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Coronavirus: Psychologe mit dringender Warnung – „Das Wichtigste ist jetzt, sich… “

Die soziale Isolation durch das Coronavirus macht vielen Menschen zu schaffen. (Symbolbild)
Die soziale Isolation durch das Coronavirus macht vielen Menschen zu schaffen. (Symbolbild)
Foto: imago images / Panthermedia

Wenige Wochen nach den ersten Coronavirus-Fällen in Deutschland ist das öffentliche Leben weitgehend lahmgelegt. Konzerte sind abgesagt, Museen, Kinos und viele Geschäfte sind dicht. Seit Montag (23. März) gilt zudem bundesweit eine umfassende Kontaktsperre. Das Ziel: Soziale Interaktionen auf eine Minimum reduzieren und dadurch die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamen.

Kontakte zur Familie oder Freunden gibt es meist nur noch per Telefon oder Video-Anruf. Der direkte Umgang mit anderen Menschen ist fast schon zu einer Rarität verkommen. Doch wie wirkt sich die Isolation eigentlich auf unsere Psyche aus? Warum fällt es uns so schwer, allein zu sein? Wo finde ich Hilfe?

Diese und andere Fragen hat Sebastian Bartoschek für DER WESTEN beantwortet. Sebastian Bartoschek ist studierter Diplompsychologe, leitet das Institut für Psychologische Dienstleistungen in Herne und betreibt gemeinsam mit zwei Kollegen den größten deutschen Psychologie-Podcast „Psychotalk“.

DER WESTEN: Herr Bartoschek, ganz allgemein gefragt: Warum ist Alleinsein für Menschen ein Problem?

Sebastian Bartoschek: Alleinsein an sich ist nicht das Problem, formal gesehen ist es die Einsamkeit, die uns zu schaffen macht. Einsamkeit hängt dabei natürlich oft mit Alleinsein zusammen. Der Mensch ist aber ein hochsoziales Wesen. Ein Wesen, das viel Input braucht. Der fällt jetzt häufig weg. Und das ist genau das, was gerade vielen Menschen aktuell zu schaffen macht.

Vor allem Menschen, die allein wohnen, haben gerade kaum soziale Kontakte. Was bedeutet das für ihre Psyche?

Wenn der soziale Austausch fehlt, kommt es generell zu einem Spannungszustand. Und dieser Spannungszustand kann so weit gehen, dass es nicht nur beim Gefühl der Einsamkeit bleibt, sondern auch zu depressiven Episoden oder depressiven Phasen kommen kann. Da sind Alleinlebende natürlich besonders gefährdet.

Sie sprechen von depressiven Phasen und Episoden – was kann ich tun, um in einer solchen Situation stabil zu bleiben?

Da habe ich einige Möglichkeiten. Ich muss gucken, dass ich mir meinen Tag möglichst eng strukturiere. Ich selbst schaue zum Beispiel, dass ich mir meinen Terminkalender fülle und mir jede Stunde mindestens einen Termin lege. Auch nach draußen zu gehen hilft, in der freien Luft unterwegs zu sein. Und Sport – Sport ist etwas, das hilft extrem, genauso wie Videotelefonie. Wir haben ja durch die digitalen Medien inzwischen eine ganze Reihe an Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu kommen.

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Das ist Sebastian Bartoschek

  • geboren am 10. August 1979 in Recklinghausen
  • 2004 schloss er sein Psychologie-Studium an der Ruhr-Uni Bochum ab
  • 2013 promovierte er an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster
  • Neben seiner Tätigkeit als Psychologe ist er auch als freier Journalist tätig

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Welche Rolle spielt multimediale Kommunikation, beispielsweise die von ihnen angesprochene Videotelefonie – kann man seinem Kopf wirklich vorgaukeln, man wäre mit den Menschen im selben Raum?

Den gleichen Effekt, wie bei direkten sozialen Kontakten, hat das natürlich nicht. Da fehlen einfach ein paar unmittelbare Reize: Gerüche, Gesichtsausdrücke, Gestik. Aber es ist zumindest eine deutliche Annäherung an echten sozialen Kontakt. Bei uns sind es beispielsweise die Großeltern meiner Kinder, die sich jetzt jeden Tag per Video dazuschalten und sich natürlich auch darüber freuen, ihre Enkelkinder zu sehen.

