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Martin Sonneborn im DERWESTEN-Interview: „Dieter Nuhr, der Scheinkabarettist“

Martin Sonneborn, Vorsitzender der Partei „Die Partei“: „Wir distanzieren uns ausdrücklich nicht von den irren Thesen von Kevin Kühnert“.
Martin Sonneborn, Vorsitzender der Partei „Die Partei“: „Wir distanzieren uns ausdrücklich nicht von den irren Thesen von Kevin Kühnert“.
Foto: dpa

Martin Sonneborn meint es todernst. Nur ab und an lässt sich im Gespräch der Schalk blicken, den man im Nacken haben muss, wenn man von Beruf Satiriker ist.

Der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ steckt mitten im Wahlkampf. Seit 2014 sitzt Martin Sonneborn im Europaparlament, zur Europawahl 2019 tritt er erneut als Spitzenkandidat für „Die Partei“ an.

Einst eine reine Spaß-Partei, hat „Die Partei“ inzwischen offenbar durchaus ernste Anliegen, wie zuletzt ein verstörender Wahlwerbespot zur Europawahl zeigte. >> Hier mehr dazu

Im Interview mit DER WESTEN spricht Martin Sonneborn über Kevin Kühnert, die Gefährlichkeit der AfD, und erklärt, warum er vier EU-Abgeordnete neuerdings nicht mehr grüßen mag.

DER WESTEN: Juso-Chef Kevin Kühnert will Konzerne wie BMW gern kollektivieren. Wie finden Sie das?

Martin Sonneborn: Ich kann dazu sagen, dass die Partei „Die Partei“ sich ausdrücklich nicht von Kevin Kühnerts irren Ideen distanziert. Natürlich sind wir für eine Umverteilung in Deutschland, wir sind auch für Verstaatlichungen. Wir hatten 2013 ein Wahlversprechen, nach unserer Machtübernahme die 100 reichsten Deutschen umnieten zu lassen und ein Existenzmaximum einzuführen. Andere Parteien wollen ein Existenzminimum, wir fordern ein Existenzmaximum von einer Million Euro. Alles, was darüber liegt, wird umverteilt.

Kühnert hat ordentlich Gegenwind bekommen, zum Teil derb: Dieter Nuhr etwa hat ihn neulich einen „pausbäckigen Studienabbrecher“ genannt. Warum waren die Menschen Ihrer Meinung nach so entrüstet?

Der Scheinkabarettist Dieter Nuhr hat das gesagt? Na, das ist ja interessant. Aber ich erkläre mir diese Entrüstung mit der allgemeinen Verkommenheit der SPD.

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Die SPD liegt in Umfragen noch 9 Prozent vor uns. Wir arbeiten aber beide daran, den Abstand noch zu verringern und ich hoffe, dass wir uns vor der Wahl in der Mitte treffen. Ich verstehe nicht, dass den Sozialdemokraten sozialdemokratische Werte offenbar egal geworden sind. Es gibt keine selbstbewussten sozialdemokratischen Standpunkte mehr. Ich glaube, insgeheim beneiden Typen wie Scholz, Maas und Nahles eigentlich die Konservativen. Die haben die klareren Standpunkte, die besseren Anzüge. Deshalb mögen sie auch nicht, was Kevin Kühnert gesagt hat.

In weniger als zwei Wochen ist Europawahl. Einer Ihrer Wahlwerbespots ist alles andere als lustig. Gezeigt wird ein ertrinkendes Kind, es geht um Seenotrettung und Flüchtlinge. Ist das ein Thema, bei dem für Sie der Spaß aufhört?

Wir sind ein bisschen ab davon, rein satirisch zu agieren. Das anhaltende Sterben im Mittelmeer ist zu ernst, um witzig zu sein. Und ernst ist auch, dass das Thema sonst im inhaltsleeren Hochglanz-Wahlkampf der anderen Parteien keine Rolle spielt.

Ich hab kürzlich in einer Abstimmung die entscheidende Stimme für einen Bericht gegeben, der einfach nur besagt, dass es ein internationales Seenotrettungsabkommen gibt und Menschen im Mittelmeer vor dem Ertrinken gerettet werden müssen.

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Es wurde gerade erst ein EU-Haushalt verabschiedet, in dem erstmals mehr Geld für Waffenentwicklung, Grenzsicherung und Aufrüstung vorgesehen ist, als für Entwicklungshilfe. Ich sehe überall nur Abschottung, scheißegal, was da draußen passiert. Das kann kein Konzept sein, das über fünf Jahre hinaus funktioniert.

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Das scheint Sie ernsthaft wütend zu machen?

Ja. Das macht mich wütend. Es geht um Menschenleben. Manche EU-Politiker stellen ihr eigenes Karriere-Fortkommen darüber. Das verstehe ich nicht.

Die AfD ist gegen eine EU-Seenotrettung. Reden Sie darüber zum Beispiel mit dem AfD-EU-Abgeordneten Jörg Meuthen?

