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Salzgitter: Darum leiden Gehörlose besonders in der Corona-Zeit – „Unsere Lebensqualität ist sehr eingeschränkt“

Maskenpflicht Corona Salzgitter Innenstadt Schild
Wie erleben eigentlich Gehörlose die Corona-Pandemie? Drei Salzgitteraner haben news38.de ihre Geschichten erzählt. Foto: Rudolf Karliczek

Salzgitter. 

Die Corona-Pandemie bestimmt seit Monaten das Leben von uns allen. Neue Regeln haben den Alltag umstrukturiert, vieles, was früher selbstverständlich war, ist aktuell nicht mehr möglich. Für alle ist das bereits Herausforderung genug.

Doch es gibt Menschen, die besonders unter der Corona-Krise leiden. So wie Nadine, Thomas und Alexandra aus Salzgitter. Denn Nadine und Alexandra sind hochgradig schwerhörig, Thomas ist gehörlos. Für die drei aus Salzgitter habe sich ihr Alltag grundlegend geändert. Momente, in denen sie sich ausgegrenzt oder nutzlos fühlen, seien plötzlich besonders präsent. Warum, das haben sie news38.de geschildert.

Salzgitter: So erleben Gehörlose die Pandemie

Thomas (49) ist seit seinem zweiten Lebensjahr gehörlos. Lebt also seit 47 Jahren mit dieser Einschränkung. Alexandra (52) und Nadine (43) sind von Geburt an hochgradig schwerhörig. Um mit anderen Menschen zu kommunizieren, würden sie hauptsächlich von den Lippen ablesen. Wichtig sei ihnen außerdem die Mimik.

Doch diese beiden Kommunikationsmöglichkeiten fallen für die Salzgitteraner weg, wenn sie Menschen an Orten begegnen, an denen Maskenpflicht herrscht. „Unsere Lebensqualität ist dadurch sehr eingeschränkt“, macht Alexandra deutlich.

Die 52-Jährige arbeite in einem Job, in dem Kommunikation eine wichtige Rolle einnehme. „Da ich durch die Maskenpflicht nicht mehr kommunizieren kann, kann ich meine Arbeit nicht mehr ganz ausführen, dadurch fühle ich mich in der Arbeit sehr nutzlos und ausgegrenzt“.

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Diese Momente sind besonders schwer für die Salzgitteraner

Auch Nadine hat bereits schlechte Erfahrungen sammeln müssen. Sie sei auf einem Seminar gewesen. Dort habe sowohl auf dem Gelände als auch im Gebäude und damit auch in der Kantine Maskenpflicht gegolten.

Wenn Nadine sich nach den Gerichten erkundigte, habe keiner die Maske abgenommen. „Dann hat man lieber nichts gefragt und nur das gegessen, was man kannte“, erinnern sich die Schwestern.

Ein ähnliches Erlebnis hatte Thomas an einer Kasse in einem Geschäft. Dort habe die Kassiererin etwas gesagt, was er aufgrund der Maske nicht verstanden habe. Auf seine Bitte hin, die Maske doch einmal kurz abzunehmen, habe die Kassiererin ihn nur böse angeschaut. Solche Momente seien besonders schwer.

Generell, berichtet Thomas, sei der soziale Kontakt in diesen Zeiten sehr eingeschränkt – und das sei für Gehörlose noch schwieriger als für die Hörenden. „Das Vereinsheim ist geschlossen, in dem sich jeden Sonntag alle Gehörlosen getroffen haben, Vorträge zur Weiterbildung im Bereich Gehörlose sind abgesagt, Sportgemeinschaften auch. Für mich gibt es nur noch Kontakt über Video-Chat“, berichtet Thomas. Möchte er mit Menschen spontan kommunizieren, würden in Bereichen mit Maskenpflicht nur noch Papier und Stift helfen.

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Wie wirksam ist eigentlich der Mund-Nasen-Schutz?

