranstaltungen für ihn.

In einem Interview mit einem anarchistischen Podcast schwärmt er von der „breiten solidarischen Unterstützung in fast allen großen Städten”. Die braucht er auch, denn er verweigert sich 2014 der Führungsaufsicht, die ein Richter angeordnet hat. In dem Podcast erklärt er: „Ich habe meine Strafe verbüßt bis zum letzten Tag, und ich bin keinem Menschen irgendeine Rechenschaft schuldig.” Er geht in den Untergrund.

Ex-Gefängnisdirektor hält Schilderung für plausibel

Es gibt in der linksextremen Szene weiterhin Sympathisanten für die ehemaligen RAFler, nach denen die Polizei immer noch sucht. In den vergangenen Jahren tauchten etwa in Hamburg Plakate auf, die Taten der Ex- Mitglieder glorifizieren. Auch ein Radiobeitrag eines linksalternativen Senders verherrlicht die Gewalt.

Verfassungsschützer sehen heute allerdings keine große Bedeutung der Ex-RAF-Mitglieder für die aktuelle linksradikale Szene. „Allenfalls ein paar Nostalgiker interessieren sich noch für die RAF“, sagt eine Mitarbeiterin in Niedersachsen.

Viele Medien nennen Staub, Garweg und Klette nur noch „RAF-Rentner“. Die Überfälle dienen laut Sicherheitsbehörden vor allem dazu, das Leben im Untergrund zu finanzieren.

Für die Justiz in Niedersachsen wäre es ein riesiger Fahndungserfolg, das abgetauchte RAF-Trio zu fassen und deren Straftaten aufzuklären. Nur bleibt die Jagd nach dem Trio mühsam. Offene Grenzen in Europa erschweren die Suche. Früher haben Polizisten ermittelt, wer seine Miete immer in bar bezahlt. Heute können Untergetauchte alles über das Internet regeln – sie brauchen kaum noch das Haus verlassen.

Ex-Gefängnisdirektor hält Schilderung für plausibel

Was Krebs über die Ausantwortung berichtet, hält der Anwalt und Kriminologe Thomas Galli für „sehr plausibel”. Galli hat 2016 seine Stelle als Direktor in der sächsischen Justizvollzugsanstalt Zeithain und die Pensionsansprüche aufgegeben, weil er Freiheitsstrafen hinter Gittern in vielen Fällen für kontraproduktiv hält.

Er wisse aus seiner Zeit als Gefängnischef von Häftlingen mit abgehörten Handys, die die JVA deshalb nicht konfiszieren sollte, sagt er.

Und wenn ein Gefangener nicht ins Ausland überstellt werden will, und die Behörden sich etwas von ihm erwarten, dann sei es auch „durchaus wahrscheinlich, dass Behörden einem Gefangenen eine Art Deal anbieten”, so Galli zu unserer Redaktion.

Eine Auslieferungsbewilligung muss die Generalstaatsanwaltschaft einem Gericht vorlegen, und die sei weisungsgebunden. Aber es ist fast ausgeschlossen, dass die deutsche Justiz Krebs italienischen Fall verhandelt, auch wenn er das anstrebt.

Nach Urteil in Italien Haft in Deutschland

Stand derzeit ist, dass Krebs am 19. Mai 2018 seine Strafe abgesessen hat. Er wurde verurteilt wegen des Fahrens ohne Führerschein, bevor er sich nach Italien abgesetzt hatte. Wenn er raus ist, kann er jederzeit nach Italien ausgeliefert werden.

Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin hat zur Bedingung gemacht, dass Krebs seine Strafe in Deutschland absitzen darf, wenn es ein rechtskräftiges Urteil in Italien gibt. Das kann viele Jahre dauern in Italien. Krebs Angst wirkt nicht gespielt, wenn er davon spricht.

Zunächst in umgebauten Lkw gelebt

Eigentlich hatte dort das Leben von Krebs ab Ende 2015 eine Wende nehmen sollen. In einem umgebauten Lkw lebte er die ersten Wochen mit seiner etwas älteren Lebensgefährtin Jutta R., die er Monate zuvor über das Internet kennengelernt hat. Sie wusste früh, dass er im Knast gesessen hatte, aber sie hatte keine Vorurteile, sie engagierte sich in der Gefangenenhilfe und tut es immer noch.

