Niedersachsen 

Hannover: Mutterpass jetzt auch online! Für Hebammen eine absolute Hiobsbotschaft! „Aus der Schwangerenvorsorge gedrängelt“

Seit Anfang des Jahres können Schwangere aus Hannover, Braunschweig und Co. einen E-Mutterpass erhalten. Doch nicht alle freuen sich darüber. (Symbolbild)
Seit Anfang des Jahres können Schwangere aus Hannover, Braunschweig und Co. einen E-Mutterpass erhalten. Doch nicht alle freuen sich darüber. (Symbolbild)
Foto: picture alliance | SPA

Hannover. Für viele Frauen beginnt die Schwangerschaft mit der leidigen Suche nach einer Hebamme. Denn auch in Hannover, Braunschweig und Co. herrscht ein großer Hebammenmangel.

Aber als wäre das noch nicht genug, erschwert eine weitere Hiobsbotschaft den Alltag der Geburtshelferinnen. Der Mutterpass wird digitalisiert!

Viele Frauen freuen sich über den technischen Fortschritt. Jetzt tragen sie das wichtigste Schwangerschaftsdokument immer bei sich! Denn wann vergisst man schonmal sein Handy?

Doch für Hebamme Skrollan aus Hannover geht eine Welt unter! Denn sie wird so von der Schwangerenvorsorge ausgeschlossen.

Hebammenmangel bestimmt Arbeitsalltag in Hannover

Donnerstagmorgen, 7 Uhr. Für die 26-jährige Hebamme Skrollan Geck von den „Stadtkinder Hebammen“ aus Hannover ein normaler Arbeitsbeginn. Noch schnell den ersten Kaffee runterschlucken und im Anziehen ein Brot essen. Danach heißt es für die nächsten zehn bis elf Stunden, von Termin zu Termin fahren.

Doch das ist nichts Neues für die Freiberuflerin. Seit zweieinhalb Jahren bestimmt der Job ihr Leben. Aber sie macht es gerne! Denn Skrollan fieberte schon lange auf das Studium hin.

Nach ihrem bestandenen Bachelor in Hebammenkunde entschloss sich Skrollan bewusst dazu, freiberuflich als Hebamme zu arbeiten. Allerdings ohne Geburtshilfe! Zu hoch seien die Versicherungskosten für eine Berufseinsteigerin gewesen. 2020 erfüllte sie sich mit ihrer Team-Kollegin Johanna Torunsky einen absoluten Herzenswunsch: Sie gründeten ihre eigene Praxis im Herzen Hannovers.

Allerdings fallen durch herrschenden Hebammenmangel in Deutschland viele Schwangere, Gebärende und Wöchnerinnen auf verhältnismäßig wenig Personal. „Dadurch leisten Hebammen oft weit mehr als 40 Stunden-Wochen und zahlen dafür mit wenig privatem Freizeitausgleich und langfristig gesundheitlichen Problemen“, berichtet die 26-Jährige in einem Interview mit News38.de.

Hannover: Mutterpass jetzt auch per App

Und als würde der Versicherungskrieg und Hebammenmangel die Arbeit der Geburtshelferinnen nicht schon ausreichend erschweren, folgte Ende letzten Jahres die nächste Hiobsbotschaft: Der digitale Mutterpass!

Für Frauen natürlich erstmal genial. Seit dem 1. Januar haben sie die Chance, die gedruckte Variante des wichtigsten Ausweisdokuments für Schwangere in der elektronischen Patientenakte (ePA) zu hinterlegen.

Über die ePA-App können sie jederzeit ihre Einträge aufrufen. Sie müssen vor Arzt- oder Krankenhausbesuchen also nicht mehr panisch durch ihre Tasche wühlen, ob sie den Mutterpass auch wirklich dabei haben.

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Was ist ein „Mutterpass“ überhaupt?

