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Erniedrigung beim Arbeitsamt: Hartz-4-Empfängerin soll Grundschulaufgaben lösen, andere puzzeln den ganzen Tag

Die Arbeitsagentur hat zugegeben: Das Arbeitsblatt für Hartz-IV-Empfänger bei einer Maßnahme war echt. Und eigentlich für Grundschüler. (Archivbild)
Die Arbeitsagentur hat zugegeben: Das Arbeitsblatt für Hartz-IV-Empfänger bei einer Maßnahme war echt. Und eigentlich für Grundschüler. (Archivbild)
Foto: dpa

Dieses Arbeitsblatt hat in Sachen Hartz IV für Wirbel gesorgt.

Das als „erniedrigend“ empfundene Arbeitsblatt für Hartz IV Empfänger ist echt, bestätigte jetzt die Bundesagentur für Arbeit gegenüber der „Mitteldeutschen Zeitung“.

Hartz-IV-Ärger: Arbeitsagentur nimmt zu „erniedrigendem Arbeitsblatt“ Stellung

Eine Frau hatte auf Twitter ein Foto eines Arbeitsblattes gepostet und damit eine Debatte um Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger angestoßen. „Meine Mutter ist seit gestern in einer Hartz-IV-Maßnahme und soll dort solche Aufgaben lösen. Das ist pure Erniedrigung erwachsener, intelligenter Menschen. Aber wenn sie fort bleiben, drohen Saktionen“, hatte sie gepostet. (die ganze Geschichte gibt es hier)

Das Bild bei Twitter zeigt typische Grundschulaufgaben: Unter stilisierten Bildern von Gegenständen und Tieren befinden sich Tabellen, in die passende Wörter eingetragen werden sollen, in denen ein „tz“ oder „z" vorkommt, also zum Beispiel „Katze“ und „sitzen“.

Die Reaktionen unter dem Post sind eindeutig:

  • „Das ist jetzt nicht dein Ernst?“
  • „Ist unglaublich... Mein Mann war vor Jahren mal kurz in Hartz-IV und musste im Wald Blätter sammeln, aufkleben und bestimmen...die haben doch eine Macke!“
  • „Ja das kenne ich. Durfte sowas auch machen. Es gibt da ein paar Dinge, wie man die Leute da - legal - auf die Palme bringen kann. Und im Zweifel spricht man einfach mal mit dem Arzt seines Vertrauens. Und: Anwalt! Unbedingt. Der ist kostenlos und wirkt nachhaltig.“
  • „Ich bin fassungslos.“

Das Arbeitsblatt stamme aus einer Weiterbildungsmaßnahme für ALG2-Bezieher in Niedersachsen und diente dort als „Standortbestimmung“ der Deutsch-Kenntnisse der einzelnen Teilnehmer, so eine Sprecherin. Dort hätten auch Menschen mit geringen Sprachkenntnissen teilnehmen können.

„Im nächsten Schritt geht man mit den Teilnehmern individuell weiter. Das heißt, mit anderen Lehrmaterialien, die ganz auf den persönlichen Kenntnisstand ausgerichtet sind“, so die Sprecherin.

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Mehr zum Thema:

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Arbeitsagentur gibt zu: Hartz-IV-Arbeitsblatt war für Grundschüler

Dennoch gab die Arbeitsagentur zu, dass das Arbeitsblatt unangebracht gewesen sei. Und wie von Twitter-Usern vermutet, stammt es aus einer Materialsammlung für Grundschüler.

„Wir können gut verstehen, dass die Teilnehmenden dies kritisieren und teilen diese Meinung. Deswegen ist die zuständige niedersächsische Arbeitsagentur jetzt auf den Maßnahmeträger zugegangen, hat ihn gebeten, dies in Zukunft anders zu handhaben und das Unterrichtsmaterial so zu wählen, dass Erwachsene respektvoll und angemessen angesprochen werden“, so die Sprecherin in der MZ.

