VW 

VW-Urgestein schrieb Geschichte: Vom Schafhirten zum Schweißer

Lorenzo an seinem letzten Arbeitstag 1993 bei Volkswagen.
Lorenzo an seinem letzten Arbeitstag 1993 bei Volkswagen.
Foto: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn

Bokensdorf. Lorenzo Annese ist von tiefer Dankbarkeit und Demut geprägt, wenn er über seinen ehemaligen Arbeitgeber VW spricht. 43 Jahre war er für den Autobauer in Wolfsburg beschäftigt. 1993 ging der heute 83-Jährige in Rente.

Im Februar ist in Italien sein erstes Buch „Vita da Gastarbeiter“ veröffentlicht worden. Auf 186 Seiten schildert Lorenzo Annese, wie er als erster italienischer Gastarbeiter mit Verstand, Kampfgeist und Glück Karriere bei VW gemacht hat.

VW: Vom Schafhirten zum Schweißer

Zu arbeiten beginnt Lorenzo Annese mit acht Jahren. Er hütet Schafe in seinem Heimatdorf Alberobello in Apulien, um Essen dazuzuverdienen. Mit 14 Jahren endet seine Schullaufbahn, er besucht in den kommenden fünf Jahren nur unregelmäßig die Abendschule.

„Der Krieg hatte Schuld. In Italien war Armut, Elend, Krankheiten“, schildert er die harte Zeit. Durch seinen Bruder, der bereits in Deutschland arbeitet, erfährt er, dass weitere Arbeitskräfte in Niedersachsen gesucht werden. Erstmals verlässt er mit 20 Jahren sein Heimatdorf, setzt sich in den Zug gen Norden. Sein Ziel: Bokensdorf im Landkreis Gifhorn.

Dort findet er schnell Arbeit als Erntehelfer. Vieh versorgen, Kartoffeln, Heu, Getreide ernten – die Plackerei hat er bald satt. Immerhin: Er verdient 180 D-Mark im Monat, deutlich mehr als in Italien. Er findet einen neuen Job, verlädt Bimsblöcke für ein Unternehmen in Fallersleben. „Pro Stein bekamen wir einen Pfennig brutto. An manchen Tagen haben wir 3.000 bis 4.000 Stück aufgeladen. Ein Stein wog 20 bis 30 Kilo“, berichtet Annese von dem kräftezehrenden Job.

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Durch einen Trick an den ersten Job bei VW gekommen

Immer wieder bewirbt er sich bei VW, wird jedoch abgelehnt. „Eines Tages habe ich gesagt: Diese Schufterei kann ich nicht aushalten“, kurzerhand nutzt er einen freien Tag und schleicht sich in eine Besuchergruppe, die vor der Wache am VW-Werk wartet. In der Halle verlässt er die Gruppe, sucht das Büro der Personalabteilung auf.

Zwei Sekretärinnen wollen ihm den Zugang zum Büro verwehren, da taucht der damalige Personalchef Willy Weiß auf. „Er fragte, was ich will“, Annese erklärt seine Lage. „Da fragte er, wie ich hierhin gekommen sei und ich erzählte die Wahrheit.“ „Nicht dumm,wa?“, soll Weiß in Richtung seiner Sekretärinnen gesagt haben. Annese war zum Gespräch eingeladen – und wird eingestellt.

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Erster ausländischer Betriebsrat der Bundesrepublik

Mit dem 22. August 1961 fängt für den jetzt 24-jährigen Italiener ein neues Leben an: Seine Karriere als Punktschweißer beginnt. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Im Hintergrund werden Vorbereitungen getroffen, weitere Gastarbeiter aus Italien anzuwerben.

„Ab dem 17. Januar 1962 kamen die ersten Italiener“, erinnert sich Annese, der zu diesem Zeitpunkt bereits im ganzen Werk bekannt ist. Er wird freigestellt, um die Neuankömmlinge zu betreuen. Ein Landsmann sagt ihm beim Blick in die Werkshallen: „Das ist keine Fabrik, sondern ein Dschungel.“

Annese wechselt in die IG Metall, dient ab 1964 als Verbindungs- und Vertrauensmann für mittlerweile 5000 bis 6000 Italiener. „Ich hatte mir nicht träumen lassen, dass es genauso schwer ist wie arbeiten“, erzählt er. Viele Gastarbeiter wollten ihre Familien nachholen, Wohnungen beziehen. Annese half ihnen bei den ersten Schritten.

Ein Jahr später wird er als erster Gastarbeiter überhaupt in Deutschland in den Betriebsrat gewählt. „Ausländer durften damals gar nicht kandidieren“, erinnert er sich. Doch eine Änderung des Betriebsverfassungsgesetzes machte seine Wahl möglich.

Annese avanciert bis zu seinem Renteneintritt 1993 zur Legende bei VW.

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„Bei VW zu arbeiten, ist wie ein 6er im Lotto“

Voller Stolz sagt er noch heute: „VW ist für mich Familie. Volkswagen hat Millionen von Menschen Arbeit und Brot gegeben.“

Er ist davon überzeugt, dass jeder, der will, beim Autobauer aufsteigen kann. „Bei VW zu arbeiten, ist wie ein Sechser im Lotto“, glaubt er. Auch der Dieselskandal trübe das Ansehen des Konzerns nicht. „VW ist nicht das, was da gerade passiert. Es sind ein paar Knallköpfe, die dafür verantwortlich sind.“

Die ganze Geschichte von Lorenzo Annese kannst du in seinem Buch „Vita da Gastarbeiter“ nachlesen.