Wolfsburg 

Wolfsburg: Tänzerin teilt bewegende Geschichte – „Sprachlos, einfach nur sprachlos!“

Foto: privat

Wolfsburg. Tanja aus Wolfsburg ist zum Opfer geworden. Sie ist eine von leider unzähligen Frauen, die häusliche Gewalt, Stalking und Cybermobbing erleben mussten. Und sogar Morddrohungen.

Aber Tanja ist Wolfsburg ist eine starke Frau – deswegen geht sie mit ihren schlimmen Erfahrungen an die Öffentlichkeit.

Wolfsburg: Tänzerin Tanja muss monatelang leiden

Dass ausgerechnet ihr so etwas passieren würde, habe sie bis vor einem Jahr nicht gedacht. „Wie schnell man in den Sog von Lügen, Manipulation, Kontrolle und Gewalt reingezogen wird, haben mir die letzten Monate gezeigt“, schreibt die Wolfsburgerin bei Instagram. Tanja ist eine begeisterte Pole-Tänzerin, sie betreibt zwei eigene Studios in Wolfsburg und Braunschweig (T-Tanzstück).

Vor einem knappen Jahr habe sie ihren heutigen Ex-Freund kennen gelernt. Im Winter sei es dann zu den ersten Übergriffen gekommen. Nach einem Streit habe er sie gewürgt, gegen die Wand gedrückt und ihre Hände umgedreht.

Erst später habe sie herausgefunden, dass er ein heftiges Drogenproblem habe. Tanja hat dann länger an das „Prinzip Hoffnung“ geglaubt: „Zumindest waren die Drogen eine Begründung für seine Ausraster. Und ich dachte, wenn man das Problem zum Beispiel mit einer Therapie und einem Entzug angeht, würde es sich beheben. Auch, wenn es mich sehr viel Kraft bis dahin kosten würde.“

Und mehr noch: „Er hat mir auch eine Cyber-App aufs Handy gespielt, ohne, dass ich das wusste. So konnte er immer verfolgen, mit wem ich schreibe und rede. Das Handy wurde komplett gespiegelt.“

>> Mehr häusliche Gewalt gegen Frauen im Lockdown

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Häusliche Gewalt – das solltest du tun:

  • bei akuter Bedrohung, wähle die 110!
  • zeige die Straftat bei der Polizei an
  • wenn du dich nicht traust, dich bei der Polizei zu melden. vertrau dich jemandem an
  • suche dir Hilfe bei einer Beratungs- oder Interventionsstelle (Hilfetelefon: 08000/116016)
  • schreibe dir auf, was wann passiert ist
  • gehe zum Arzt, lasse dir mögliche Verletzungen attestieren
  • Frauenhäuser bieten dir ebenfalls Schutz

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Irgendwann habe sie sich ihren engsten Freunden und ihrer Familie anvertraut. „Da ist dann viel Fassungslosigkeit. Die Leute fragen dich, warum du dir das gefallen lässt.“ Beantworten könne sie diese Frage nicht. Man realisiere das erst spät. Zu spät. Und dann sei man schon in der Abwärtsspirale...

Nach einem weiteren Eifersuchts-Streit habe er sie mit einer Kopfnuss verletzt. Zum ersten Mal sei sie zur Polizei gegangen. „Aber es folgten Reue, Heulerei, Schamgefühle und die Beteuerung, dass so etwas nie wieder passiert.“ Daraufhin habe sie die Anzeige zurückgezogen. Kurz habe sie ihm geglaubt. Aber es habe weiter gekriselt...

„Dann habe ich die Beziehung kurzfristig beendet. Das war für ihn ein ganz großer Eskalationspunkt.“ Sie habe ihm seine Sachen vor die Tür gestellt. Er habe sie nur abholen sollen. Dennoch sei es ihm gelungen, sie heftig mit der Faust ins Gesicht zu schlagen.

Wieder sei sie zur Polizei gegangen. Und wieder habe sie die Anzeige zurückgenommen: „Er hat immer gesagt, ich lege ihm Steine in den Weg. Er wolle ja eine Therapie machen und ein neues Leben beginnen. Mit einer Anzeige würde er nicht aufgenommen werden.“

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Wolfsburg: Prinzip Hoffnung kippt irgendwann

Zu einer Therapie sei es aber nie gekommen, ihr damaliger Partner sei rückfällig geworden. „In dem Moment war das 'Prinzip Hoffnung' gekippt“, sagt Tanja. „Ich hab mich gefragt: Wie oft soll das noch passieren? Es war für mich ein riesiger Kraftakt.“

Im April gipfelte das Ganze: Nach einem erneuten Streit habe er sie wieder geschlagen, angespuckt – und sogar eingesperrt. „Ich konnte nicht mehr aus der Wohnung raus.“ Irgendwie sei es ihr gelungen, ihn aus ihrer Wohnung zu bekommen.

