Wolfsburg 

Markus Lanz (ZDF): Massive Kritik an VW für China-Werk – „Sehr naiv oder bewusste Täuschung!“

Bei Markus Lanz ging es um die Lage der Uiguren in China – und um das umstrittene VW-Werk in der Region. (Archivbild)
Bei Markus Lanz ging es um die Lage der Uiguren in China – und um das umstrittene VW-Werk in der Region. (Archivbild)
Foto: BREUEL-BILD/PuR / dpa picture alliance

Wolfsburg. VW muss weiter heftige Kritik einstecken. Hintergrund ist das VW-Werk in Xinjiang – und die Menschenrechtsverletzungen in der abgeschirmten Region im Nordwesten Chinas. Bei Markus Lanz im ZDF nahmen am Mittwoch zwei Experten dazu Stellung.

Die chinesische Regierung unterdrückt in Xinjiang nachweislich die Minderheit der Uiguren. Rund eine Million Menschen werden in Lagern interniert. Alles wird überwacht. Das belegen jetzt geleakte Dokumente der kommunistischen China-Regierung.

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Mittendrin, in der Stadt Ürümqi, hatte VW im Jahr 2013 ein neues Werk eröffnet. Für Frederik Obermaier (Süddeutsche Zeitung) macht das VW-Werk allein betrachtet keinen Sinn.

Als das Werk eröffnet wurde, habe es in der Region weder eine Infrastruktur noch Zulieferer gegeben. Auch die Werkskapazität sei vergleichsweise gering, so der Journalist bei Markus Lanz.

„Im VW-Konzern und von Branchenexperten hört man immer wieder, dass das Werk teil eines Deals zwischen Volkswagen und der Regierung in China war“, so Obermaier. Nach dem Motto: „Ihr geht in diese Region – und wir erlauben euch dafür einige andere Fertigungsstätten an der Ostküste.“

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Dort sei es wirklich lukrativ für VW. Zumal China für die Wolfsburger ein gigantischer Markt sei, so der Experte: „Hier kann VW noch richtig viel Geld machen"!“

VW betont, dass es in dem Werk in Ürümqi keine Zwangsarbeit gibt. Jeder vierte Mitarbeiter sei Angehöriger einer Minderheit. „Wenn man dann aber nachfragt, wie viele davon Uiguren sind, hört man Schweigen. Dazu gibt es keine offiziellen Angaben von VW“, so Obermaier.

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Für Ausländer sei es quasi unmöglich, sich in Xinjiang einen Überblick zu verschaffen. Ein Visum bekomme man nicht. Die Region werde komplett überwacht, so Obermaier.

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Es gebe unter anderem Kameras, die die Augen der Menschen scannen. Jeder Schritt werde überwacht. Und: Inzwischen sehe man auch die Lager – auch auf Satellitenbildern.

Umstrittene Diess-Aussage sorgt wieder für Wirbel

Auch die umstrittenen Aussagen von VW-Chef Herbert Diess in einem BBC-Interview waren Thema bei Markus Lanz. Diess hatte im April auf die Frage, ob er nichts von Chinas Umerziehungslagern in der Region wisse gesagt: „Darüber ist mir nichts bekannt, sorry.“ Dafür kassierte er viel Kritik – VW ruderte etwas zurück.

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Obermaier bezeichnete die Diess-Äußerung als absurde Szene. Zu dem Zeitpunkt des Interviews habe es schon zahlreiche Augenzeugenberichte, Satellitenbilder und Experten-Aussagen gegeben. „Dann so eine Äußerung zu tätigen, ist in meinen Augen sehr naiv oder eine bewusste Täuschung“, so der Journalist bei Markus Lanz.

„VW kann sich hier nicht mehr rauswinden“

Auf Nachfragen der Süddeutschen Zeitung zu den Umständen im und um das VW-Werk im Nordwesten Chinas habe Volkswagen nicht reagiert. „Man merkt, dass VW hier versucht, sich aus einer Situation rauszuwinden, aus der man sich in meinen Augen nicht mehr rauswinden kann“, so Obermaier.

Der Investigativjournalist kritisiert auch, dass VW in China ein Abkommen mit der bewaffneten Volkspolizei geschlossen habe. „Darin ist von militärischen Training und patriotischer Erziehung für neue Werksmitarbeiter zu lesen“, behauptet der Journalist.

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VW wehre sich dagegen – so etwas gebe es nicht. So oder so bleibe die Frage offen, warum der Autogigant aus Wolfsburg keine klare Trennlinie ziehe. „Ich denke, dass man als Unternehmen nichts mit so einer solchen Polizeieinheit zu tun haben sollte“, so Obermaier.

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Hintergrund: In China leben schätzungsweise zehn Millionen Uiguren, die meisten davon in Xinjiang. Sie sind ethnisch mit den Türken verwandt und fühlen sich von den herrschenden Han-Chinesen wirtschaftlich, politisch und kulturell unterdrückt.

Nach ihrer Machtübernahme 1949 hatten die Kommunisten das frühere Ostturkestan China einverleibt. Die Regierung in Peking wirft uigurischen Gruppen Separatismus und Terrorismus vor. (red/dpa)