Niedersachsen 

Corona in Niedersachsen: Bestatter mit deutlichen Worten – „Es kann nicht sein, dass so gearbeitet wird“

Mitarbeiter Niklas Grube öffnet im Krematorium Celle eine Kühlkammer, in der vier Särge von Verstorbenen stehen, die mit oder an dem Coronavirus gestorben sind.
Mitarbeiter Niklas Grube öffnet im Krematorium Celle eine Kühlkammer, in der vier Särge von Verstorbenen stehen, die mit oder an dem Coronavirus gestorben sind.
Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Corona hat auch Niedersachsen weiter fest im Griff. Jeden Tag sterben Menschen, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten.

In manchen Regionen Deutschlands gibt es so viele Corona-Tote, dass die Krematorien mit der Einäscherung der Verstorbenen nicht mehr hinterher kommen. So wie im sächsischen Corona-Hotspot Meißen.

Corona-Tote werden per Lkw angeliefert

Hier werden die Särge in Andachtsräumen eilig übereinander gestapelt. Die Toten werden teils nicht mehr mit dem Leichenwagen, sondern mit Lastwagen angeliefert.

Dieser Umgang mit den Verstorbenen stößt unter anderem in Niedersachsen, und nicht nur dort, auf Unverständnis. Man müsse achtsam sein mit den Angehörigen, den Mitarbeitern – und mit den Verstorbenen, findet Thies Heinrich, Betriebsleiter des Krematoriums in Celle.

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Für die Überlastung des Krematoriums in Meißen hat Svend-Jörk Sobolewski, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft deutscher Krematorien, kein Verständnis – für den Umgang mit den Verstorbenen dort erst recht nicht! Er betont: „Sachsen spiegelt nicht den Zustand deutscher Krematorien wider.“ Denn in vielen gebe es freie Kapazitäten, viele könnten einspringen.

„Das kann für die Branche nicht das Aus bedeuten.“

In Deutschland gebe es 162 Krematorien. Wenn pro Tag 1.000 Menschen an oder mit Covid-19 sterben, sei das zwar schlimm. Aber für jedes Krematorium bedeute das gerade einmal sechs Verstorbene.

„Das kann für die Branche nicht das Aus bedeuten.“ Zumal die Pandemie nicht neu sei. Es sei Zeit genug gewesen, sich vorzubereiten und beispielsweise freie Kapazitäten zu suchen. Der Fachmann bietet Meißen Hilfe an: „Es kann nicht sein, dass so gearbeitet wird. Wir haben einen Auftrag, wir müssen etwas für die Menschen tun.“

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Doch auch in Celle steigt die Zahl der Menschen, die an oder mit dem Coronavirus sterben und dort eingeäschert werden. Seit November ist das spürbar. Im Dezember seien es 23 Verstorbene gewesen, im Januar bislang 12, sagt Heinrich. Im Gesamtjahr 2020 waren es 48. Sobolewski erklärt, an den sechs Standorten des Unternehmens seien im vergangenen Jahr 30.154 Verstorbene eingeäschert worden, 711 seien mit dem Coronavirus infiziert gewesen. Das entspreche einem Anteil von 2,36 Prozent.

Celle: Hier stapeln sich keine Särge

Es sei durchaus denkbar, dass die Zahlen weiter steigen, sagt Heinrich. Es gibt einige Stellschrauben: Die Mitarbeiter könnten bei Bedarf ins Mehrschichtsystem wechseln, an Wochenenden arbeiten oder Kapazitäten anderer Krematorien nutzen.

In Celle stapelten sich die Särge nicht, sagt der 31-Jährige. „Wir versuchen, gar nicht erst einen Stau entstehen zu lassen.“ Auch Hektik gebe es dort nicht, alles gehe gelassen zu.

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Was passiert eigentlich in einem Krematorium?

Bei einem natürlichen Tod kommt ein Arzt für eine zweite Leichenschau. Ist Covid-19 im Spiel, wird der Sarg gekennzeichnet. Der Verstorbene wird in einen Leichensack gelegt, der Sarg desinfiziert und vor der Einäscherung in einem speziellen Kühlraum – oder Klimaraum, wie es im Jargon heißt – aufbewahrt.

Schieben Mitarbeiter einen Sarg in diesen Klimaraum, tragen sie nicht nur eine Maske, sondern einen kompletten Schutzanzug und Handschuhe. Die Einäscherung selber dauert etwa zweieinhalb Stunden.

Was passiert, wenn auch im Raum Celle die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus und schließlich auch die Zahl der Toten steigen sollte? „Wir haben eine gewisse Sorge, ohne in Panik zu verfallen“, sagt Heinrich. Zwar sei er kein Virologe, aber: „Es ist denkbar.“ (dpa/ck)