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„Tatort“-Faktencheck: Illegale Kampfclubs in Deutschland?

Aus den Kämpfen im „Tatort: Tod und Spiele“ soll nur ein Kontrahent lebend hervorgehen.
Aus den Kämpfen im „Tatort: Tod und Spiele“ soll nur ein Kontrahent lebend hervorgehen.
Foto: WDR/Thomas Kost
Die Dortmunder „Tatort“-Ermittler heben eine geheime Kampfarena aus. Regelmäßig stirbt dort jemand. Gibt es solche Treffen wirklich?

Berlin.  „Fight Club“ im Ruhrpott: Im Dortmunder „Tatort“ am Sonntagabend stoßen die Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) nach dem Fund von zwei verkohlten Leichen auf eine illegale Kampfarena. Während Polizeioberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) zu ihrem Unmut eher mit Rangkämpfen am Arbeitsplatz und der Betreuung eines kleinen Jungen beschäftigt ist, wird ihr neuer Kollege, Polizeihauptkommissar Jan Pawlak (Rick Okon), als verdeckter Ermittler direkt ins kalte Wasser geschmissen.

Auch Bönisch arbeitet undercover – und findet sich plötzlich an der Seite eines russischen Milliardärs auf einem geheimen Zweikampf wieder. Doch was ist dran an den illegalen Kampftreffen, die von einem gut situierten internationalen Publikum aufgesucht werden? Und welche Sportart steckt dahinter? Der Faktencheck.

• Mixed Martial Arts: Was ist das?

Beim Tête-à-tête an der Hotelbar plaudert Bönisch bei Gin Tonic mit dem halbseidenen Kambarow über Wrestling. Der Oligarch kann darüber nur müde lachen: „Da ist ja nichts echt.“ Er bevorzugt MMA, die Sportart, der in dem Studio des Trainers Till Koch (Robert Gallinowski) nachgegangen wird. Und die hat es in sich: „Immer auf die zwölf“, beschreibt Neuzugang Pawlak den Sport salopp.

Die Abkürzung des Vollkontakt-Kampfsports steht für „Mixed Martial Arts“. Er setzt sich aus Kampfsportarten wie Karate, Taekwondo, Kick- und Thaiboxen zusammen. Ausgetragen wird der Zweikampf in einem Käfig aus Maschendraht.

Bei der Kombination aus Schlägen, Tritten, Knie- und Ellbogenstößen gibt es kaum Regelbeschränkungen – auch deshalb wird der umgangssprachlich als „Käfigkampf“ betitelte Sport besonders in Deutschland immer wieder für seine Brutalität kritisiert. 2009 bezeichnete Thomas de Maizière, zu dem Zeitpunkt Bundesinnenminister, MMA als „abscheuliche Form von Menschendarstellung“, wie ihn der „Tagesspiegel“ zitiert.

In den Vereinigten Staaten erfreut sich MMA enormer Beliebtheit. Laut „Spiegel Online“ erwirtschaftet die „Ultimate Fighting Championship“ (UFC), größte MMA-Organisation der Welt, jährlich Millionengewinne. Von 39 UFC-Veranstaltungen im vergangenen Jahr hätten 17 außerhalb der USA stattgefunden.

„MMA Berlin“, eine Berliner Sportschule, in der die Kampfsportart erlernt werden kann, schreibt auf ihrer Homepage, dass sich MMA sehr gut zur Selbstverteidigung eigne und deshalb auch viele Polizisten und Sicherheitsmitarbeiter zu ihrer Schülerschaft zählten. Auch Nick Hein, einer der bekanntesten deutschen Mixed Martial Artists, arbeitete vor seiner Kampfsportkarriere als Polizist.

• Waren die Kampfszenen im „Tatort“ authentisch?

In dem Krimi geht es ziemlich brutal zu. Die Kämpfer wälzen sich verkeilt über den Boden, schlagen aufeinander ein, würgen sich – und die Soundeffekte tun ihr Übriges. Die Schauspieler haben tatsächlich Erfahrungen im Kampfsport.