„Andreas kann nicht verstehen, dass ich zu ihm halte”, erklärt die Kranken- und Altenpflegehelferin heute. „Er meint, ich hätte alles verloren durch ihn. Doch ich habe nichts verloren, ich lebe nur ein anderes Leben.”

Ein Leben mit einem Besuch bei ihm alle vier Wochen, nach einer Verlegung in die größere Haftanstalt Burg nur noch für eine Stunde. Die ist sicherer.

Bürgerliches Leben aufgebaut

Ihr Alltag sah anders aus, als sie vor rund zwei Jahren in Italien angekommen waren. Krebs und seine Partnerin lebten in seinen Schilderungen in Italien bürgerlich: „Wir hatten ein schönes Haus, ich kam mit den Menschen zurecht, ich habe jede Arbeit angenommen, wir haben relativ gut gelebt. Es sollte unser Lebensabend werden.”

Kontakte habe er weiterhin gehabt, sagt Krebs, Freundschaft zu Leuten von der ehemaligen Brigate Rosso, den Roten Brigaden, die mit der RAF eine “antiimperialistische Front in Westeuropa” hatten schmieden wollen.

Solcher Netzwerke des europäischen Linksterrorismus könnten sich auch Staub, Garweg und Klette bedienen, um im Untergrund zu überleben, haben die niedersächsischen Fahnder verkündet. Möglicherweise lebten die Ex-Terroristen im Mittelmeerraum.

Es gibt ein Foto vom August 2016, da winkt Andreas Krebs entspannt in einem Liegestuhl am Strand der Amalfiküste in die Kamera. Der gelernte Spengler ist handwerklich geschickt, sagt seine Lebensgefährtin, aber auch als Gärtner arbeitet er. Für den Pächter einer Tankstelle mäht er Rasen.

Drei Messerstiche im Streit

Die Bezahlung dafür ist Auslöser ist für den Streit mit tödlichen Folgen, wird er später sagen. Es ist der 7. Dezember 2016, es ist an dem Abend mit zehn Grad auch im Süden Italiens frisch. Tankstellenpächter Massimo N. hat einige Lagen Klamotten an, als sich das Klappmesser in seinen Körper bohrt. „Ich dachte, dass ich ihn gar nicht getroffen habe”, wird Krebs später erklären.

Der damals 46-jährige Italiener habe nach dem Stich weiter unbeeindruckt auf ihm gesessen und ihm weiter den Kehlkopf mit einem Arm zugedrückt. „Ich habe gedacht, ich bekomme keine Luft mehr, ich ersticke.” Wegdrücken habe er ihn nicht können, aber das Klappmesser in der Tasche greifen können.

Krebs haut es weitere Male in Richtung des Kontrahenten. Schließlich sind es drei Stiche in den Magen, die Lebergegend und Herzgegend, die den Pächter schwer verletzen. Eine Überwachungskamera filmt alles.

Krebs flüchtete überstürzt

Wenn es stimmt, was Krebs erzählt, dann könnte das Video belegen, dass Krebs in Notwehr handelte. Für seine Jutta steht das sowieso unerschütterlich fest: „Ich war zweieinhalb Jahre permanent mit diesem Mann zusammen, er war in der Zeit nicht einmal aggressiv.”

Das Video würde demnach zeigen, dass Krebs den Verletzten zur Beifahrerseite seines Autos bringt und ihm einen Lappen zum Abdrücken der Blutung gibt. Wenn Krebs Schilderungen weiter stimmen, müsste zu sehen sein, wie er auf Geheiß des Chefs zurückgeht, um die Tageseinnahmen nicht zurückzulassen, dann noch einmal, um alles auszuschalten. Wie der Pächter sich noch mal aus dem Auto quält mit den Schlüsseln der Tankstelle. Und wie dann ein älteres Pärchen auf die Tankstelle fährt und Krebs nun überstürzt flüchtet.

Krebs wird gefasst und kommt in U-Haft

Es dauert lange, bis ein Krankenwagen Massimo N. in ein Krankenhaus bringt, eine Aussage machen kann er nicht. In den örtlichen Medien wird stehen, dass er sich in kritischem Zustand befindet und dass der deutsche Andreas Krebs wegen Raubes und versuchten Mordes gesucht wird.

