Wolfsburg 

Tagestreff "Carpe Diem": Wo Menschen wieder gesehen werden

Jasmin Hinze, Thomas Krücker, Marion Unterhuber und Marc-Patrick Hund sorgen gemeinsam mit vielen anderen Helfern dafür, dass es im "Carpe Diem" rund läuft.
Jasmin Hinze, Thomas Krücker, Marion Unterhuber und Marc-Patrick Hund sorgen gemeinsam mit vielen anderen Helfern dafür, dass es im "Carpe Diem" rund läuft.
Foto: Mareike van Gerpen
  • Obdachlosigkeit kann jeden treffen
  • Ursache sind oft auch hohe Mieten
  • Frank S. erzählt von seinem Weg zurück ins Leben.

Wolfsburg. Niemand ist vor Obdachlosigkeit sicher. Nicht nur, aber besonders in den dunklen Wintermonaten stellt sich deshalb immer wieder die Frage: Wo gehen die eigentlich hin? Wie meistern diese Menschen das Leben auf der Straße und welche Sorgen plagen sie? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, hat sich news38.de beim Tagestreff "Carpe Diem" der Dachstiftung Diakonie in Wolfsburg umgeschaut und einen getroffen, der den Weg zurück geschafft hat.

"Hier finden Menschen ein Zuhause, wo sie noch wahrgenommen werden", beschreibt Frank S. alias Francesco den Wolfsburger Tagestreff "Carpe Diem". Er selbst war auch obdachlos. Und dass, obwohl er mit beiden Beinen fest im Leben gestanden hatte: Ein guter Job als Landschaftsgärtner, zwei gesunde Kinder und ein Dach über'm Kopf. "Doch dann kamen der Alkohol und die Sucht" erzählt Franceso im Gespräch mit news38.de.

Ein halbes Jahr lebte Francesco dann auf der Straße und gab sich seiner Alkoholsucht hin. "Ich habe meistens im Wald getrunken. Wollte niemanden mit meinem Verhalten verletzten und wollte einfach alleine sein", erzählt der 49-Jährige. Zuerst hatte er seinen Führerschein verloren, dann den Arbeitsplatz und am Ende schmiss man ihn aus seiner Wohnung. 'So einer wie du wird doch nicht obdachlos' hatte man ihm immer wieder gesagt. Und doch musste sich Francesco Nacht für Nacht einen neuen Schlafplatz suchen.

Im Tagestreff Alltag neu lernen

Bekannte machten ihn dann auf das "Carpe Diem" aufmerksam. "Zuerst wollte ich nicht wiederkommen. Fand alles scheiße." Erst später ging er in sich und stellte fest, dass das Angebot vielleicht doch nicht so schlecht sei. Hier habe er wieder gelernt 'an Türen zu klopfen'. "Schon das Verschicken eines Briefs war für mich eine Herausforderung. Das musste ich alles wieder neu lernen", erzählt Francesco. Er habe sich erst eingestehen müssen, dass er Hilfe brauchte und musste dann lernen, diese anzunehmen. Zwei große Schritte für den mittlerweile trockenen Alkoholiker.

Ursprünglich war der Tagestreff eine Anlaufstelle für die "Tippelbrüder", so wurden die Obdachlosen derzeit genannt. Diese hatten sich immer häufiger in den Zentren der Städte aufgehalten und besonders bei Unternehmern für Unmut gesorgt. Die Obdachlosen schliefen unter Dachvorsprüngen und waren nicht gern gesehene Besucher der Innenstädte. Seitdem habe sich an dem Angebot im "Carpe Diem" eigentlich nicht viel verändert, erklärt Jasmin Hinze.

"Bei uns bekommen die Menschen ein warmes Mittagessen, können ihre Wäsche waschen und unsere sanitären Einrichtungen nutzen", erklärt Jasmin Hinze. "Außerdem versuchen wir, den Menschen, die zu uns kommen, eine Tagesstruktur zu geben." So wird einmal im Monat ein Ausflug geplant. "Für viele unserer Besucher ist dies die einzige Möglichkeit, mal rauszukommen und was anderes zu sehen."

Spenden sammeln mit Benefizmarkt

Rund 300 Menschen sind im Jahr 2017 bislang bereits registriert worden. Noch im Jahr 2013 waren es 85. "Der Bedarf an Einrichtungen wie unseren ist spürbar gestiegen", erklärt Jasmin Hinze. "Es kommen mehr Menschen zu uns, die ihr Leben lang gearbeitet haben und trotzdem nicht von ihrer Rente leben können. Es ist nicht mehr so, dass man den Menschen die Armut oder Obdachlosigkeit unbedingt ansieht."

Die Arbeit im "Carpe Diem" wird übrigens zu einem Drittel durch Spenden finanziert. Deshalb veranstalten am 10. Dezember junge Unternehmer aus Gifhorn und Wolfsburg einen Benefizweihnachtsmarkt, deren Erlös dem Tagestreff zu Gute kommen soll. Ab elf Uhr gibt es hier Weihnachtsbäume für den guten Zweck zu kaufen.

Heute ist Francesco schon seit zwei Jahren wieder trocken und zurück im Job. "Carpe Diem war mein Sprungbrett zurück ins Leben", ist er sich sicher.