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Salzgitter: „Absolute Ausnahmesituation“ – Fredenberg kämpft nach Mädchen-Mord einmal mehr um seinen Ruf

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Foto: Rudolf Karliczek
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Salzgitter. 

Nach dem Mord an einem Mädchen in Salzgitter bangt ein ganzer Stadtteil um seinen Ruf.

Fredenberg galt schon immer als eher schwieriger Stadtteil. Hochhäuser, Plattenbau, Leerstand. Optisch einfach nicht die beste Adresse in Salzgitter.

Salzgitter: Fredenberg wollte weg vom Ghetto-Image

Jahrelang kämpften die Einwohner zusammen mit der Stadt Salzgitter gegen genau dieses Ghetto-Image. Jetzt fürchten sie, dass die Tat vieles ihrer wichtigen Arbeit wieder zerstört.

Bei den Sozialarbeitern vor Ort ist die Betroffenheit riesig. „Es herrscht Fassungslosigkeit“, sagt Ulrich Hagedorn, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Salzgitter-Wolfenbüttel.

In der sehr emotionalen Situation gehe es darum zu beruhigen. „Wir betonen aber auch, dass es sich um eine absolute Ausnahmesituation handelt und ähnliche Dinge eben nicht regelmäßig passieren.“ Es besteht die Gefahr, dass die jahrelange gute Präventionsarbeit ein Stück weit kaputt gehe.

Mädchen in Salzgitter ermordet – Anastasia ist erstickt

Am Dienstag hatte die Polizei eine seit Sonntag vermisste Jugendliche tot in einer verwilderten Grünfläche am Hans-Böckler-Ring gefunden. Sie wurde erstickt. Anastasia wurde nur 15 Jahre alt. Zwei 13- und 14-jährige Jungen aus Salzgitter sollen sie ermordet haben. Mitschüler.

>> Mädchen-Mord in Salzgitter: HIER geht’s zur Chronik des unfassbaren Verbrechens

Der 13-Jährige ist noch nicht strafmündig. Das Jugendamt in Salzgitter will ihn in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie unterbringen. Das muss aber das Familiengericht anordnen. Ein Psychiater hat den Jungen bereits begutachtet. Auch der 14-Jährige soll entsprechend begutachtet werden.

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„Ich gehe davon aus, dass wir es hier bei beiden mit einem erheblichen Behandlungsbedarf zu tun haben“, sagte Kriminologe Klaus Boers von der Universität Münster der dpa. Ganz offensichtlich habe bei ihnen völlig die Impulskontrolle gefehlt.

Salzgitter: 14-Jährigem drohen maximal zehn Jahre Haft

Das Jugendrecht sieht bei Strafmündigen über 14-Jährigen eine maximale Haftstrafe von zehn Jahren vor. Diese wird verhängt, wenn sich Jugendliche in besonderer Weise schuldig gemacht haben. Vielen ist diese Strafe zu mild.

Was sagt der Experten zu dem Ruf nach einem schärferen Jugendstrafrecht? Deutschland habe jahrzehntelang gute Erfahrungen mit dem Erziehungsgedanken im Jugendstrafrecht gemacht, so Boers. Gerade bei der Alltagskriminalität wie Ladendiebstahl sei man zurückhaltend und stelle viele Verfahren ein.

Die Kriminalitäts- und Gefangenenraten von Jugendlichen in Deutschland seien im internationalen Vergleich gering – dies habe auch mit der guten Erziehungs- und Präventionsarbeit zu tun, etwa mit Straßensozialarbeit in Brennpunktvierteln. So wie es sie auch in Fredenberg gibt.

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Chronik der Tat in Salzgitter:

  • am Sonntag, 19. Juni 2022, melden Angehörige eine 15-Jährige als vermisst
  • am Montag startet die Polizei mit einer großangelegten Suche
  • eine Drohne findet am Dienstag eine Frauenleiche
  • am Mittwoch gibt es Gewissheit, laut Obduktion wurde die Schülerin erstickt
  • im Tatverdacht: zwei 13 und 14 Jahre alten Mitschüler
  • der 14-Jährige kommt in U-Haft, der 13-Jährige ist strafunmündig und ein Fall fürs Jugendamt

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Insgesamt ist in den vergangenen Jahren die Jugendkriminalität in Deutschland zurückgegangen. Dennoch kommt es immer wieder zu erschreckenden Einzeltaten von Kindern und Jugendlichen. Was weiß man über die Täter?

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Der Marburger Kinder- und Jugendpsychiater Helmut Remschmidt analysiert in dem Buch „Wenn junge Menschen töten“ anonymisiert Fälle aus den vergangenen Jahrzehnten. Demnach wird niemand allein wegen einer schweren Kindheit zum Mörder oder Totschläger.

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Mehr zum Mordfall Anastasia:

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Es kommen eine Reihe von Faktoren zusammen, etwa eigene Gewalterlebnisse, Alkohol- und Drogenkonsum oder eine dissoziale Persönlichkeitsstörung, die sich früh beispielsweise im Quälen von Tieren äußern kann. Auch die Gruppendynamik könne eine Rolle spielen.

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Meist sind es Jungen, die zu Gewalttätern werden. So wie mutmaßlich auch in Salzgitter. Warum? Sie haben ein höheres Aggressionspotenzial. Das ist genetisch, aber auch durch die Erziehung bedingt. Zudem identifizierten sich Jungen eher mit Gewalttätern in Filmen oder Videospielen, heißt es in dem Buch. (dpa/red)