Welt 

Carola Rackete: „Sea Watch“-Kapitänin droht lange Haft ++ Böhmermann sammelt krasse Summe ++ Richter vertagt Entscheidung

Foto: dpa/Montage: Der Westen

Rom. In Italien wurde Carola Rackete am Wochenende im Hafen von Lampedusa verhaftet. Die Kapitänin der „Sea Watch 3“ hatte auf ihrem Schiff den Notstand ausrufen müssen und deshalb den Hafen angelaufen. Sie hatte etwa 40 Flüchtlinge an Bord, die sie zuvor aus Seenot gerettet hatte.

Eigentlich sollte am Montag über einen möglichen Haftbefehl für Carola Rackete entschieden werden. Doch die Entscheidung wurde auf Dienstag vertagt.

Das bedeutet, dass die Kapitänin der „Sea Watch 3“ noch mindestens bis Dienstag unter Hausarrest stehen wird. Italiens Innenminister Matteo Salvini erklärte, dass Italien bereit sei, „die reiche, gesetzlose, Deutsche auszuweisen“.

„Sea Watch 3“: Entscheidung über Carola Rackete vertagt

Im Interview mit der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“ meldete die 31-Jährige sich nach der dramatischen Festnahme selbst zu Wort.

„Die Situation war hoffnungslos. Und mein Ziel war es lediglich, erschöpfte und verzweifelte Menschen an Land zu bringen“, so Rackete, die den Hafen ohne Erlaubnis der italienischen Behörden ansteuerte. „Ich hatte Angst“, so Carola Rackete, die Suizide auf ihrem Boot befürchtete.

„Sea Watch 3“ prallte gegen italienisches Boot

Beim Einfahren in den Hafen von Lampedusa prallt die "Sea Watch 3“ dann gegen ein Boot der italienischen Finanzpolizel. „Das war ein Fehler“, gibt Rackete zu.

Italiens Innenminister Matteo Salvini griff die Kapitänin scharf an: „Sie haben die Maske abgelegt: Das sind Verbrecher. Es ist schön, dass sie sagen, wir retten Leben, (dabei) haben sie fast Menschen getötet, die ihre Arbeit gemacht haben.“

Carola Rackete droht jahrelange Haft

In Italien droht ihr nun jahrelange Haft. Sie erfährt allerdings prominente Unterstützung aus Deutschland. Die Moderatoren Jan Böhmernann und Klaas Heufer-Umlauf haben eine Spendenaktion losgetreten, die in nicht einmal 24 Stunden über 150.000 Euro für die Gerichtskosten von Rackete sammelte. Die Spendenaktion läuft noch einen Monat.

Nach mehr als zwei Wochen auf offener See hat das Rettungsschiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch mit 40 Migranten an Bord im Hafen der italienischen Insel Lampedusa angelegt. Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer sagte am frühen Samstagmorgen, die Kapitänin der „Sea Watch 3“, Carola Rackete, sei von der Polizei nach dem Anlegen festgenommen worden.

„Sea Watch“: Migranten mussten zunächst an Bord bleiben

In einem Statement auf Twitter äußerte Carola Rackete sich am Samstag zu der aktuellen Situation:

Wenig später würde die junge Frau verhaftet. Ein Video zeigt den Einsatz der italienischen Polizei:

Die Kapitänin Rackete war Mitte der Woche trotz Verbots der italienischen Regierung in die Hoheitsgewässer des Landes gefahren. „Ich fahre in italienische Gewässer und ich bringe sie (die Migranten) in Sicherheit auf Lampedusa“, hatte sie betont. Laut Sea-Watch-Sprecherin Giorgia Linardi haben sich vier Länder - Deutschland, Portugal, Frankreich und Luxemburg - bereit erklärt, Migranten von dem Schiff zu aufzunehmen.

Ermittlungen gegen „Sea Watch“-Kapitänin

Die Organisation twitterte am Samstagmorgen, man habe vor fast 60 Stunden den Notstand ausgerufen. „Niemand hörte uns zu. Niemand übernahm Verantwortung. Einmal mehr ist es an uns, (...), die 40 Geretteten in Sicherheit zu bringen.“ Sea Watch-Geschäftsführer Johannes Bayer lobte Rackete: „Wir sind stolz auf unsere Kapitänin, sie hat genau richtig gehandelt. Sie hat auf dem Seerecht beharrt und die Menschen in Sicherheit gebracht“, schrieb er auf Twitter.