Auf der Flucht hat Krebs nach eigenen Angaben mit dem Auto noch einen Unfall gebaut, ist dann zu Fuß zu einem befreundeten Bauern, um ihm die Schlüssel zum Haus zu geben. Immerhin die Versorgung seines Hundes Aki ist jetzt geregelt. Krebs lässt sich an einem Schuppen wenige Kilometer vom Tatort entfernt widerstandslos festnehmen, als die Polizei ihn am 9. Dezember aufspürt. Er kommt in Untersuchungshaft.

WhatsApp-Warnung: „Denk dran, das ist Italien”

Jutta R. besucht ihn öfter. Ein Bekannter sagt ihr: „Sag keinem, wenn Du herkommst. Denk dran, das ist Italien, Süd-Italien.” An diese Worte werden sie noch häufig denken.

Andreas Krebs berichtet, er sei geschlagen worden von den Wärtern in Italien, er wiederholt das auch bei den Anhörungen bei der Justiz. Er erzählt von Tritten, Schlägen, und dass er Blut im Urin habe.

Deutscher kommt aus Haft in Hausarrest

Die Lage für den Deutschen verschärft sich durch eine Nachricht aus dem Krankenhaus in Neapel: Massimo N. stirbt am 12. Dezember 2016 nachts an den Folgen seiner Verletzungen. Komplikationen am Herz. Zwei Kinder haben ihren Vater verloren, die Betreiberin eines Sonnenstudios ihren Mann.

Und die Empörung der Angehörigen und von Teilen der Öffentlichkeit wächst am 9. Januar: Krebs ist nicht mehr in Haft. Ein Richter in Neapel hat entschieden, dass er im Hausarrest die weiteren Ermittlungen abwarten soll.

Vielleicht ein Indiz, dass die Videoaufzeichnung Krebs entlastet. Italiens Gefängnisse sind aber auch überbelegt, Hausarrest eine verbreitete Alternative. Bei Mordverdacht allerdings wäre das ungewöhnlich.

Drohungen auf Facebook

Er darf das Haus nicht verlassen, seine Lebensgefährtin traut sich nicht. R. schildert, wie es in diesen Tagen weiterging: „Wir wurden ausgehungert.” Bekannte erklären voller Bedauern, dass sie Probleme bekommen, wenn sie helfen.

Schließlich landen die Echtholzmöbel des Paares im Kamin, sie haben kein Gas, kein Holz mehr. Der Polizei sagen sie von diesen Problemen nichts – aus Angst, dass Andreas Krebs wieder ins Gefängnis kommt, wenn sie sich im Hausarrest nicht versorgen können.

Zu diesen Problemen kommen die Drohungen. In einer Facebookgruppe sammelt sich Wut, dass der „Mörder” frei gekommen ist – „Difendiano Massimo”. „Alle zum Haus des Bastards von Mörder!” ist auf von Jutta R. gespeicherten Screenshots aus der inzwischen gelöschten Gruppe zu lesen.

Nachts heimlich von Freunden abgeholt

Um zu beurteilen, ob sich wirklich ein Lynchmob formierte, müsste man Krebs Handy haben und die konkreten Drohungen lesen können, von denen beide sprechen. Einem Carabiniere habe er sie gezeigt, und der habe gesagt, er müsse doch auch die Angehörigen verstehen.

Krebs und seine Lebensgefährtin bekommen es mit der Angst. Wir wären sonst dort geblieben”, sagt sie. Am 18. Januar in der Nacht klingelt das Handy: „In fünf Minuten rauskommen.” Andreas Krebs sagt, Freunde seien gekommen, um ihn um 2 Uhr morgens abzuholen. Er sagt, er sei überrascht gewesen. Wer die Freunde waren, sagt er nicht.

Dafür erzählt er, dass die deutschen Kriminalbeamten ihn später gefragt haben „Haben Euch die Drei selbst geholfen?” Die Ex-Terroristen Staub, Garweg, Klette als Fluchthelfer?

Facebook-Post: „Tut mir unendlich leid”

Das nächste Lebenszeichen von Krebs gibt es am 20. Januar 2017, auf Facebook von seinem wenig später deaktivierten Account. Angeblich aus Nyon in Frankreich, in Wahrheit wohl bereits aus Deutschland. Er schreibt in dem Post, wie es zu der Tat in Italien kam, wieso er sich abgesetzt hat.