Surho Sugaipov, der den erfolgreichen MMA-Trainer und -Kämpfer Abuzar Zaurayev-Schmidt spielt, musste für seine Rolle keine Nachhilfe nehmen: Der gebürtige Tschetschene betreibt die Sportart auch im realen Leben, wie auf der Webseite seiner Agentur zu lesen ist.

In der finalen Kampfszene ist an Sugaipovs Seite der Stuntman Jakup Muja zu sehen, der auch schon als Boxer gekämpft hat. Rick Okon, dessen Charakter Pawlak auf verdeckter Ermittlung als vermeintlicher Montagearbeiter zum MMA-Training verdonnert wird, hat privat bereits Erfahrungen mit der israelischen Selbstverteidigungssportart Krav Maga gesammelt. Für die Trainingsszenen hat er zusätzlich mit einem Kampfchoreografen geübt.

• Gibt es illegale MMA-Kämpfe in Deutschland?

Im „Tatort“ frönt man den geheimen Veranstaltungen mit Champagnerkelchen und venezianischen Masken in betuchter Gesellschaft. Illustre Personen, die Hunderttausende Euros in Tickets investieren, skandieren während des Kampfes: „Bring ihn um!“ Aus dem finalen Zusammentreffen soll sogar nur einer der zwei Kämpfer lebendig hervorgehen – sonst wird das Preisgeld komplett gestrichen.

Ein vergleichbarer Fall ist in Deutschland nicht bekannt. Illegale Kampftreffen soll es aber geben: Seit einigen Jahren erfreut sich MMA in der rechten Szene immer größerer Beliebtheit. Wie „Deutschlandfunk Kultur“ berichtet, organisiert ein bekannter Moskauer Neonazi regelmäßig geheim organisierte Wettkämpfe in verschiedenen europäischen Städten. Ihm werden auch Kontakte zu rechten Ultras in Köln nachgesagt. Die MMA-Turniere hätten anfangs im kleinen Rahmen stattgefunden. Mittlerweile treten sogar rechtsextreme Musikgruppen bei den Kämpfen auf, die inzwischen mehrere Hundert Zuschauer anlockten.

• Kommt es bei der Sportart zu Todesfällen?

Für zarte Gemüter ist die Kampfsportart nichts: Die Kontrahenten schlagen und treten aufeinander ein, sind lediglich mit Bandagen, fingerfreien Handschuhen, Mund- und Tiefschutz ausgestattet. Der Gegenspieler wird auch dann noch attackiert, wenn er am Boden liegt. Eine Studie der John Hopkins University School of Medicine von 2006 ergab nach einer Auswertung vieler Kämpfe zwar, dass die Verletzungsrate vergleichbar mit der von anderen Kampfsportarten sei. Die K.O.-Rate sei sogar geringer als beim Boxen.

Bereits ein Jahr nach der Studie kam es jedoch zum ersten Todesfall in den USA: 2007 starb der Kämpfer Sam Vasquez. Wie die „New York Times“ schreibt, erlitt er nach zahlreichen Schlägen auf den Kopf Gehirnverletzungen. Seitdem kam es zu mindestens sechs weiteren Todesfällen.

Befürworter der Sportart bemühen sich, das Image von MMA zu verbessern. Das Training soll sich laut der „Süddeutschen Zeitung“ deutlich von den Wettkämpfen unterscheiden. Es gehe in erster Linie um Körperbeherrschung und eine korrekte Technik. „Es wirkt oft, als würden Kampfmaschinen aufeinander losgehen. Aber wenn man genau hinschaut, sieht man, dass viele Kämpfer ihre Bewegungen durchaus kontrolliert ausführen“, zitiert die Zeitung Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

• Zur TV-Kritik „Zwischen den Dortmunder „Tatort“-Ermittlern knistert es“