Welt 

Coronavirus: Angstforscher warnt – „Wenn es hart auf hart kommt...“

Coronavirus: Verdachtsfall? Das musst du jetzt tun!

Du befürchtest, dich mit dem Coronavirus infiziert zu haben? Dann musst du das jetzt tun.

Beschreibung anzeigen

Wieso stürzen sich Menschen aufs Klopapier? Was ist bei der Angst vor dem Coronavirus anders? Sind Witze über das Coronavirus noch immer okay?

Der Psychologe und Psychiater Borwin Bandelow ist Experte in der Angstforschung. Der Göttinger freut sich über die große Welle der Solidarität, sagt aber auch: „Wenn es hart auf hart kommt, ist der Mensch nicht sozial."

Herr Bandelow, das Coronavirus bestimmt aktuell unseren Alltag. Was macht das Virus mit unserer Angst?

Es gibt zwei Sorten Angst: einmal am Coronavirus zu sterben oder einen geliebten Menschen zu verlieren. Die andere Angst ist, dass man durch die wirtschaftlichen Folgen den Arbeitsplatz verliert. Das betrifft im Moment noch mehr Menschen als tatsächlich vom Coronavirus befallen zu sein. Es ist nicht so, dass die Menschen sich panikartig verhalten. Ich war heute einkaufen: es geht noch alles sehr geordnet ab. Das ein oder andere Regal war leer. Ich habe mich gewundert, was gerade gefragt ist. Getrocknete Bohnen oder Linsen waren keine mehr da. Alles, was man nach dem Krieg gegessen hat, was extrem billig ist, was man sich selbst machen kann und was sich lange hält. Es ist erstaunlich, wie die Leute reagieren.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich Menschen so auf Klopapier stürzen?

Meine Erklärung ist die: Vor Tausenden Jahren mussten die Menschen für den Winter vorsorgen. Wer Nahrungsmittel genug für die nächsten sechs Monate hatte, der hat überlebt. Das waren die Ängstlichen, die Bedenkenträger. Und die Fröhlichen, Unbekümmerten, die haben keine Vorräte für den Winter gehamstert und sind dann gestorben. Da Ängste sich vererben, ist es so, dass die Linie der Ängstlichen weitergelebt hat, während die Nicht-Ängstlichen ausgestorben sind. Das erklärt, dass wir immer, wenn eine Krise kommt, auf Hamstern schalten.

Unser Gehirn schaltet dann auf einen Zustand, der im Angstgehirn abläuft und nicht im intelligenten Vernunftgehirn. Und das Angstgehirn sagt: 'Krise - jetzt musst du hamstern'. Das kann man im Prinzip auch aufs Toilettenpapier übertragen. Diejenigen, die sich früher nicht gereinigt haben, die sind auch früh durch Bakterien gestorben. Eine gewisse Reinlichkeit hat das Überleben gesichert. Deswegen ist es wohl derzeit Horrorvorstellung, kein Toilettenpapier mehr zu haben.

+++ Corona: Staat gibt zu – „Es wurden geheime Lager angelegt, um...“ +++

Zuletzt beschäftigen Buschfeuer in Australien oder der Terroranschlag in Hanau die Menschen. Was ist bei der Angst vor dem Coronavirus anders?

Anders ist diesmal, dass jeder betroffen ist, weil er nicht arbeiten kann, andere Menschen nicht sehen darf, das ganze Leben zum Erliegen gekommen ist, man sich nicht mehr in Kneipen trifft. Es gibt kaum einen Menschen, der davon nicht betroffen ist. Die meisten in irgendeiner negativen Form.

Nachdem Restaurants, Kneipen und Clubs geschlossen hatten, stiegen mancherorts Corona-Partys. Was denken sich die Menschen dabei?

Das war vielleicht die Überlegung von jungen Leuten, die sich gedacht haben: Die Chance, dass wir am Virus sterben, ist gleich null. Wenn wir uns anstecken, dann haben wir es durch. Das ist eine Verhaltensweise, dass man auch in der schlimmsten Krisensituation der Krise trotzt. Selbst im Zweiten Weltkrieg gab es am Anfang noch dauernd Partys. Das ist eine Reaktion der Menschen, um den Alltag zu vergessen. Nach dem Motto: Selbst wenn wir draufgehen, haben wir zumindest noch eine Party gefeiert. Aber man beobachtet, dass das deutlich weniger geworden ist. Was auch gut so ist. Die Leute sind sehr nachdenklich geworden.

Coronavirus in Essen: Leere Fußgängerzone und Spielplätze
Coronavirus in Essen: Leere Fußgängerzone und Spielplätze

Insgesamt ist bislang eine große Solidarität zu sehen, Menschen organisieren sich in sozialen Netzwerken und der Nachbarschaft. Hilft uns das gegen die Angst? Und glauben Sie, diese Hilfsbereitschaft wird länger anhalten?

In einer Krise gibt es immer so etwas wie Solidarität in der ersten Phase, in der zweiten Phase gibt es dann das Gegenteil - dass jeder an sich denkt. Aber es wird nicht so sein, dass marodierende Banden durch das Land ziehen und mit Maschinengewehren Nahrungsmittel rauben. Aber wenn es hart auf hart kommt, ist der Mensch nicht sozial. Dann gilt: Erst das Fressen, dann die Moral. Das bricht ein archaisches System durch, das seit Millionen Jahren das Überleben gesichert hat.