Weiterbildung erfolgte nicht durch Arbeitsagentur

Die Weiterbildung selbst habe nicht durch die Arbeitsagentur erfolgt, sondern bei einem anderen Unternehmen. Die Agentur gab nur die Bildungsgutscheine aus, mit denen Arbeitlose sich Weiterbildungsmaßnahmen selbst aussuchen können.

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TÜV oder Dekra könnten prüfen und bewilligen ALG2-Maßnahmen. „Die Arbeitsagenturen oder Jobcenter haben dazu keine Befugnis“, heißt es.

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Das Arbeitslosengeld 2, Hartz IV genannt, ist seit seiner Einführung immer wieder in der Kritik.

SPD-Chefin Andrea Nahles hat zuletzt die Pläne für eine Hartz-IV-Reform und grundlegende Änderung des Systems der Grundsicherung verteidigt. 14 Jahre nach Einführung von Hartz IV sei ohne Zweifel eine Grundsanierung fällig, sagte Nahles der „Freien Presse“. Es gebe Teile, die sich bewährt hätten - zum Beispiel die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe.

Hartz IV „hinter sich lassen“

Andere hingegen habe sie schon bei ihrer Einführung kritisiert. „Wer Jahrzehnte in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hat, darf nicht nach kurzer Zeit so behandelt werden wie jemand, der nichts eingezahlt hat“, sagte Nahles. Vorgeschlagen werde eine neue Grundsicherung. Mitte Februar will die SPD nach einer Vorstandsklausur ihr Konzept für ein Bürgergeld vorstellen.

Nahles hatte Mitte November gefordert, Deutschland müsse Hartz IV „hinter sich lassen“. Eine neue Grundsicherung sollte aus ihrer Sicht ein Bürgergeld sein, mit klaren und auskömmlichen Leistungen. Sanktionen müssten weitgehend entfallen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil hatte in der Debatte um eine Reform erklärt, bald könnten mit Blick auf die Digitalisierung ganze Branchen verschwinden.

Es gehe auch um eine eigenständige Kindergrundsicherung, mit der vor allem armen Familien mit Kindern geholfen werden soll, sagte Nahles dem Blatt. Wichtig sei ihr, dass das Ganze aus der Perspektive derjenigen angegangen werde, die Hilfe brauchen, und nicht aus der Perspektive derer, die das System missbrauchten. Von Sanktionen seien aktuell nur drei Prozent der Leistungsbezieher betroffen. „Das heißt für mich: Sanktionen sollten nicht im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Komplett ohne wird es aber auch nicht gehen“, sagte Nahles.

Hartz 4 : „Ich sollte den ganzen Tag puzzeln“

Immer wieder gibt es Geschichten von Hartz-4-Beziehern, die sich mit erniedrigenden Maßnahmen konfrontiert sehen. In einem Interview mit der „HuffPost“ etwa erklärt eine 44-jährige Arbeitslose, sie fühle sich vom Amt betrogen, gedemütigt, „und behandelt, als wäre ich ein dummer Hartzer, kein Mensch. In einer Maßnahme sollte ich den ganzen Tag puzzeln. Das ist einfach Mumpitz. Was soll ich da lernen?“

Wie die alleinerziehende Mutter weiter berichtet, habe sie das Amt mit der Frage konfrontiert. Von dessen Seite habe es geheißen, zuerst sei wichtig, dass die Arbeitssuchenden „lernen, pünktlich zu kommen und früh aufzustehen.“

Hartz 4: „Spiele gezockt, weil uns langweilig war“

Vor fünf Jahren habe sie bereits einen Computerkurs belegen müssen, um zu lernen, wie man einen PC bedient. Das habe sie aber bereits gewusst. Sie sagt: „Wir bekamen keine Aufgabe, der Maßnahmeleiter setzte uns einfach vor den PC. Also haben wir Spiele gezockt, weil uns so langweilig war.“

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Das sind die Argumenter der Hartz-4-Kritiker:

  • Hartz 4 hat einen Bruch mit Prinzipien wie Lebensstandardsicherung vollzogen.
  • Hartz 4 richtet den Fokus der gesellschaftlichen Diskussion auf eine Missbrauchsdebatte: Über Ursachen und Folgen sowie über Lösungen werde zu wenig diskutiert - Millionen Bezieher würden unter Generalverdacht gestellt.
  • Hartz 4 verstärkt Existenzängste massiv. Das ALG II erscheint vielen weniger als soziales Netz, denn als Bedrohung
  • Hartz 4 führt zu Prekasisierung. Ganze Bevölkerungsschichten werden an den Rand der Armut gedrängt, sagen Kritiker.
  • Der Sanktionsdruck durch Hartz 4 auf Arbeitslose, jede Arbeit anzunehmen, führt letztlich zur Ausweitung von Erwerbsarmut.

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Dass es bisweilen nicht ganz rund läuft bei den Agenturen, verrät Susanne Willach (52) aus Duisburg im Gespräch mit dieser Redaktion. Sie hat ihre ganz eigenen Erfahrungen mit dem Jobcenter gemacht.

Zehn Jahre hat sie beim Jobcenter in Duisburg gearbeitet. Fünf Jahre davon als Arbeitsvermittlerin. Über ihre Zeit im Jobcenter sagt sie: „Beim Jobcenter geht es nicht um Menschen, es geht darum, Statistiken zu erfüllen.“

Duisburgerin berichtet über Hartz-IV-Methoden im Jobcenter

Hartz IV sei ihren Erfahrungen nach wichtig für Deutschland, es müsse nur an der Handhabung dringend gearbeitet werden. Die Ex-Jobcenter-Mitarbeiterin erklärt: „Es werden Gelder verschwendet an Bewerbungstrainings, an Maßnahmen, die nicht zielführend sind.“

Konkret nennt sie ein Beispiel. Im vergangenen Jahr habe es ein großes Jobspeeddating gegeben. Über 700 Jobcenter-Kunden seien eingeladen worden, um mit Firmen für mögliche Stellenangebote in Kontakt zu kommen. Im Vorfeld hätten die Jobcenter-Kunden ein Bewerbungstraining als Maßnahme bekommen. Soweit, so gut.

„Mussten Kunden Bewerbungstraining aufbrummen!“

Doch im Anschluss an das Event seien dem Jobcenter weitere Gelder bewilligt worden, erzählt sie. „Die mussten raus. Wir mussten jedem Kunden ein Bewerbungstraining aufbrummen, egal, ob er schon da war oder nicht!“

Ein weiteres Beispiel, wie laut Willach Haushaltsmittel verballert werden: Bei Lehrgängen des Jobcenters für angehende Lagerarbeiter sei ein Gabelstaplerführerschein, der dafür förderlich wäre, nicht in der Maßnahme vorgesehen gewesen. Die Kunden hätten häufig dafür kämpfen müssen.

Jobcenter widerspricht den Aussagen der ehemaligen Mitarbeiterin

Dem widerspricht das Jobcenter: „Es handelt es sich um Steuergelder, deshalb schauen wir natürlich genau, was passt zu jemandem. Dazu ergreifen wir viele verschiedene Maßnahmen. Aber der Staplerschein ist in der Regel kein großes Problem“, so Katrin Hugenberg, Pressesprecherin des Jobcenter Duisburg.

Beim genannten Speeddatingevent hätten die Kunden im Vorfeld einen dreitägigen Bewerbungskurs absolviert, in dem ein Bewerbungsflyer angefertigt wurde. „Das Speeddating war kein klassisches Bewerbungsgespräch. Hier ging es darum, sich in zehn Minuten beim potentiellen Arbeitgeber vorzustellen. Das ist etwas ganz anderes wie ein normales Vorstellungsgespräch“, so Hugenberg.

Sie bestätigt, dass es im Nachgang im Einzelfall erneut zu Bewerbungstrainings gekommen sei. Dabei habe es sich aber um individuelle Seminare mit Themenschwerpunkten gehandelt. (ms/cs/pen/dpa)