  • Ein Heftchen, das jede Frau in Deutschland nach Feststellung der Schwangerschaft erhält
  • Ausgestellt durch Gynäkologen oder Hebammen
  • Stellt im Optimalfall eine lückenlose Dokumentation der Schwangerschaft da
  • Dient zur Erfassung aller medizinisch notwenigen Informationen
  • Zum Beispiel: Vorerkrankung, Blutgruppe, unterschiedliche medizinische Befunde, behandelnde Ärzte und Hebammen, Ultraschallbilder

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Denn das rät Hebamme Skrollan! „Durch den seit Jahrzehnten genormten Aufbau eines Mutterpasses können die medizinischen Fachkräfte außerdem sehr schnell die für sie notwendigen Informationen einsehen“, erklärt die Freiberuflerin.

Daher können auch Ersthelfer bei Komplikationen gezielt handeln. Denn meist tragen Frauen ihren Mutterpass im Portmonee nahe des Personalausweis. Doch wie oft schauen Rettungskräfte auch in das Handy von Schwangeren?

Hannover: Zugriff auf E-Mutterpass für Hebammen erst ab 2023

Für die Hebammenarbeit bedeutet der E-Mutterpass wenig Gutes. „Während der digitale Mutterpass in ärztlichen Praxen bereits genutzt werden kann, ist dies für niedergelassene Hebammen nämlich noch nicht möglich. Aktuell können Hebammen noch keine entsprechenden Systeme nutzen“, bringt Skrollan verärgert zum Ausdruck. „Dadurch sind auch die Schwangerenvorsorgen, welche bisher bei einem gesunden Schwangerschaftsverlauf ohne Probleme von Hebammen durchgeführt werden konnten, dann nicht mehr möglich. Durch den digitalen Mutterpass werden Hebammen weitestgehend aus der medizinischen Schwangerschaftsvorsorge gedrängelt.“

Die Möglichkeit, den elektronischen Mutterpass auch als Hebamme vollständig nutzen zu können, wird laut Bundesministerium für Gesundheit frühestens 2023 bestehen. Allerdings das auch nur, wenn die Hebammen bis dahin auch über die technischen Ausstattungen verfügen.

Das Skurrile: An anderen Stellen ihrer Arbeit ist kein technischer Fortschritt erwünscht. Zum Beispiel bei Unterschriften. Diese erkennen Krankenkassen in digitaler Form der Frauen als Bestätigung für erbrachte Hebammenleistung nicht an.

Appell aus Hannover: Darüber solltest du dir Gedanken machen

Die 26-Jährige ist wütend: „Der Hebammenberuf hat es ohnehin nicht leicht, sich in der Welt der fundierten und evidenzbasierten Medizin zu behaupten, mit diesem Einbruch wird uns umso mehr Teilhabe an einem professionellen Miteinander auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen einfach genommen.“

Oft haben ältere Kolleginnen von Skrollan Probleme, sich mit den modernen Herausforderungen auseinanderzusetzen. Denn noch immer bestimmen viele analoge Tätigkeiten den Hebammenalltag. Dieser ist übrigens einer der ältesten Berufe der Welt.

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Doch ganz auf Technik können die Hebammen dann auch nicht verzichten. Betreuungsanfragen, Rückfragen und Dokumentation laufen mittlerweile digital ab. „Auch ist ein ansprechender Online-Auftritt immer wichtiger geworden. Die Umstellung des Mutterpasses auf eine digitale Alternative dürfte aber nicht zuletzt eine weitere Herausforderung darstellen – ihn gibt es immerhin schon seit über 60 Jahren in Papierform“, stellt Skrollan klar.

Zur Zeit können Schwangere noch wählen, ob sie den Mutterpass in digitaler oder analogen Form nutzen wollen. Skrollan appelliert an die Frauen, die auch weiterhin von einer Hebamme in der Schwangerschaft betreut werden möchten, sich für das Papierdokument zu entscheiden. Damit hat man auch gleich ein emotionales Erinnerungsstück an seine Schwangerschaft. (mbe)