Wir erleben jetzt die erste Phase: viele Menschen haben einen unfreiwilligen Urlaub und überlegen sich, was sie machen. Sie helfen zum Beispiel ihren älteren Nachbarn oder betreuen Kinder. Ich habe mich gemeldet bei einem Corona-Testzentrum. Die suchen ältere Ärzte, die in Rente sind. Es könnte sein, dass ich demnächst mit Schutzanzug in einer Mehrzweckhalle stehe und Menschen untersuche.

+++ Coronavirus: „Langsam unerträglich“ – emotionaler Hilferuf ++ Spitzenpolitiker infiziert ++ Alle 16 Minuten ein Toter in Madrid +++

Dieses Helfen kann ein extrem gutes Gefühl bei Helfenden erzeugen. Das schüttet Endorphine im Kopf aus. Das weiß man aus Untersuchungen von Menschen, die spenden oder anderes altruistisches Verhalten zeigen.

Auch Kassiererinnen und Kassierer im Supermarkt sind ja Helden derzeit. Es gibt so viele Menschen, die weiterarbeiten müssen, um das System aufrecht zu erhalten. Das gibt ihnen ein gutes Gefühl. Aber auch Menschen, die bislang nichts zu tun hatten. Beispielsweise ein rüstiger Rentner, der für andere Rentner einkaufen geht. Da kann es durchaus positive Aspekte geben.

--------------------

Benötigst du in dieser außergewöhnlichen Zeit Unterstützung? Dann schreibe eine Mail an wirhelfen@derwesten.de oder schaue in unserer Facebook-Gruppe zum Thema Coronavirus im Ruhrgebiet vorbei:

FB-Gruppe Wir helfen

--------------------

Gezwungenermaßen ziehen sich die Menschen in die eigenen vier Wände zurück. Welche Gefahren lauern dadurch, welche Chancen bringt das zugleich mit sich?

In China sind ja angeblich die Scheidungsraten hochgegangen, weil man die ganze Zeit aufeinander hockt. Es kann natürlich sein, dass sich Familien extrem auf den Geist gehen und es kracht, wie das Weihnachten oft beobachtbar ist. Nur diesmal eben ohne Geschenke.

Aber es kann auch das Gegenteil passieren: Paare, die sich kaum noch gesehen haben, weil sie immer arbeiten waren, haben plötzlich Zeit füreinander. Ich würde mich nicht wundern, wenn es in neun Monaten einen Baby-Boom gibt: "Liebe in Zeiten der Corona" sozusagen. Es muss nicht alles nur schlecht sein. Es können auch gute Dinge passieren. Menschen machen mal ganz andere Dinge, probieren komplizierte Kochrezepte aus oder lernen ein Instrument. Dinge, die man sonst immer vor sich hergeschoben hat. Musiker, die nicht auftreten können, werden sich aufs Komponieren stürzen. Diese Sachen werden einen nachhaltigen Effekt haben.

Was hilft gegen aufkommende Ängste in Zeiten der Corona-Krise?

Man muss sich sagen, dass wir auch viele andere Gefahren haben, die deutlich häufiger vorkommen, aber vor denen haben wir auch nicht ständig Angst. Wir fahren trotz Tausender Verkehrstoter jeden Tag auf die Autobahn. Da denkt man auch nicht ständig drüber nach. Vielleicht hilft es manchen Menschen sich zu sagen, dass die Chance daran zu sterben gering ist und man mit einer gewissen Zuversicht in die Welt schauen kann. Allerdings sollte man den nötigen Sicherheitsabstand halten und die Hände waschen. Der britische Staatsmann Cromwell hat mal zu seinen Soldaten gesagt: Vertraue in Gott, aber halte dein Pulver trocken. Sprich: habe keine übertriebene Furcht, aber triff Vorsichtsmaßnahmen.

Sie gelten als der Erfinder der Ostfriesenwitze. Inwieweit hilft Lachen bzw. Witze gegen die Angst? Darf man überhaupt Witze über Corona machen?

Ich bin schon der Meinung, dass man das machen darf. Selbst in der Nazi-Zeit haben die Juden Witze über Nazis gemacht, auch wenn es aus heutiger Sicht nicht witzig erscheint, was damals passierte. Trotzdem haben Leute wie Karl Valentin oder Werner Finck Kabarett gemacht und das hat die Leute mental am Leben gehalten. Deswegen finde ich das völlig in Ordnung, wenn die Leute Corona-Witze machen. Ich denke nicht, dass das dazu führt, dass das Problem verharmlost wird. Die Leute, die sich einen Witz ausdenken, sind nicht diejenigen, die gar keine Angst haben, sie versuchen die Angst im Zaun halten, indem sie sich Witze ausdenken.

Haben Sie einen Corona-Ostfriesenwitz für uns auf Lager?

'Hängt ein Schild im Zoo-Geschäft in Ostfriesland: "Hamster ausverkauft!" Zugegeben: noch ausbaufähig!