Jörg Meuthen ist einer von vier Leuten, mit denen ich überhaupt nicht spreche. Ich grüße normalerweise jeden, aber bei vier Leuten mache ich Ausnahmen. Drei davon sind Rechtsextreme der Partei „Goldene Morgenröte“ aus Griechenland. Das sind Typen, die das Horst-Wessel-Lied auf Griechisch singen. Ich verachte sie sehr. Also dafür, dass die das nicht auf Deutsch singen können. Und Jörg Meuthen ist kein Nazi, aber ein furchtbarer Opportunist.

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Der vertritt Dinge, die mir so zuwider sind, dass ich ihn nicht grüßen mag. Neulich hat er mir ein Bild gezeigt, das die Partei „Die Partei“ am Aschermittwoch gepostet hat. Da hatten wir uns für einen Rechtschreibfehler entschuldigt: Wir hatten den Satz „Arsch am Mittwoch“ mit einem Bild von Jörg Meuthen gepostet. Er meinte, das sei stillos. Ich hab ihm dann gesagt, dass er und seine gesamte Partei noch wesentlich stilloser seien.

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Gehört denn der NPD-Abgeordete Udo Voigt zu denen, die Sie grüßen?

Der Mann ist senil. Der ist nicht mehr gefährlich. Ich wollte wissen, ob das Bundesverfassungsgericht Recht damit hatte, die NPD nicht zu verbieten. Auf der parlamentarischen Ebene haben sie Recht, denn die NPD-Leute sind einfach nur dämlich. Die muss man nicht ernst nehmen.

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Martin Sonneborn:

  • Am 15. Mai 1965 in Göttingen geboren
  • Studium der Publizistik, Germanistik und Politik in Münster, Wien und Berlin
  • In den 90ern: Redakteur beim Satire-Magazin „Titanic“, 2000 wird er Chefredakteur
  • 2004: Gründung von „Die Partei“
  • 2000: Satire-Aktion um die Vergabe der Fußball-WM 2006
  • Seit 2014: Mitglied des Europäischen Parlaments

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Das heißt, vor der AfD muss man Ihrer Meinung nach mehr Angst haben als vor der NPD?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben deshalb gerade einen AfD-Blocker entwickelt. Das ist ein Plugin, das man sich runterladen kann und das AfD-Inhalte einfach ausblendet. Das gibt es auch für ältere Menschen in Analog-Form, das sind dann so Kärtchen, die kann man sich auf seine Zeitung legen.

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Bekommen Sie wegen solcher Aktionen Hassmails?

Nein, ich glaub, die Rechten nehmen uns gar nicht ernst. Ich bekomme überwiegend positives Feedback. Menschen, die sich bedanken, dass wir relevante Themen in den Fokus rücken. Das ist schon lustig, wenn man das vergleicht mit vielen konservativen Abgeordneten, die permanent angefeindet werden und sich rechtfertigen müssen. Ich muss das zum Glück nicht.

Sie gehören in Deutschland zu den prominentesten EU-Parlamentariern. Woran liegt das, dass die anderen so unbekannt sind?

Es gab bislang kein großes Interesse an Europapolitik. Wir konnten durch unsere Art der politischen Arbeit Aufmerksamkeit wecken, da wird das Thema leichter konsumierbar. Wir merken auch, dass gerade viele junge Menschen sich über lustige Aktionen, komische Reden oder lustige Plakate wieder politisieren.

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Sie sind seit fünf Jahren im EU-Parlament. Gibt es etwas, auf das Sie stolz sind?

Ja, ich hab drei knappe Abstimmungen mit meiner Stimme entschieden. Das erste ist der Bericht zur Seenotrettung. Zweitens: Beim Abbruch der TTIP-Verhandlungen mit den USA war eine Stimme entscheidend. Und dann ist durch meine Stimme die Datenschutz-Richtlinie E-Privacy entschieden worden. Für diese Abstimmung hab ich mich in einen Ausschuss gemogelt und mit einem schmutzigen Geschäftsordnungstrick Udo Voigt ersetzt.

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Die eine entscheidende Stimme dafür kam von mir. Darauf bin ich ein bisschen stolz. Ich hatte gar nicht den Anspruch, politisch in Europa etwas zu bewirken, aber die 184.709 Wähler der Partei „Die Partei“ haben hier ganz massiv Politik gemacht.

Wie sieht für sie eine perfekte EU aus?

Mein Resümee nach fünf Jahren: Das Konstrukt EU funktioniert. Es ist nur mit den falschen Leuten besetzt. Rat, Parlament und Kommission sind sehr konservativ, das muss sich ändern. Aus dem Grund hab ich übrigens für den 26. Mai eine Europawahl angesetzt. Ich würde mir wünschen, dass die Leute linker und grüner wählen. Dann könnten wir ein sozialeres, umweltfreundlicheres und friedlicheres Europa haben. Es ist genug Geld da, es muss nur anders verteilt werden.