Der Gesuchte richtet persönliche Worte an die Familie des Getöteten: „Mir tut es unendlich leid, dass Sie einen geliebten Menschen durch meine Hände verloren haben. Er begleitet mich Tag und Nacht. Ich kann nicht mehr schlafen weil ständig diese Bilder in meinem Kopf sind. Massimo ist ein sehr lieber Mensch gewesen über den ich nie etwas Schlechtes sagen konnte.” Er versichert: „Ich habe das nicht gewollt, ich habe mich nur versucht zu schützen.”

Auch Justiz nach der Flucht am Pranger

In Kampanien in Italien entlädt sich derweil Wut in den sozialen Netzwerken auf den Staat, der den Ausländer einfach verschwinden ließ. In Italien haben ohnehin viele Menschen wenig Vertrauen in die Justiz.

Die Justiz lässt nun mit einem europäischen Haftbefehl nach dem flüchtigen Deutschen suchen. Nicht wegen Totschlags oder schwerer Körperverletzung mit Todesfolge. Sondern wegen Mordes. Das bedeutet: bis zu 30 Jahre Gefängnis.

Und auch die Familie des Getöteten fahndet. Eine Verwandte postet an manchen Tagen zwei Mal das schwarz-weiße Fahndungsbild von Krebs, betextet mit Verwünschungen, Flüchen und Drohungen: „Du wirst nicht im Knast verrotten, du Hurensohn.” Die Familie habe Verwandte unter dem Gefängnispersonal, sagt Krebs.

Witwe startet Aufruf im italienischen TV

Die Witwe vergießt Tränen, als sie am 22. Februar zu Gast in der Sendung „Chi l´ha visto?” zu sehen ist, „Wer hat es gesehen”. Wie das deutsche Pendant „Aktenzeichen XY” läuft die Fernsehfahndung auch in Italien auf RAI 3 am Mittwochabend. In den Wochen danach klebt ein Foto mit dem Logo der Sendung und dem Gesuchten an unzähligen Laternenpfählen, Hauswänden, Zäunen. Massimos Bruder startet im Mai eine Petition. „Hilf Massimos Familie, den Mörder zu finden.”

Einen Kontakt zur deutschen Presse wollen die Angehörigen aber nicht, richtet ein Freund der Familie nach einigem Hin und Her aus, die Familie droht sogar mit Anwalt, sollte ihr Name auftauchen. „Die Familie möchte ihren Verlust eines Menschen in Ruhe verdauen.”

Damit bleiben aber auch die wüsten Drohungen an Krebs ohne Einordnung im Raum stehen, seine Darstellung, dass die Familie Verbindungen ins Gefängnis hat, was auch ein Familienmitglied in einem Posting auf Facebook andeutet.

Der Text der Petition ist seit dem 1. August 2017 aktualisiert: „Sieg!” Der Bruder dankt allen Strafverfolgungsbehörden, auch der deutschen Polizei. Zielfahnder haben Krebs einen Tag zuvor ausfindig gemacht und festgenommen, italienische Medien schreiben das einer Telefonüberwachung zu. Dort ist der Fahndungserfolg groß in den Schlagzeilen, in Deutschland bekommt kaum jemand etwas mit vom spektakulären Einsatz.

Festnahme in der Sommerhitze

Der 31. Juli 2017 ist ein heißer Tag, 33 Grad. In der Post-Filiale im Kern des 3500-Einwohner-Städtchens Egeln bei Magdeburg ist es angenehmer. Krebs und seine Freundin warten dort um 15 Uhr auf den Abschluss der Transaktion über Western Union. Ein Freund hat Geld geschickt. Nach zehn Minuten haben sie das Geld noch nicht, es dauert schließlich mehr als 15 Minuten. So lange dauerte es sonst nie. So schildern es die beiden heute.

Als sie die Post verlassen, folgen ihnen andere vermeintliche Kunden aus dem Gebäude, und ihr Auto steht nicht mehr verwaist. Aus einem weißen VW-Bus springen Kräfte eines Mobilen Einsatzkommandos, Andreas Krebs und Jutta R. liegen Sekundenbruchteile später am Boden. Der Haftbefehl wegen Fahren ohne Führerschein wird nach Jahren endlich vollstreckt.

„Ich habe noch gesagt, Baby, was machen die mit uns?”, berichtet seine Lebensgefährtin heute. Die Frage ist auch Monate später offen.

Italien wartet. Krebs bangt. Und die Ex-RAF-Terroristen sind auf freiem Fuß.