Wenn Paare oder Familien wochenlang auf engem Raum zusammenleben, sind Streitereien vorprogrammiert. Kennen Sie Methoden oder Tricks, um solche Konflikte zu vermeiden?

Ein wesentlicher Punkt ist sicher, sich gezielt für jeden Einzelnen freie Fenster zu schaufeln. Ich zum Beispiel lebe in einem klassischen Haushalt mit meiner Frau und meinen Kindern. Da versuchen wir, Zeitfenster zu schaffen, in denen meine Frau für sich alleine bleiben kann, oder ich alleine bin. In der Zeit für sich muss man auch gar nichts Großes unternehmen. Einfach mal ein Bad nehmen kann schon für Erholung sorgen. Da spielt das Thema Achtsamkeit eine große Rolle. Sich in solchen Momenten bewusst zu machen: Ich gönne mir gerade etwas Entspannung.

Zu der Einsamkeit kommt für viele Menschen die Angst um ihren Beruf. Wie geht man damit am besten um?

Naja, da muss man zuerst einmal ja feststellen, dass es sich dabei um keine irrationale Angst handelt, die viele gerade haben. Ich kann da nur den Ratschlag geben: Versuchen Sie nicht, die ganze Zeit darüber nachzudenken, sondern sich ganz bewusst abzulenken. Sei es, etwas zu Spielen, oder draußen zu unternehmen.

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Die Angst wird aber immer bleiben. Ein allgemeingültiges Rezept gegen Angst gibt es nicht. Ähnlich wie gegen die Einsamkeit helfen da Strukturen, viele Dinge erledigen. Einen allgemeinen Tipp habe ich aber vielleicht noch: Wenn ich merke, ich fange an zu grübeln, dann sollte ich mich bewusst ablenken.

Wie geht es Menschen mit psychischen Vorerkrankungen in der aktuellen Situation, beispielsweise Menschen mit Depression?

Für sie gilt ganz besonders: Das wichtigste ist, sich jetzt nicht einzuigeln. Kontakt suchen, beispielsweise mit anderen Menschen in Facebook-Gruppen, denen es ebenso geht. Sie sollten auch zusehen, dass sie in der aktuellen Situation, wenn sie Medikamente einnehmen, ihre Medikation aufrechterhalten. Bei Depressionen gibt es mitunter einen inneren Wunsch, die Medikation abzusetzen. Ich würde aber ganz allgemein empfehlen: Im Moment ist ein guter Zeitpunkt, die Medikation so anzupassen, dass es mir gut geht.

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Wenn ich merke, dass es mir immer schlechter geht, wo kann ich Beratungs- und Hilfsangebote finden?

Es gibt unzählige Mail-Adressen und Telefonnummern, an die man sich im individuellen Fall wenden kann. Außerdem gibt es ein Online-Therapieangebot der kassenärztlichen Vereinigung und jede Menge Apps – bislang allerdings häufig leider nur auf Englisch. Aber es gibt auch Angebote in deutscher Sprache. Das einfachste ist sicherlich, eine Fitness-App herunterzuladen und damit ein Sportprogramm zu absolvieren. Über Whatsapp oder Facebook kann man sich mit Menschen zusammentun, denen es genauso geht. Und natürlich kann man auch nach wie vor zu den Fachärzten gehen, die haben ihr Angebot ja nicht eingestellt.

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Merken Sie selbst, dass gerade immer mehr Menschen unter der sozialen Isolation leiden und Hilfe bei Ihnen suchen?

Da das Institut für Psychologische Dienstleistungen eigentlich Gutachten für Gerichte, zum Beispiel bei Familien- oder Umgangsrecht, erstellt, bekomme ich persönlich das weniger mit. Was wir aber natürlich mitkriegen, ist das, was alle gerade zu spüren bekommen. Auf den Straßen ist die allgemeine Aggressivität gestiegen. Da kommt es zu Streitereien, weil jemand vermeintlich nicht genügend Abstand hält.