Am Freitag hatte die italienische Staatsanwaltschaft gegen Rackete Ermittlungen eingeleitet. Vorgeworfen werden ihr laut Linardi unter anderem Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Verletzung des Seerechts. Ihr droht eine mehrjährige Haftstrafe.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich nun zur dem Vorfall. Es könne ja sein, dass es italienische Rechtsvorschriften gebe, wann ein Schiff einen Hafen anlaufen dürfe, sagte Steinmeier laut einem Bericht von zdf.de. "Nur: Italien ist nicht irgendein Staat. Italien ist inmitten der Europäischen Union, ist Gründungstaat der Europäischen Union. Und deshalb dürfen wir von einem Land wie Italien erwarten, dass man mit einem solchen Fall anders umgeht."

Heftige Kritik an dem Vorgehen der italienischen Regierung übte Ruprecht Polenz. Er saß fast 20 Jahre im Bundestag, war bis 2013 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses.

Heiko Maas mit deutlichem Statement

„Salvini benutzt Sea Watch 3 für seine faschistische Mobilisierung der Italiener gegen Flüchtlinge und die EU. Deutschland kann dieses Spiel durchkreuzen,indem wir alle von deutschen Schiffen Geretteten in Deutschland aufnehmen. Es geht um ein paar hundert im Monat“, so Polenz auf Twitter.

Auch Deutschlands Außenminister Heiko Maas kritisierte die Festnahme von Rackete: „Menschenleben zu retten ist eine humanitäre Verpflichtung. Seenotrettung darf nicht kriminalisiert werden. Es ist an der italienischen Justiz, die Vorwürfe schnell zu klären.“

Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf greifen ein

Schon unmittelbar nach Racketes Festnahme hatten die deutschen TV-Moderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf sich eingeschaltet. Sie wollen Geld für die Kapitänin sammeln, um deren Gerichtskosten zu zahlen. Allerdings wollen sie auch selbst spenden.

Schon im Juli 2018 hatten die beiden Moderatoren Geld für die Gerichtskosten einer Crew gesammelt. Damals ging es um das Rettungsschiff „Lifeline“. Damals kamen fast 500.000 Euro zusammen.

Jetzt hat sich auch der Vater von Rackete gemeldet. Ekkehart Rackete sagte dem am Montag, seine Tochter sei "lustig und guter Dinge". Sie sei "bei einer sehr netten Dame untergebracht, die sich rührend um sie kümmert", so Rackete, nachdem er nach eigenen Angaben mit seiner Tochter telefoniert hatte.

Inzwischen konnten die 40 Migranten nach mehr als zwei Wochen auf dem Mittelmeer wohl an Land gehen.

Bei der Crew und den Geretteten lagen die Nerven nach 17 Tagen auf See blank: Die jüngste Odyssee der "Sea-Watch 3" hatte am 12. Juni begonnen, als die Seenotretter vor Libyen 53 Bootsflüchtlinge an Bord nahmen.

Sea Watch: "Verzweifelter Versuch"

Wenige Stunden zuvor hatte das Kabinett in Rom sich auf eine drastische Verschärfung der Regeln für die Helfer verständigt. Ein umstrittenes Sicherheitsdekret stellt das unerlaubte Einfahren von privaten Schiffen in italienische Hoheitsgewässer unter eine satte Geldstrafe.

Sea-Watch ließ sich nicht davon abhalten und fuhr mit den Geretteten in Richtung Italien. Nach tagelangem Warten an der Seegrenze sah sich die Kapitänin Mitte vergangener Woche gezwungen, die «Sea-Watch 3» auf Lampedusa zuzusteuern. Ungeachtet einer Blockade fuhr sie das Schiff in der Nacht auf Samstag schließlich in den Hafen - und stieß dabei auch noch mit einem Boot der Finanzpolizei zusammen.

"Es war der verzweifelte letzte Versuch, die Sicherheit der Menschen sicherzustellen", begründete Sea-Watch-Sprecher Ruben Neugebauer die Entscheidung der Kapitänin, den Hafen anzufahren. (dpa/fel)