Wolfsburg: Heftiges Cybermobbing bedroht Existenz

Aber schon am nächsten Tag sei er bei ihr eingebrochen. Dabei habe er ihr Smartphone geklaut, sagt Tanja. Für sie sei das ein weiterer schlimmer Moment gewesen, denn ab dem Punkt habe ihr Exfreund mit heftigstem Cybermobbing begonnen.

„Er hat mich aus meinen ganzen Online-Konten ausgesperrt. Ich konnte nichts machen und musste zusehen, wie er meine Firmenaccounts und Existenz übernommen hat und mich im Sekundentakt auf übelste Wiese diffamiert. Sein Psychoterror war fast noch schlimmer als die körperliche Gewalt.“

Teilweise gebe es die Fake-Accounts und die Hassposts noch bis heute. „Er hat zum Beispiel behauptet, ich sei HIV-positiv und stecke meine Mitglieder wissentlich an.“ Außerdem habe er Strafanzeigen manipuliert, um ihre T-Tanzstück-Studios niederzumachen.

„Reinstellen geht ja immer schnell. Aber versuch mal, das löschen zu lassen“, sagt Tanja mit Blick auf Facebook & Co. „Leider ist Cybermobbing für die Polizei immer noch ein schwieriges Thema, die sind technisch gar nicht so gut aufgestellt. Zumal man für die Bereinigung im Netz selbst zuständig ist, da hilft dir keiner.“

Morddrohung in Wolfsburg: „Jetzt bist du tot“

Neben dem Cybermobbing sei es auch zu zwei Morddrohungen gekommen. Unter anderem habe er ihr persönlich am Telefon gesagt „Jetzt bist du tot, ich bringe dich unter die Erde“.

Noch in der selben Nacht habe es dann eine weitere Attacke gegeben: Diesmal gegen ihr Haus und ihr Auto. Ihr Ex habe beides großflächig besprüht, unter anderem ist auch „Hure“ auf ihrem Auto zu lesen. Außerdem habe er die Reifen zerstochen und Bitumen übers Auto geschüttet – der VW sei bis heute in der Werkstatt.

All das habe sie so sehr beschäftigt, dass sie lange nicht in sich gehen konnte. „Ich war so unter Stress mit der Schadensbegrenzung, dass ich mich gar nicht fragen konnte, wie es mir eigentlich geht. Und warum mir das passiert ist. Aber diese Frage kann ich nicht beantworten.“

Immerhin bekomme sie jetzt sehr viel Unterstützung und Hilfe von außen. Sogar Konkurrenten solidarisierten sich mit ihr, sagt Tanja zu news38.de.„Das alles hilft mir sehr.“ Auch bei Instagram erfährt die Tänzerin viel Liebe:

  • „Das tut mir sehr leid für dich. Toll, dass du einen Weg herausgefunden hast. Ich hoffe, du kannst das gut aufarbeiten und wieder nach vorne schauen. Ganz stark, wie du damit umgehst.
  • „Danke für deinen Mut und, dass du solch ein Zeichen setzt! Es ist so wichtig, dass dieses Thema in in die Öffentlichkeit rückt und es mehr und vor allem schnellere Hilfe für Betroffene gibt.“
  • „Sprachlos, einfach nur sprachlos! Riesen Respekt, das alles so öffentlich zu machen und offen zu kommunizieren, dazu fehlt einigen sicher der Mut. Ich hoffe sehr, dass jetzt Ruhe einkehrt.“
  • „Danke, dass du so mutig bist und uns darüber erzählst, was alles passiert ist. Super stark von dir! Alles Gute für die Zukunft weiterhin, es kann nur besser werden.“

Wolfsburgerin will warnen, mahnen und helfen

Tanja möchte jetzt andere Frauen vor einem solchen Schicksal schützen. Bei Instagram schreibt sie: „Ich möchte meine Geschichte mit euch teilen, da ich glaube, dass viele Frauen ähnliche Erfahrungen machen oder gemacht haben. Ich möchte diese Frauen ermutigen, an sich zu glauben und sich treu zu bleiben. 'Nein' zu sagen und auch zu meinen, sich zu wehren, auch wenn es aussichtslos erscheint. Es lohnt sich immer für das zu kämpfen, was Dir wichtig ist - ein selbstbestimmtes und glückliches Leben.“

Man müsse einmal den Schritt wagen und dürfe nicht aus Scham schweigen, sondern müsse ausbrechen aus dem Netz. Sich sofort helfen lassen. Von der Familie, von Freunden oder von Hilfe-Vereinen wie dem „Dialog“ in Wolfsburg. Meistens werde es nicht besser, sondern schlimmer. „Man sollte achtsam sein und sich nicht verlieren. Du kannst nicht glücklich werden, wenn dir jemand Gewalt antut.“ (ck)