Dass in Zeiten der Corona-Pandemie nicht auf die Maske verzichtet werden kann, würden die drei aber auch verstehen. Denn das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes habe seine Berechtigung. Das haben jetzt auch Forscher der Universität Tokio in einer Studie nachgewiesen.

Das Ergebnis: Die Belastung durch das Coronavirus würde um 70 Prozent sinken, wenn Menschen Mund-Nasen-Schutz tragen, berichtet das RND. Und das gelte sowohl für Baumwollmasken als auch für chirurgische Masken, auch wenn es durchaus Effizienz-Unterschiede gebe. Fakt sei jedoch: Der positive Effekt der Masken überwiege.

Das sei auch Alexandra, Nadine und Thomas klar. Und dennoch: Sie würden sich im Corona-Alltag mehr Verständnis für Gehörlose wünschen. Wie das aussehen kann? „Anstatt Masken lieber Visier, oder beim Sprechen die Maske abnehmen. Da, wo es möglich ist. Der Abstand könnte dann ja auch vergrößert werden, damit die Angst der Ansteckung abnimmt“, erklären sie.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) erklärte jedoch schon vor Monaten, dass Visiere keine gleichwertige Alternative zur Mund-Nase-Bedeckung seien. Damit eine Maske richtig schützt, müsse sie richtig über Mund, Nase und Wangen platziert sein und möglichst eng anliegen. Das sei bei einem Visier nicht gegeben. „Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass die Rückhaltewirkung von Visieren auf ausgestoßene respiratorische Flüssigkeitspartikel deutlich schlechter ist“, heißt es auf der Seite des RKI.

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Gehörlosen-Bund fordert vielfältige Kommunikationsmöglichkeiten

Doch wie kann Gehörlosen und Schwerhörigen dann der Alltag in Corona-Zeiten erleichtert und ihnen wieder mehr Lebensqualität zurückgegeben werden? Der Deutsche Gehörlosen-Bund hat dazu vor einiger Zeit eine Stellungnahme veröffentlicht. Die klare Forderung: „Die Möglichkeiten der Kommunikation müssen vielfältiger sein“.

Aber wie könnte das laut des Gehörlosen-Bundes aussehen?

  • Jedes Hilfsmittel, das Menschen mit einer Hörbehinderung bei der Kommunikation unterstützt, soll aufgegriffen und angewandt werden (deutsche Sprache in Laut- und Schriftform, aber auch Gebädensprache)
  • schriftliche Kommunikation kann hilfreich sein
  • Spracherkennungsprogramme als App auf dem Smartphone können helfen

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Der Gehörlosen-Bund fordert außerdem zu Corona-Zeiten Dolmetscher für essenzielle und wichtige Gespräche, zum Beispiel mit medizinischem Personal. Eine Maßnahme, die laut NDR auch das Robert-Koch-Institut bereits übernommen habe. So sei bei den Pressekonferenzen auch immer ein Gebärdensprach-Dolmetscher anwesend. Das sei übrigens in Ländern wie der USA schon seit Jahren gang und gäbe.

Und neben all dieser Maßnahmen helfe vor allem eines in dieser Zeit: Verständnis für Gehörlose und Menschen mit Hörbeeinträchtigungen. Denn jeder Mensch mit eben jener Beeinträchtigung habe individuelle kommunikative Bedürfnisse, denen man nur entgegenkommen könne, würde man genau hinschauen und hinhören würde – und den Menschen mit genügend Aufmerksamkeit begegne.

So erlebt eine Braunschweigerin das Einkaufen ohne Maske

In Zeiten der Corona-Pandemie gibt es auch Menschen, die von der Maskenpflicht aufgrund gesundheitlicher Probleme befreit sind. Wie eine Braunschweigerin die Situation ohne Maske beim Einkaufen und in der Stadt erlebt, hat sie im Gespräch mit news38.de geschildert. Das findest du HIER!