Wolfenbüttel 

Gedenkstätte im Gefängnis: Bald geht's durch die Mauer

Jungendliche informieren sich an interaktiven Tischen.
Jungendliche informieren sich an interaktiven Tischen.
Foto: Peter Steffen/dpa

Wolfenbüttel. Mehr als 500 Menschen wurden an diesem Ort hingerichtet. Von der nationalsozialistischen Justiz verurteilt, starben die Männer und Frauen aus mehreren Ländern Europas im Strafgefängnis Wolfenbüttel. Es war in der Zeit eine der zentralen Hinrichtungsstätten in Norddeutschland. Auf dem Gelände der heutigen Justizvollzugsanstalt soll zum Sommer 2019 ein internationaler Lernort entstehen, der sich den Schicksalen der Opfer widmet. Viele waren Widerstandskämpfer gegen deutsche Besatzer.

Internationale Strahlkraft

Für dieses zurzeit größte Gedenkstättenprojekt im Land erhoffen sich die Macher Strahlkraft weit über Niedersachsen hinaus. Zum Richtfest für das neue Dokumentationszentrum an diesem Mittwoch werden Familienangehörige ehemaliger Inhaftierter aus Deutschland, Belgien und Dänemark erwartet.

"Wir wollen über die NS-Zeit und die NS-Verbrechen am historischen Ort des Strafgefängnisses informieren", sagt Martina Staats, die Leiterin der Gedenkstätte. Es gehe auch darum, nicht nur Antworten zu geben, sondern auch Fragen aufzuwerfen, die bis in die Gegenwart reichten, betont Staats. Sie meint, dass das an den historischen Orten besonders gut funktioniere.

"Die ganze Geschichte"

"Wir zeigen aber nicht nur ein Objekt, sondern erzählen die ganze Geschichte dahinter", sagt Staats. Gerade erst im Frühjahr war sie für Interviews in Belgien. Sie zeigt einen alten Gefängnisschlüssel und den Koffer eines ehemaligen Insassen, beides wurde ihr dort für die Ausstellung überlassen.

Staats zufolge ist es eine bundesweit einmaligen Einrichtung. Ihres Wissens finde die tägliche Arbeit keiner andere Gedenkstätte in einer Justizvollzugsanstalt statt. Der Museumsbau liegt am Rande des Sicherheitsbereiches, wodurch auch spontane Besuche ohne Voranmeldung möglich sind.

"Geerdet und beeindruckt"

Schon heute gehört die Gedenkstätte für viele Schulen und Unternehmen zum Bildungsprogramm. "Die jungen Leute sollen verstehen, was damals passiert ist und nicht wieder passieren darf", sagt Burkhard Dube, Ausbildungskoordinator bei der VW-Lastwagensparte MAN. "Viele sind danach geerdet und beeindruckt", berichtet er. Für seine Azubis gehört der Besuch seit 2012 zum Programm.

"Es ist sehr spannend zu erfahren, wie es während des Nationalsozialismus abgelaufen ist. Ohne die Doku hätten wir das so möglicherweise nie gesehen", bestätigt die Auszubildende Sandra Goretzka. Für ihren Kollegen Pascal Seifferlinn ist es "erschreckend wie die Urteile zustande kamen, mit welcher Willkür".

Wolfenbütteler Buchreihe

Parallel zur Neukonzeption der Gedenkstätte entsteht mit den "Wolfenbütteler Schriften" eine Buchreihe, mit Berichten von Überlebenden und Forschungsarbeiten. Zum Auftakt erschien in diesem das Buch "Feinbegünstigung", in dem er Franzose Jean-Luc Bellanger seine Erinnerungen als politischer Häftling in Wolfenbüttel eindrucksvoll schildert.

Über die Hinrichtungen mit Guillotine schreibt er etwa: "Der Henker und seine drei Gehilfen (...) ergriffen den Verurteilten an den Armen. Im Nu war er auf dem Tisch der Guillotine festgeschnallt und blitzschnell hingerichtet. Das alles erfolgte 'reibungslos', wenn nur eine einzige Hinrichtung auf einmal stattfand. Bellanger beschreibt aber auch Massenhinrichtungen in Wolfenbüttel. Als 21 Verurteilte bei einer einzige Aktion starben, glaubt er, dass es sich um eine Art 'Rekord' des Grauens für dieses Gefängnis handelt.

Rechte Tendenzen

Er hoffe, schreibt Bellanger in seinem Nachwort, dass der Beitrag zu einer gesunden und ausgewogenen Information beiträgt. "Umso wichtiger, als heute in vielen Ländern, auch in Europa, Tendenzen laut werden, die direkt oder indirekt die schlimmsten Entgleisungen der Geschichte zum Vorbild nehmen." Davor zu warnen, hält der Autor für seine Aufgabe - genau wie die Gedenkstätte in Wolfenbüttel.